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Interview mit Annegret Richter: Nervenaufreibende Fehlstarts

Interview mit Annegret Richter : Nervenaufreibende Fehlstarts

Vor genau 44 Jahren ist Annegret Richter in Montreal Olympiasiegerin über 100 Meter geworden. Ein besonderer Moment für die Dortmunderin. Mit ihr sprach Bernd Eyermann.

Ist der 25. Juli für Sie immer noch ein besonderer Tag?

Annegret Richter: Wie der Geburtstag gehört er mit zu den wichtigen Tagen in meinem Leben.

An was erinnern Sie sich?

Richter: Zuerst an die drei Fehlstarts, die ganz schön an den Nerven gezerrt haben. Erst beim vierten Mal hat es geklappt. Und dann ist es ja auch gut gegangen.

Sie waren Favoritin, spätestens nachdem Sie im Halbfinale mit 11,01 Sekunden Weltrekord gelaufen waren. Hat Sie das überrascht?

Richter: Nein, weil ich wusste, dass ich in sehr sehr guter Form war. Ich war ja schon 11,05 Sekunden im Zwischenlauf gelaufen.

Im Endlauf gewannen Sie in 11,08 Sekunden vor Renate Stecher aus der DDR (11,13) und ihrer Clubkameradin Inge Helten (11,17). Wie hört sich das für Sie heute an: Schnellste Frau der Welt?

Richter: Auch wenn es über 40 Jahre her ist: Es ist immer noch etwas Besonderes. Auch heute kommen noch Menschen auf mich zu, die das Rennen miterlebt haben und erzählen, wie toll sie es fanden.

Viele Olympiasieger klagen, dass sie ihren großen Tag gar nicht genießen konnten. Dopingkontrolle, Pressekonferenzen, Interviews, viel Trubel. Wie war das bei Ihnen?

Richter: Wir hatten das alles auch. Aber schön war, dass ich am Abend mit meinem Mann und meinen Schwiegereltern Essen gehen konnte. Gefeiert haben wir aber nicht, denn an den nächsten Tagen standen der 200-Meter-Lauf und die Staffel auf dem Programm. Darauf musste ich mich vorbereiten.

Apropos Vorbereitung. Sie haben im Winter und Frühjahr zuvor Ischiasbeschwerden gehabt und konnten nicht richtig trainieren. Inwieweit hat Sie das belastet?

Richter: Das hört sich zwar blöd an, aber im Nachhinein muss ich sagen: Diese Ischiasbeschwerden waren positiv für mich. Ich konnte zwar keinen 100-prozentigen Sprint machen, aber zwischen 70 und 80 Prozent konnte ich immer trainieren. Das hat mir für die Sprint-Ausdauer sehr viel geholfen, also für den 200-Meter-Lauf und auch für die letzten 20/30 Meter im 100-Meter-Lauf. Gut war, dass ich nicht über längere Zeit mit dem Training aussetzen musste.

Heute können erfolgreiche Olympioniken von ihrem Sport leben. Wie war das bei Ihnen?

Richter: Bis zum Ende meiner Karriere habe ich halbtags bei der Stadt Dortmund gearbeitet. Für Trainingslager wurde ich freigestellt.

Wären Sie heute nochmal gern jung, um sich auf Olympische Spiele vorbereiten zu können?

Richter: Ich glaube nicht. Das Schöne an der damaligen Zeit war, dass der Zusammenhalt und die Gemeinschaft unter den Sportlern so groß waren. Ich weiß nicht, ob das heute auch noch so ist. Ich möchte die Zeit nicht missen.

Ein großes Thema war damals die angebliche Rivalität zu Ihrer Dortmunder Clubkollegin Inge Helten, der sie im Übrigen den Weltrekord abgenommen hatten.

Richter: Da ist viel von außen hi­neininterpretiert worden. Wir wohnten beide in Dortmund, wir haben zusammen trainiert und wenn man gleich stark ist, gibt es im Wettkampf immer eine gewisse Rivalität. Aber wir haben uns privat gut verstanden und viel gemeinsam unternommen. Ich habe mich immer gewundert, dass man uns eine Rivalität nachgesagt hat. Auch heute treffen wir uns noch.

Gibt es auch Kontakte mit ehemaligen DDR-Sportlerinnen? Mit Renate Stecher oder Marlies Oelsner, später Göhr, die Achte wurde.

Richter: Mit Renate Stecher hat sich ein sehr schöner Kontakt entwickelt. Kurz nach der Grenzöffnung im November 1989 habe ich Renate angerufen. Drei Monate später hat sie uns mit ihrem Mann und den drei Mädchen besucht. Das Älteste der Kinder hat sogar mal bei uns Urlaub gemacht. Wir waren auch bei ihnen und heute telefonieren wir regelmäßig.

Spricht man da eigentlich auch mal über Doping?

Richter: Das war kein Thema. Zu Anfang haben wir natürlich viel über den Sport gesprochen, jetzt sind es eher private Themen.

Was würden Sie aus Ihrer Erfahrung jungen Sportlern mit auf den Weg geben?

Richter: Man sollte den Sport nicht beginnen, weil man den größten Erfolg erreichen will, sondern Sport treiben der Freude wegen. Wenn man talentiert und zielstrebig ist, kommt der Erfolg oft automatisch. Es geht aber nicht immer nur bergauf, manchmal ist man verletzt oder andere Athleten sind besser geworden. Da darf man nicht verzweifeln, sondern sollte zielstrebig weiterarbeiten. Auch wenn man im Sport nicht so erfolgreich ist, kann man immer noch eine ganze Menge fürs Leben mitnehmen.