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Tischtennis-Profi Timo Boll über Olympia-Erfolg: „emotionalster Moment meine Karriere“

Serie „Best of Olympia“ : Timo Boll: „Der emotionalste Moment meine Karriere“

Timo Boll holte mit dem Tischtennis-Team Silber bei den Olympischen Spielen in Peking 2008. In Tokio im kommenden Jahr will er erneut um Edelmetall spielen.

Als er die entscheidende Vorhand für Seiya Kishikawa unerreichbar platziert hat, gibt es für Timo Boll kein Halten mehr. Der Tischtennisspieler reißt die Arme in die Höhe und lässt sich rückwärts auf den roten Hallenboden fallen, Erleichterung und Freude stehen ihm ins Gesicht geschrieben. Sekunden später ist er in der Jubeltraube unter seinen Teamkollegen Dimitrij Ovtcharov und Christian Süß sowie Bundestrainer Richard Prause verschwunden. Es war ein dreistündiger Krimi mit Happy End: Die deutschen Tischtennis-Herren haben das Halbfinale bei den Olympischen Spielen 2008 gegen Japan mit 3:2 für sich entschieden und stehen im Finale. Silber ist ihnen sicher – und die Spieler jubeln, als hätten sie Gold gewonnen. Denn der Gegner im Finale ist das schier übermächtige China, der Titelabonnent im internationalen Tischtennis, der auch noch das Publikum auf seiner Seite hat, da die Spiele in Peking ausgetragen werden.

Das Finale geht am 18. August wie erwartet deutlich mit 0:3 verloren, aber in Erinnerung bleibt dieses Spiel gegen Japan zwei Tage zuvor, das die Silbermedaille brachte. „Das war der emotionalste Moment meiner Karriere“, sagt Boll heute noch. Der inzwischen 39-Jährige ist der erfolgreichste deutsche Tischtennisspieler, er war im Einzel mehrmals die Nummer eins der Welt, WM-Dritter, Europameister und mehrmaliger Deutscher Meister. Mit Borussia Düsseldorf gewann er auf Vereinsebene alles, was es zu gewinnen gibt. Und er holte mit dem Team bei Olympischen Spielen später noch zwei Bronzemedaillen.

„Mit der Mannschaft freut man sich noch mehr als im Einzel“

Peking im August 2008 war für ihn trotzdem etwas Besonderes. „Wir hatten damals alle noch keine Medaille bei Olympischen Spielen gewonnen und wollten uns diesen Traum erfüllen“, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Er werde nie vergessen, wie Teamkollege Süß ihm nach seinem entscheidenden Punkt immer wieder den Kopf geschüttelt habe. „Mit der Mannschaft freut man sich noch mehr als im Einzel“, sagt er, „die Freude ist brachialer.“

Tischtennisspieler seien normalerweise Einzelsportler. Aber in dem olympischen Wettbewerb habe er für die anderen in seinem Team und sein Land gespielt, das sei eine spezielle Situation. Und die Atmosphäre sei natürlich auch etwas Besonderes. Für den großen Moment haben Boll und Co. hart gearbeitet und auf vieles verzichtet. „Ich habe vor Peking anderthalb Jahre keine Süßigkeiten gegessen und keinen Schluck Alkohol getrunken“, sagt er. Im Hexenkessel von Peking, dem Land, in dem Tischtennis so populär ist und Boll Superstar-Status genießt, hielt er dem Druck dann stand. „Vielleicht habe ich den ja sogar gebraucht“, meint er. „Ich habe in Mannschaftswettbewerben immer wesentlich besser gespielt als im Einzel.“

Bei den Spielen in Peking erlebte Boll auch erstmals eine Eröffnungsfeier mit. Acht Jahre später in Rio de Janeiro war er dann sogar Fahnenträger des gesamten deutschen Teams. Die Wettbewerbe in Tokio, die wegen der Corona-Pandemie verschoben worden sind, wären seine sechsten Spiele – und die hat er fest im Blick, auch wenn er dann schon 40 Jahre alt sein wird. „Insgesamt hat sich nicht so viel geändert“, sagt er. „Ich bin qualifiziert.“ Und die vergangenen Monate habe er genutzt, um zu regenerieren. „Der Sport macht mir immer noch viel Spaß und die Leidenschaft habe ich auch noch. Ich bin voller Tatendrang und hoffe, dass es klappt.“