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Olympische Spiele in den 1920er Jahren: Zwei Goldmedaillen innerhalb von 45 Minuten

Olympische Spiele in den 1920er Jahren : Zwei Goldmedaillen innerhalb von 45 Minuten

Der finnische Lang- und Mittelstreckenläufer Paavo Nurmi ist der Star der Olympischen Spiele in den 1920er Jahren.

Das Stadion im Grunewald ist schon fertig. Mit großem Pomp wurde es im Juni 1913 eröffnet und soll bei den Olympischen Spielen drei Jahre später gut 30 000 Zuschauern Platz bieten. Doch statt im sogenannten Deutschen Stadion in Berlin steht sich die Jugend der Welt auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs gegenüber. Erstmals in der Neuzeit müssen die Wettkämpfe ausfallen.

Als sich die besten Sportler 1920 in Antwerpen zu den Spielen der VII. Olympiade treffen, dürfen Deutsche, Österreicher, Ungarn, Türken und Bulgaren nicht teilnehmen, weil ihre Länder als Kriegsverursacher gelten. Die meisten Tribünen sind leer, da sich die Belgier den Eintritt nicht leisten können und sie in ihrer vom Krieg zerstörten Stadt Wichtigeres zu tun haben.

Das stört den überragenden Leichtathleten der Spiele, den Finnen Paavo Nurmi, nicht. Über 10 000 Meter sowie im Geländelauf (Einzel und Mannschaft) gewinnt er seine Goldmedaillen eins bis drei. Vier Jahre später in Paris kommen fünf weitere hinzu, wobei ihm das Kunststück gelingt, innerhalb von 45 Minuten sowohl über 1500 als auch über 5000 Meter Gold zu holen. Nurmi ist der überragende Lang- und Mittelstreckler der 1920er Jahre. Im Brustschwimmen gilt dasselbe für den Magdeburger Erich „Ete“ Rademacher. 30 Weltrekorde stellt er auf, doch eine Medaille im olympischen Becken ist ihm nicht vergönnt, denn eine deutsche Mannschaft darf auch in der Hauptstadt des Erzfeinds noch nicht wieder antreten.

Erst 1928 in Amsterdam ist Deutschland wieder dabei und erreicht auf Anhieb Platz zwei im Medaillenspiegel. Auch Rademacher trägt mit Silber über 200 Meter Brust und als Torwart der Wasserballer, die im Finale überraschend gegen Ungarn gewinnen, dazu bei. Das erste Mannschafts-Gold für Deutschland. Dabei erweisen sich die Wasserballer als Garanten für gute Stimmung. Warum – das erzählt er 50 Jahre später in einem Rundfunk-Interview: Bei der Einkleidung hätten sie die Frage beantworten müssen: „Trinken Sie Alkohol oder Bier? Wir haben geschrieben: Ja. Die Leichtathleten und die anderen haben geschrieben: Nein. Dann kamen sie jeden Abend zu uns und bettelten, ob sie nicht ne Flasche Bier kriegen könnten.“

Endlich gibt es auch Wettkämpfe in der Leichtathletik für Frauen – auch über 800 Meter, wo Karoline Radke aus Breslau Gold gewinnt. Doch als sich zahlreiche Läuferinnen nach dem Rennen erschöpft ins Gras fallen lassen, wird das als so „undamenhaft“ empfunden, dass man die Mittelstrecke bis 1960 wieder aus dem Programm streicht.

Die ersten Spiele der Superlative sind jene von 1932 in Los Angeles. Eineinhalb Millionen Zuschauer werden an den 16 Wettkampftagen gezählt, zahlreiche Welt- und Olympiarekorde aufgestellt – und das, obwohl wegen der Weltwirtschaftskrise viel weniger Sportler als 1924 und 1928 zu Olympia gekommen sind. Hollywood lädt zu Empfängen und Gartenfesten, Marlene Dietrich besucht die deutsche Mannschaft, und auch im Alltag sind die Sportler hin und weg. Die Frankfurter Speerwerferin Tilly Fleischer erinnert sich noch über 60 Jahre später in einem Interview an die Gastfreundschaft der Amerikaner: „Die haben kistenweise Obst in unsere Zimmer gebracht: Riesen-Pfirsiche, Orangen. Das gab es bei uns ja überhaupt nicht.“ Sie gewinnt Bronze und freut sich schon auf die Spiele in der Heimat. Denn 1936 findet Olympia tatsächlich in Berlin statt. Spiele, die von der Politik instrumentalisiert werden sollten.