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Wie „Albatros“ Michael Groß 1984 zu Olympiagold flog

GA-Serie „Best of Olympia“ : Wie „Albatros“ Michael Groß 1984 zu Olympiagold flog

Besondere Olympia-Momente: Am 29. Juli 1984 wird Schwimmer Michael Groß in Los Angeles erstmals Olympiasieger. Zwei weitere Goldmedaillen sollen noch folgen.

Bei der gigantischen Eröffnungsfeier schwebt ein „Rocket-Man“ mit Raketenantrieb ins Coliseum von Los Angeles. Am ersten Wettkampftag der Spiele 1984 – an diesem Mittwoch vor 36 Jahren – ist es der Offenbacher Schwimmer Michael Groß, der quasi den Turbo eingelegt hat und die 200 Meter Freistil in neuer Weltrekordzeit von 1:47,44 Minuten gewinnt. Dank seiner Körpergröße von 2,01 Metern hat er von Anfang an Vorteile. Nach dem Startsprung bleibt er länger unter Wasser als die anderen Schwimmer und gewinnt dabei schon 30 bis 40 Zentimeter, stellt ZDF-Reporter Harry Valérien fest. Bis zur zweiten Wende hält er diesen Vorsprung, auf den Bahnen drei und vier zieht er davon, als er anschlägt, liegt er gut eineinhalb Sekunden vorn. Eine Demonstration der Stärke.

Doch so souverän Groß durch das Wasser gleitet, an Land wirkt er oft unnahbar. „Eigenwillig, unbequem, querköpfig, egozentrisch“ – das sind einige der Attribute, die die Öffentlichkeit dem damals 20-jährigen Abi-
turienten zuschreibt. Autogrammjäger und den Bundeskanzler brüskiert er. Und Sportlerehrungen bleibt er zuweilen fern. „Kein Star zum Anfassen“, lautete seinerzeit der Titel einer Fernseh-Dokumentation über den Schwimmstar wider Willen. Groß selbst spricht in einem aktuellen ZDF-Interview von einem „Schutzwall“, den er um sich herum aufgebaut habe, weil sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit Anfang der 80er Jahre extrem auf ihn fokussiert habe.

Ein solches Schwimmtalent hat es in der Bundesrepublik noch nicht gegeben. Und gepaart mit harter Arbeit im täglichen Training macht er eine ganze Menge daraus. Am Tag nach seiner ersten Goldmedaille etwa schlägt er über 100 Meter Schmetterling sensationell den hohen Favoriten Pablo Morales – wieder in Weltrekordzeit –, muss aber 100 Minuten später mit der 4x200-Meter-Freistilstaffel „seine größte Niederlage“ hinnehmen, wie er selbst sagt. Vier Hundertstel hinter der US-Staffel schlägt Groß für Deutschland an. Und auch einige Tage später gewinnt er „nur Silber“.

Die 200 Meter Schmetterling sind die Disziplin, die er seit drei Jahren beherrscht, auf der er aber kurz vor dem Anschlagen noch von dem weitgehend unbekannten Australier Jon Sieben abgefangen wird. Es ist aber auch das Rennen, das wegen eines Ausspruchs von ARD-Reporter Jörg Wontorra auch dreieinhalb Jahrzehnte später noch in aller Munde ist. „Flieg, Albatros, flieg“, ruft er Groß, der das natürlich nicht hören kann, wenige Meter vor dem Ziel zu. Ein Jahr zuvor hatte die französische Sportzeitung „L’Equipe“ ein Bild des Riesenvogels mit den ausgebreiteten Schwingen über ein Foto des Modellathleten – Spannweite 2,13 Meter – gelegt. Aber erst Wontorra machte Groß in Deutschland zum Albatros. Seit 2019 sind das Konterfei des Sportlers und der Spruch des Reporters auf einer Briefmarke verewigt – in der Reihe „Legendäre Olympiamomente“.

Seine Goldmedaille über 200 Meter Schmetterling holt Groß dann vier Jahre später in Seoul. Da ist er längst Student der Germanistik, Politik und Medienwissenschaften. Später macht er seinen Doktor in Philologie. Heute ist er Unternehmensberater, Lehrbeauftragter für Digital Leadership an der Frankfurter Uni, Coach, Redner und Autor mit eigener Firma. Sein Kernthema sei, „wie sich Unternehmen in der Führung und Organisation verändern sollten, um im digitalen Zeitalter weiterhin erfolgreich zu sein“, beschreibt er 2019 in einem „Stern“-Interview seine Tätigkeit. Dort erzählt er auch, dass das Frei- oder Hallenbad nicht mehr unbedingt seine Sache ist. Viel lieber schwimme er mittlerweile im Meer oder im See. Und dass er gern mit dem Mountainbike oder auf dem Wakeboard unterwegs ist.