Kämpfer aus Bonn Muay-Thai-Boxer Vincent Vosen auf dem Sprung zum Profi

Bonn · Der Bonner Muay-Thai-Boxer Vincent Vosen steht vor dem wichtigsten Kampf seiner Karriere. Vor seinen Duellen pflegt er ein ungewöhnliches Ritual mit seinen Gegnern.

Muay-Thai-Kämpfer Vincent Vosen (rechts) bei einem Kampf in Thailand 2022.

Muay-Thai-Kämpfer Vincent Vosen (rechts) bei einem Kampf in Thailand 2022.

Foto: Fighter X

„Kurz vor dem Kampf ist es Horror. Sobald die Glocke ertönt, ist es der Wahnsinn“, beschreibt Vincent Vosen seine Gefühlslage, wenn er in den Ring steigt. Der 27-Jährige steht vor einem der wichtigsten Kämpfe in seiner bisherigen Thai-Boxer-Laufbahn: Im Spätsommer soll er um den Deutschlandtitel in der Gewichtsklasse bis 63,5 Kilogramm des WBC (World Boxing Council) kämpfen. Es wäre für ihn der erste Kampf in der A-Klasse, der gleichbedeutend sein Profidebüt darstellt.

Um mit diesem Gefühl etwas besser umgehen zu können, unterhält sich Vosen vor seinen Kämpfen gern bei einem Kaffee mit seinen Gegnern. Was auf den ersten Blick absurd wirkt, ist im Muay Thai Normalität: „Der Gegner ist nicht mein Feind. Auch wenn das komisch wirken mag, der Kampf gehört in diesem Sport zum Training.“ Dies ist auch einer der großen Unterschiede zu anderen Kampfsportarten: „Nach dem Kampf wird nicht erst mal für vier Wochen Pause gemacht. Du trainierst, hast einen Kampf, und danach geht es direkt wieder ins Training“, führt Vosen aus. Der Sport ist insgesamt von Respekt geprägt: „Vor der letzten Runde und nach Ende des Duells kommt es zur Umarmung der beiden Kämpfer, sie werden auch vom Schiedsrichter dazu angewiesen“, ergänzt er.

Kaffee trinkt Vosen allerdings nicht nur vor den Kämpfen gern: „Mein Spitzname ,Cappuccino‘ kommt nicht von ungefähr. Wenn ich mal nicht trainiere, Training gebe oder arbeite, hänge ich am liebsten in Bonner Cafés rum“, gibt er schmunzelnd zu. Der seit sieben Jahren in Bonn sesshafte Vosen hat zudem das Angeln für sich entdeckt. Um dem Sport ein bisschen seine Ernsthaftigkeit zu nehmen, kämpft Vosen in pinken Shorts mit blauen Schleifchen.

Übers Kickboxen zum Muay Thai

Der in Siegburg aufgewachsene Athlet kam vor zwölf Jahren zum Kampfsport und gelangte über das Kickboxen 2018 zu seiner jetzigen Leidenschaft. „Mein Trainer hat mich damals für drei Wochen mit nach Thailand genommen. Dort habe ich den Sport kennengelernt, und mir wurde klar, dass ich ab diesem Zeitpunkt nur noch Muay Thai kämpfen möchte“, erzählt Vosen. Nach seiner Ausbildung zum Erzieher ging er erneut für ein halbes Jahr nach Thailand und absolvierte dort auch seine ersten Profi-Kämpfe.

Einer seiner Höhepunkte in Thailand war der Kampf im „Rajadamnern Muay Thai Stadion“, einem der geschichtsträchtigsten Muay-Thai-Stadien des Landes: „Ich habe in dieser Arena gegen Lampard gekämpft, der schon einige Titel vorzuweisen hat“, schwärmt er weiter. In dem Duell brach er sich die Stirnhöhle, kämpfte weiter und verlor am Ende trotzdem.

Aktuell weist Vosen einen Kampfrekord von zwölf Siegen, einem Unentschieden und drei Niederlagen auf. In Thailand ist Muay Thai Nationalsport: „Wenn du dort auf der Straße bist, hörst du ständig, wie jemand trainiert. An jeder noch so kleinen Streetfood­ecke steht ein Fernseher, auf dem Kämpfe gezeigt werden“, erzählt er fasziniert.

Trainingsstätte baut er selbst mit auf

Seine Trainingsstätte in Bonn, das „Turtles Gym“, baute er selbst mit auf. In der dafür angemieteten Garage musste so einiges auf Vordermann gebracht werden: „Wir mussten einen neuen Holzboden verlegen, da der Untergrund ziemlich uneben war. Wir haben die Wände und eigentlich alles neu gemacht, die Garage war vorher leer.“

Mit rund 100 Mitgliedern befindet sich der Verein aktuell auf der Suche nach einer größeren Übungsstätte. „In unserem Gym trainieren so ziemlich alle Altersklassen, sowohl weiblich als auch männlich“, erklärt Vosen. In dem Gym in der Bonner Weststadt geben viele der Kämpfer auch ehrenamtlich Training: „Alle hier machen das aus Leidenschaft und für den Sport. Wir wollen eine Alternative für die Menschen darstellen. Manche zahlen keinen Beitrag, weil das Geld nicht reicht. Andere zahlen mehr, um es denjenigen zu ermöglichen, die es sich sonst nicht leisten können.“

Für Vosen ist der Muay-Thai-Kampfsport so besonders, weil man viel über die körperlichen Fähigkeiten hinaus lernt und kulturell mitgegeben bekommt: „Die ganzen buddhistischen Elemente und den Respekt gegenüber anderen, das sind alles Elemente, die einem im Alltag weiterhelfen.“ Seine Erfahrungen aus dem Muay Thai übernimmt er zum Beispiel vor Bewerbungsgesprächen: „Wenn ich dann kurz davor nervös bin, denke ich mir: Ich stand gegen Lampard im Ring und habe es überlebt. Was soll mir schon passieren?“

Vosens großes Ziel ist es, Profi zu werden und auch „international zu schauen, was möglich ist“. Der erste Schritt in diese Richtung soll der Kampf um den Deutschlandtitel werden. Bis dahin aber möchte Vosen noch möglichst viele Kämpfe in der B-Klasse absolvieren, um nach dem Cappuccino mit dem aktuellen Titelträger in den Ring zu steigen.