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Interview mit Leichtathletin Gesa Krause: "Sport macht nur ohne Manipulation Sinn"

Interview mit Leichtathletin Gesa Krause : "Sport macht nur ohne Manipulation Sinn"

Gesa Krause ist Olympia-Medaillenkandidatin. Die Hindernisläuferin äußert sich erschüttert über die Doping-Skandale und nennt das russische Sportsystem eine Schande.

Sensibel, höflich, bescheiden: So wirkt Leichtathletin Gesa Krause bei dem Treffen auf ihrer Heim-Trainingsanlage in Frankfurt-Niederrad. Irgendwie auch zerbrechlich während ihrer Steigerungsläufe auf der Kunststoffbahn. Im Gespräch nach der Übungseinheit: Die zierliche Person, die 2015 mit WM-Bronze über 3000 Meter Hindernis eine 15 Jahre währende Medaillenflaute deutscher Läufer beendet hat, strahlt unglaubliche Energie aus. Krause ist fokussiert auf Erfolg. Und sie hat einen Plan. Über den für die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro sprach sie mit GA-Redakteur Berthold Mertes – und über den Caipirinha danach.

Frau Krause, Sie haben 2015 in Peking die erste deutsche Laufmedaille bei einem Weltereignis seit Nils Schumanns 800-Meter-Gold von Sydney 2000 gewonnen. Träumen Sie noch öfter davon?

Gesa Krause: Ich hatte die Bilder lange präsent. Es war nicht wie sonst: Wettkampf abhaken und an den nächsten denken. Über die Wintermonate ist das WM-Rennen aus den Gedanken herausgerückt, weil ich mich mehr mit dem Training für die neue Saison beschäftigt habe.

Schildern Sie doch mal Ihre Olympiavorbereitung.

Krause: Seit dem Herbst bis zu den Spielen im August in Rio gehören fünf je dreiwöchige Höhentrainingslager dazu, vier davon habe ich jetzt hinter mir. Täglich trainiere ich bis zu dreimal, dabei neben den Laufeinheiten auch reichlich Athletik.

Insofern müssen Sie froh sein, vor den deutschen Meisterschaften an diesem Wochenende ein wenig durchzuschnaufen, oder?

Krause: Ja, das gibt mir Zeit für Dinge, die auch zum Sport gehören: PR-Termine, Interviews für Radio, Fernsehen oder Zeitschriften. Damit fülle ich lockere Wochen so, dass ich mich nicht nutzlos fühle.

Rund 15 000 Menschen folgen Ihnen auf Facebook. Dort gewähren Sie Einblick in Ihren Profi-Alltag. Warum tun Sie das?

Krause: Ich versuche, den Alltag eines Sportlers zu zeigen, denn ich habe schon oft die Frage gestellt bekommen: Fängst du im April wieder mit dem Training an? Deshalb zeige ich, dass eine Saisonvorbereitung bereits im Oktober beginnt. Dass wir sehr viel unterwegs sind. Und dass Kenia für mich nicht Sonne, Strand und Urlaub bedeutet.

Sondern?

Krause: Knallharte Arbeit.

Gesa Krause beim Training

Hilft dabei das Kopfkino vom WM-Bronze?

Krause: Klar sind das Bilder, die sich bei harten Tempoläufen im Kopf abspielen. Aber das wird verstärkt erst wieder vor Olympia kommen. Jetzt will ich zunächst wieder deutsche Meisterin werden, dann kommt die EM – erst danach rückt Olympia in mein Blickfeld. Ich denke immer von Ziel zu Ziel. Vor Rio entwickelt sich eine neue Traumvorstellung.

Nach WM-Bronze hören Sie bestimmt öfter: „Und in Rio holst du Gold.“ Wie empfinden Sie das?

Krause: Das ist ja motivierend gemeint. Aber ich sage dann immer: Ich gebe mein Bestes. Ich bin Realist und kämpfe bis zum letzten Tag um die absolut beste Form.

Zum deutschen Rekord – 9:18,54 Minuten von Antje Möldner-Schmidt – fehlten Ihnen in Peking 71 Hundertstelsekunden – wann fällt er?

Krause: Den Rekord habe ich schon lange Zeit vor Augen. Er ist definitiv ein Ziel für dieses Jahr. Unter 9:15 sollte es schon gehen. Zumal die Top Drei der Welt zwischen 9:00 und 9:10 Minuten laufen können.

Mit welchem Plan wollen Sie denn eine Olympiamedaille gewinnen?

Krause: Bisher ist es mir immer sehr gut gelungen, mein Potenzial auszuschöpfen. Auf den 15. August 2016 (Krauses Olympiafinale, die Red.) kommt es an. Alles ist auf diesen Tag X ausgerichtet.

Und irgendwann wollen Sie ganz oben stehen, die Hymne hören?

Krause: Definitiv ja. Das ist meine Triebfeder, auch wenn ich dieses Jahr davon noch entfernt bin. Ich bin noch jung, es steckt viel Potenzial in mir, das herausgekitzelt werden will. Meine Zeit kommt noch. Irgendwann will ich nicht die Erste sein, die sich anstellt, sondern ganz vorne sein.

Bronze für Deutschland im 3000m Hindernislauf für Gesa Krause

Wie ist es, im Läuferland Kenia zu trainieren, die Athleten dort zu erleben und kennenzulernen?

Krause: Es ist beeindruckend für die Psyche und wirkt sich auf die eigene Einstellung aus. Weil die Menschen mit einem Lächeln auf den Platz gehen. Und dann rennen sie einfach, bis sie nicht mehr können. Das muss man sich zu Herzen nehmen. Denn unser Sport ist ein Knochenjob. Ist mit Schmerz und Leid verbunden. Ich bin immer froh, wenn ich die Trainingslager hinter mir habe. Aber ich weiß halt, dass dieses harte Training mich besser macht.

Ist die Bereitschaft der Afrikaner, sich zu quälen, stärker ausgeprägt als bei Mitteleuropäern?

Krause: Ja. Vereinzelt bringen Menschen sie auch hier mit.

Wie Sie zum Beispiel. Warum eigentlich?

Krause: Das hat mit Leidenschaft zu tun. Wenn einem etwas wichtig ist, nimmt man auch mehr Strapazen auf sich.

Warum sind Sie Läuferin?

Krause: Ich habe als Schülerin auch Stabhochsprung ausprobiert. Alles außer Hammerwurf und Dreisprung. Aber ich war schon immer relativ klein und zierlich. Ich bin kein geborener Sprinter, war aber von Beginn an recht gut über die Mittelstrecke. Also blieb nur das Laufen übrig. Die Vielseitigkeit in jungen Jahren hat gut getan – deshalb bin ich heute vielleicht auf der Hindernisstrecke zu Hause.

Seit 2009 werden Sie von Wolfgang Heinig (aktuell Bundestrainer für alle Laufdisziplinen ab 800 Meter) betreut. Welche Rolle spielt er?

Krause: Er hat mich als hessischer Landestrainer von Dillenburg nach Frankfurt geholt und mir angeboten, aufs Sportinternat zu gehen. Das war die wichtigste Entscheidung. Er hat mir den Weg aufgezeigt. Er hat einen Plan, wie man Leistung entwickelt – fundiert, strukturiert und zielstrebig. Das war mir gleich plausibel.

Sind Sie ein Kopfmensch?

Krause: Auf jeden Fall. Auch wenn mir das in jungen Jahren noch nicht bewusst war.

Bleibt noch Zeit für Genuss?

Krause: Ja, ich koche sehr gerne, wenn die Zeit es erlaubt, und mag frisches Essen. Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig, aber ich trinke auch gerne einmal ein Glas Rotwein zum Essen.

Doping beeinträchtigt stärker denn je die Leichtathletik. Russische Athleten haben betrogen, was das Zeug hält. Auch Kenia steht im Zwielicht. Wie empfinden Sie das?

Krause: Russland macht mich sprachlos. Wöchentlich kommen neue Meldungen. Man kann derzeit keinem Sportler von dort vertrauen. Es tut mir leid für den einen oder anderen sauberen Athleten, den es vielleicht auch in Russland gibt. Aber ich habe inzwischen keine Lust mehr, mir das anzuschauen und darüber zu lesen.

Was erschüttert Sie am meisten?

Krause: Es ist eine Schande, dass dieses System offenbar vom Staat instruiert ist. Dass fast alle unter einer Decke stecken.

Und in Kenia?

Krause: Dort ist die Führung das Problem, bei den Russen sind es inzwischen die Athleten selbst, weil der Staat sie über Jahrzehnte zu Betrügern gemacht hat. In Kenia wirkt alles unorganisiert, Verbandsfunktionäre kochen ihr Süppchen. Und es kommt mir so vor, dass die dopenden Athleten meistens aus der dritten und vierten Reihe kommen. Weil sie sich ein bisschen Geld verdienen wollen.

Stört es Sie, wenn Leute sagen, ohne Doping ließe sich keine Medaille in der Leichtathletik gewinnen?

Krause: Na klar. Vor allem finde ich es unfair, dass wir und Athleten einiger Nationen 24 Stunden rund um die Uhr überwacht werden. Wir melden der Nationalen Anti Doping Agentur, wo wir sind, was wir machen. Dagegen kriegt man es anderswo nicht auf die Reihe, den Athleten beizubringen, dass Kontrollen und harte Strafen notwendig sind – weil der Sport nur ohne Manipulation Sinn macht.

Sind Sie dafür, dass Russlands und Kenias Leichtathleten in Rio nicht starten?

Krause: Bei den Russen fände ich es sehr grenzwertig, wenn sie am Ende doch noch zugelassen würden. Dagegen kann ich mir bei den Kenianern nicht vorstellen, dass sie ausgeschlossen werden.

Was hat sich für Sie seit WM-Bronze verändert?

Krause: Es gab ein paar Fernsehauftritte, die Zahl der facebook-Follower hat sich erhöht, aber in puncto Sponsoren ist leider nichts passiert.

Obwohl Sie zu Deutschlands Leichtathletin des Jahres gewählt wurden?

Krause: Die bestehenden Partnerschaften haben sich gefestigt, aber es kam nichts Neues dazu. Der Verein und der Ausrüster - das sind meine einzigen Sponsoren, und natürlich die Bundeswehr. Im Prinzip habe ich diese drei Arbeitgeber.

Laufsternchen Sabrina Mockenhaupt oder Eisschnellläuferin Anni Freisinger haben mit Modeln mehr Geld verdient als mit dem Sport. Wäre ein solches Parallel-Engagement etwas für Sie?

Krause: Darüber habe ich mir noch nicht viele Gedanken gemacht. Bis 30 will ich den Sport definitiv machen. Ich hoffe, dass sich in dieser Zeit die eine oder andere Tür öffnet.

Über die Karriere nach der Karriere machen Sie sich noch keine Gedanken?

Krause: Es gibt Tage, an denen ich grüble, ob ich in meinem Fernstudium der Wirtschaftspsychologie vielleicht etwas schneller vorwärts komme. Aber Laufen ist momentan ein Fulltime-Job. In den letzten beiden Jahren ist mir das sehr deutlich geworden.

Brasilien steckt in einer gesellschaftlichen Krise. Gehört Olympia dorthin?

Krause: Es ist immer so, wenn die Spiele in weniger entwickelte Länder vergeben werden, dass es Volksgruppen gibt, die darunter leiden. Leider trifft es dann meistens die Armen. Auch wenn ich mir selbstverständlich darüber Gedanken mache: Was soll ich tun? Ich trainiere mein ganzes Leben für Olympia. Das ist mein Job. So hart es klingt: Deshalb kann ich darauf auch leider keine Rücksicht nehmen. Ich muss an mich selbst denken.

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit wegen des Zika-Virus?

Krause: Ich mache mir keinen großen Kopf darüber. Für die Leute, die in verschmutztes Wasser müssen, sieht die Sache sicherlich anders aus.

Angst vor Terror?

Krause: Habe ich nicht. Ich denke immer positiv. Es kann dich überall erwischen, nicht zuletzt bei einem Trip in eine europäische Metropole, auch in Frankfurt. Das ist ein grundsätzliches Problem, mit dem wir heute leben müssen. Alles weitere ist Schicksal. Vielleicht bin ich in Rio nicht so viel alleine außerhalb des Dorfes unterwegs wie in London. Ich werde auch nicht mit Schmuck an der Copacabana herumlaufen.

Nach den Spielen in London waren Sie total erschöpft und reisten früher ab als geplant. Wie kam das?

Krause: Damals wollte ich unbedingt dortbleiben und gemeinsam mit der gesamten Mannschaft die Heimreise mit dem Schiff antreten. Doch ich war emotional und körperlich völlig ausgelaugt, wollte plötzlich nur noch nach Hause. Wenn man das ganze Jahr auf ein großes Ziel hinarbeitet, folgt danach ein unglaublicher Spannungsabfall.

Für Rio schließen Sie einen solchen Zusammenbruch aus?

Krause: Jetzt bin ich vier Jahre älter und habe einen festen Platz im deutschen Team, kenne die Leute besser und habe meinen Coach dabei. Ich bleibe diesmal definitiv bis zum Ende der Spiele. Das Erlebnis Olympia will ich mitnehmen.

Wie genießen Sie den Abschluss?

Krause: An der Copacabana mit einem Caipirinha – das ist sowieso mein Lieblingscocktail.