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Nico Schlickum aus Köln verstärkt das Bundestrainerteam im Klettern

Verstärkt Bundestrainerteam : So kam Wissenschaftskoordinator Nico Schlickum zum Klettern

Der Kölner Nico Schlickum unterstützt als Wissenschaftskoordinator das Bundestrainerteam im Sportklettern. Dabei kam der zweite Vorsitzende des Siegburger Alpenvereins nur über einen Zufall zum Klettern.

Beim Klettern kommt es darauf an, sich eine passende Route zurechtzulegen. Griff für Griff, Tritt für Tritt zu planen. Und trotzdem erlebt der Kletterer an der Wand Überraschungen: Der vermeintliche Griff ist gar keiner, lässt den Athleten zunächst ins Leere greifen, zwingt ihn zum Umdenken, zu einem Umweg. Eine Sportart wie eine Metapher für das Leben selbst. Auch Nico Schlickum ist durch einen Zufall zum Klettern gekommen. Anfangs ein Hobby, später Studienschwerpunkt und mittlerweile Beruf. Seit Beginn des Jahres unterstützt der Kölner und 2. Vorsitzende der Siegburger Sektion des Deutschen Alpenvereins das Bundestrainerteam der Sportkletterer.

Der Weg dahin begann 2009 in einem Bergdorf in Brasilien. Dort absolvierte der heute 30-Jährige einen „anderen Dienst im Ausland“, ein freiwilliges soziales Jahr an einer Schule. „Brasilien habe ich nur mit Capoeira assoziiert“, erinnert er sich. Auf die Mischung aus Kampfkunst und Tanz hatte er sich gefreut - und auch vorbereitet. „Stattdessen bin ich in einem kleinen Bergdorf gelandet. Mit Capoeira war da nichts.“ In den Bergen beobachtete er Kletterer an den Felsen, bis er die Sportler ansprach und direkt mitklettern durfte. „Der Klettersport ist einfach eine offene Community.“ Es gab nur ein Problem: „Ich bin nirgendwo hochgekommen“, sagt er und lacht. Warum, wird ihm erst später klar: Schlickum war gerade auf die Kletter-Elite Brasiliens gestoßen.

Kletterhallen sahen vor zehn Jahren noch ganz anders aus

Zurück in Deutschland suchte er nach Möglichkeiten, sein neues Hobby fortzusetzen. Vor zehn Jahren sahen Kletterhallen noch ganz anders aus, keine aufwendig gestalteten Freizeiteinrichtungen, sondern alte Industriehallen. Behelfsquartiere für die Winterzeit, wenn die Sportler nicht draußen am Fels klettern konnten. Zu der Zeit musste Schlickum auch noch regelmäßig erklären, was er da eigentlich genau für einen Sport betreibt. Mittlerweile hat sich Klettern als Freizeit- und Breitensport etabliert. „Der Klettersport hat weltweit einen Boom erlebt“, sagt der 30-Jährige.

Sportklettern feiert bei den Olympischen Spielen in Tokio Premiere

Auch im Wettkampfbereich hat sich eine Struktur aus Weltcups, Welt- und Europameisterschaften etabliert. Wie populär Klettern ist, zeigt auch die Aufnahme ins olympische Programm: In diesem Jahr feiert Klettern als eine von insgesamt fünf neuen Disziplinen Premiere in Tokio. Weil der neuen Sportart allerdings nur eine Medaillenentscheidung zugesprochen wurde, musste eine neue Wettkampfform geschaffen werden - aus den drei Einzeldisziplinen Bouldern, Spead und Lead wurde „Olympic combined“, ein olympischer Dreikampf.

Bei den Athleten stieß diese Entscheidung zunächst auf Kritik. Schließlich spezialisieren sich Kletterer auf eine der drei Arten. Fast so, als würde man einen 100-Meter-Sprinter nun im Mehrkampf antreten lassen. „Die anfänglichen Sorgen haben sich nicht bestätigt“, sagt Schlickum. Stattdessen sehen die Sportler das neue Wettkampfformat als Bereicherung an, denn sie trainieren nun breiter, profitieren von dem vielseitigen Training.

Nico Schlickum arbeitet daran, das Training der Profi-Kletterer künftig noch besser zu machen

Das Training der Profis künftig noch besser, effizienter zu machen, ist unter anderem Schlickums Aufgabe. Seit Anfang des Jahres ist er als Wissenschaftskoordinator Teil des Bundestrainerteams unter der Leitung von Urs Stöcker. „Es ist ein großes Team und das macht viel Spaß“, sagt Schlickum. Momentan spielt sich sein Arbeitstag aber überwiegend im Homeoffice ab.

Es gibt viel zu lesen, weil Klettern als junge olympische Sportart attraktiv ist. Dementsprechend wird viel geforscht und publiziert. Schlickum vermittelt zwischen Universitäten, Hochschulen, Forschungsinstituten, dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft, dem Olympiastützpunkt Rheinland und dem Bundeskader. Er soll die Ergebnisse von sportwissenschaftlichen Studien in den Trainingsalltag und die Ausbildung von Trainern übertragen. „Ich stehe in der zweiten Reihe im Hintergrund“, sagt er. Derzeit arbeitet er an einem neuen Konzept für die A-Trainer-Ausbildung, die er auch mit dem Wissen und den Erfahrungen der Bundestrainer füllen will.

Nico Schlickum promoviert nebenbei an der Deutschen Sporthochschule in Köln

Mit dem Klettertraining beschäftigt sich Schlickum zusätzlich auch in seiner Doktorarbeit, die er nebenbei an der Deutschen Sporthochschule in Köln schreibt. Zudem arbeitet er an einem Buch, das Trainingswissen bündeln soll – ein Nachschlagewerk für Trainer und Sportler. „Der Sport lebt davon, dass sich Leute selber coachen.“ Er selbst ist ausgebildeter Trainer B im Alpin-Klettern, war zuvor als selbstständiger Trainer im Rheinland tätig.

Den Weg zu seinem Traumjob bezeichnet Schlickum als „kleines Abenteuer“. Im Kopf hatte er seinen beruflichen Weg, seine Route vorgeplant. „Aber ich hatte keine Ahnung, ob mein Traum aufgeht“, erinnert er sich. Aufgewachsen in Hannover, studierte er Sportwissenschaften in Köln und an der Uni Innsbruck, spezialisierte sich früh auf das Fach „Klettern“. Dass im Laufe der Jahre immer mehr Kletterhallen eröffneten, bestätigte ihn in seinem Traum.

Die Siegburger Sektion des Deutschen Alpenvereins zählt rund 4000 Mitglieder

In Innsbruck ließ er sich zum Tiroler Sportkletterlehrer ausbilden – in Österreich ist das sogar eine staatliche Prüfung. Mittlerweile fühle sich Schlickum aber im Rheinland „sehr beheimatet“. In der Siegburger Sektion des Deutschen Alpenvereins fand er schnell Gleichgesinnte, unter anderem finanzierte ihm der Verein auch die Trainerscheine. Inzwischen unterstützt er den Verein mit rund 4000 Mitgliedern als 2. Vorsitzender.

Wer denkt, zum Klettern in die Alpen fahren zu müssen, der täuscht sich. Es gibt verschiedene Felskletter- und Bouldergebiete – vom Sauerland bis in die Vulkaneifel, vom Siebengebirge bis ins Ruhrgebiet. „Ich bin unglaublich gerne in Belgien, in Freyr“, erzählt Schlickum.

Mut gehört zum Klettern dazu. „Der Kopf spielt auch eine ganz große Rolle. Es ist ein sehr sehr ehrlicher Sport.“ Man kann sich nicht durchmogeln. Wenn man an einer Route nicht emporkommt, kommt man eben nicht empor. Man braucht Kraft und Beweglichkeit. „Der beste Kletterer ist der, der am meisten Spaß hat“, sagt Schlickum. Den Sportwissenschaftler hat seine Route ans Ziel gebracht.

Wer sich fürs Klettern interessiert, findet weitere Informationen bei der Sektion Siegburg des Deutschen Alpenvereins im Internet auf dav-siegburg.de