Eine neue Idee

Anand überrascht Kramnik mit seinem 14. Zug

  Thomas Jackelen  analysiert die dritte Partie.

Thomas Jackelen analysiert die dritte Partie.

Foto: Ronald Friese

Bonn. Der Internationale Meister Thomas Jackelen vom GSK kommentiert die dritte Partie. Weiß: Kramnik (Russland) - Schwarz: Anand (Indien): 1. d4 d5 2. c4 c6 3. Sf3 Sf6 4. Sc3 Erleichterung bei den Kommentatoren und Zuschauern. In der ersten Partie spielte Kramnik hier das eher langweilige 4.cxd5. 4. . . . e6 5. e3 Sbd7 6. Ld3 dxc4 7. Lxc4 b5 Die sogenannte Meraner-Variante im Slawischen Damengambit.

Beide Spieler gelten als Experten in dieser Eröffnungsvariation. Prinzipiell führt dieses Abspiel zu interessantem, sehr scharfem Spiel. Sicher eine gute Wahl von Anand, der als glänzender Taktiker gilt. 8. Ld3 a6 An dieser Stelle hat Anand bislang meist 8. . . . Lb7 gespielt. Mit 8. . . . a6 bereitet er den Vorstoß c6-c5 vor, um das weiße Zentrum anzugreifen. 9. e4 c5 10. e5 cxd4 11. Sxb5 Sofort 11. exf6 dxc3 ist ungünstig für Weiß. Vor fast zehn Jahren hat Kramnik diese Stellung schon einmal gegen den Ex-Weltmeister Garri Kasparow auf dem Brett gehabt.

11. . . . axb5 Kasparow spielte damals 11. . . . Sxe5 12. Sxe5 axb5 13. Lxb5+ Ld7 14. Sxd7 Da5+ 15. Ld2 Dxb5 mit späterem Remisausgang.12. exf6 gxf6 13.0-0 Natürlich nicht 13. Lxb5?? Da5+ und Weiß verliert seinen Läufer. 13. . . . Db6 14.De2 Kramnik hat einen Bauern geopfert, besitzt dafür aber die weit bessere Bauernstruktur. Zudem neigen die schwarzen Bauern auf b5 und d4 zur Schwäche. 14. . . . Lb7! Eine neue Idee und zugleich eine unangenehme Überraschung für Kramnik. Anand gibt sogleich seinen Mehrbauern zurück und setzt auf die schnelle Entwicklung seiner Figuren.

In dieser bekannten Stellung wurde hier meist 14. . . . La6 oder 14. . . . b4 gespielt. 15. Lxb5 Ld6 16. Td1 Tg8 Der Weltmeister spielt weiter sehr aktiv. 17. g3 17. Txd4? wäre ein großer Fehler, denn nach 17. . . . Txg2+! 18. Kxg2 Dxd4 19. Lxd7+ Ke7! (19. . . . Kxd7? 20.Db5+) hätte Anand die überlegene Stellung. 17. . . . Tg4! Deckt den Bauern auf d4 und plant Ke7, Tag8 mit starkem Angriff. 18. Lf4! Die Experten unter den Beobachtern diskutierten lebhaft eine fantastische Variante 18. Sd2 mit der Doppeldrohung Dxg4 und Sc4 18. . . . Ke7!!

19. Lxd7 (19. Dxg4 Dxb5 ist besser für Schwarz) 19. . . . Tag8 20. Lb5 d3! 21. Dxd3 (21. Lxd3 Lxg3) 21. . . . Txg3+ 22. hxg3 Txg3+ 23. Kf1 Txd3 24. Lxd3 Dd4 und Anand steht trotz materiellen Nachteils deutlich besser. 18. . . . Lxf4 Zeitverbrauch bis hierher: Kramnik: 80 Minuten, Anand: 10. 19. Sxd4 Dieser Zug hat den Weltmeister sichtlich überrascht. Für seine Antwort überlegte er rund 40 Minuten. Die wahrscheinlich bessere Alternative war 19.

Txd4 0-0-0 20. Tad1 Ld5 mit etwa gleichen Chancen. 19. . . . h5 20. Sxe6 fxe6 21. Txd7 Kf8 22. Dd3! Tg7! Gibt angesichts der starken Drohung 23. Dh7 die Mehrfigur wieder zurück. 23. Txg7 Kxg7 24. gxf4 Td8 25. De2 Kh6. Nach den taktischen Verwicklungen hat sich nun der Pulverrauch verzogen. Wie ist die Position zu bewerten? Rein materiell betrachtet verfügt Kramnik mit seinen beiden Mehrbauern über einen klaren Vorteil. Viel schwerer wiegt in dieser Stellung aber die sehr schlechte Königsstellung von Kramnik.

Zudem stehen Anands Figuren, insbesondere der starke Läufer auf b7, wesentlich aktiver. 26. Kf1 Tg8 27. a4 Lg2+ 28. Ke1 Lh3 29.Ta3? Bei knapper werdender Bedenkzeit greift Kramnik fehl. Besser war 29. Td1 Tg1+ 30. Kd2 Tg2 und Schwarz bleibt am Drücker. 29. . . . Tg1+ 30.Kd2 Dd4+ 31. Kc2 Lg4 möglich war auch direkt 31. . . . Lf5+ 32. Td3 (32. Ld3? Lg4 führt zur Partiestellung, die für Schwarz gewonnen ist.; 32. Kb3? Tc1) 32. . . . Lxd3+ 33. Dxd3 Dxf2+ 34. Dd2 und die Stellung ist unklar. Die weißen Freibauern am Damenflügel können im Endspiel sehr gefährlich werden. 32. f3? Der entscheidende Fehler von Kramnik.

Die einzige Verteidigung bestand in 32. Td3 Lf5 33. Kb3 Lxd3 34. Lxd3 Dxf4 35. Dxe6 Dxf2 mit besseren Chancen für Schwarz. 32. . . . Lf5+ Nun gibt es für Kramnik kein Entkommen mehr, Anand steht auf Gewinn! 33. Ld3 33. Kb3 hilft auch nicht mehr wegen 33. . . . Tc1 wonach die Drohungen 34. . . . Tc2 oder 34. . . . e5 nebst Le6+ nicht mehr zu verteidigen sind. 33. . . . Lh3 Verpasst in Zeitnot den schnelleren Gewinn mit 33. . . . Lxd3+ 34. Txd3 (34. Dxd3 Tg2+ und Schwarz setzt Matt.)

34. . . . Dc4+ Aber auch die Partiefortsetzung führt zum sicheren Gewinn. 34. a5 Kramnik opfert seine Dame. Dies ist aber ebenso hoffnungslos wie 34. De4 Tg2+ 35. Kd1 Dg1+ 36. De1 Dxh2 und die Drohung 37. . . . Tg1 entscheidet. 34. . . . Tg2 35. a6 Txe2+ 36. Lxe2 Lf5+ 37. Kb3 De3+ 38. Ka2 Dxe2 39. a7 Dc4+ 40. Ka1 Df1+ 41. Ka2 Lb1+ - 0:1.

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