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Sexueller Missbrauch im Breitensport: Neue Studie in NRW

Tatort Turnhalle : Neue Studie in NRW zu sexuellem Missbrauch im Sport

Eine neue Studie in NRW begibt sich auf die Spur von sexueller Gewalt im Breitensport. Das Projekt entsteht an der Bergischen Universität Wuppertal gemeinsam mit dem Landessportbund (LSB) und dem Universitätsklinikum Ulm.

Es ist die Hand bei einer Hilfestellung, die an einer intimen Stelle verweilt. Die anzügliche Bemerkung. Die Umarmung nach der Siegerehrung, die unangenehm lange dauert. Sexualisierte Gewalt beginnt bereits bei solchen Grenzüberschreitungen, bei Eingriffen in die eigene Komfortzone. Und gipfelt dort, wo die Schlagzeilen anfangen: Jahrzehntelanger Missbrauch von Kindern in einem Berliner Judo-Club, Missbrauchsskandal im britischen Turn-Verband.

„Sexuelle Gewalt ist ein gesamtgesellschaftliches Problem“, sagt Bettina Rulofs. Sie ist Professorin und Leiterin des Arbeitsbereichs Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. „Sport ist der größte Träger der Kinder- und Jugendarbeit. Man kann daher erwarten, dass hier sexuelle Gewalt stattfindet.“ Rulofs beschäftigt sich bereits seit Jahren mit dem Thema. An der Deutschen Sporthochschule in Köln leitete sie die „Safe Sport Studie“ – mit dem Ziel, sexuelle Gewalt im Leistungsport aufzudecken. Das Ergebnis damals: Fast die Hälfte aller befragten Sportlerinnen hat Formen von Grenzüberschreitungen erfahren. Bei ihren männlichen Teamkollegen war es fast jeder Dritte. Körperliche Übergriffe hat jede 20. Sportlerin bereits erlebt, bei den Männern jeder 100.

Nun soll eine neue Studie auch den Freizeit- und Breitensport beleuchten. Gemeinsam mit dem Landessportbund (LSB) Nordrhein-Westfalen und dem Universitätsklinikum Ulm entsteht seit diesem Monat ein neues Forschungsprojekt, das die Verantwortlichen nun in Köln vorgestellt haben. „Sexualisierte Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt im organisierten Sport in NRW – Häufigkeiten und Formen sowie der Status Quo der Prävention und Intervention“ lautet der etwas sperrige Titel. Konkret geht es um drei Punkte: Wie häufig kommen sexuelle Belästigung und Übergriffe im Sport vor? Wie gehen Vereine mit Fällen und Verdachtsfällen um? Was können Vereine und Verbände in der Prävention, aber auch bei der Aufarbeitung besser machen? Dazu sollen alle Vereine und deren Mitglieder im Landessportbund NRW befragt werden – mit 18 000 Vereinen und rund 5,1 Millionen Mitgliedern ist er schließlich der größte in Deutschland.

Die anonyme Befragung übernimmt das Ulmer Team um Marc Allroggen, Leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie in Ulm. Im Frühjahr soll der Onlinefragebogen an die Vereine verschickt werden, die diesen an ihre Mitglieder ab 16 Jahre weiter verteilen. Das Wuppertaler Team um Rulofs arbeitet ebenfalls mit Onlinefragebögen, die an die Sportbünde der Kreise und Städte sowie an Fachverbände gehen sollen. Ihre Kernfrage: Wie gut funktioniert die Präventionsarbeit? Dabei sollen auch vier bis fünf konkrete Fälle mit den Betroffenen, dem Vereinsumfeld und auch den Tätern analysiert werden.

Die Befragung soll zudem auf andere Landesportbünde ausgeweitet werden. „Sexualisierte Gewalt ist kein NRW-Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches“, sagt auch LSB-Vorstandsmitglied Martin Wonik. 2000 Teilnehmer brauchen die Wissenschaftler, um solide Aussagen zu bekommen. Erste Ergebnisse sollen im Herbst kommenden Jahres vorliegen.

1996 gab es die erste Studie zum Thema sexualisierte Gewalt. „Damals war das Thema extrem tabuisiert“, erinnert sich Birgit Palzkill, Beauftragte zum Schutz vor sexualisierter Gewalt im Sport des LSB NRW. Das hat sich mittlerweile geändert, trotzdem funktionieren die Strategien der Täter immer noch: Sie erarbeiten sich oftmals ein hohes Ansehen im Verein, sind engagiert und erledigen unliebsame Aufgaben. „Sie machen das System von sich abhängig“, sagt Palzkill. Umso unglaubwürdiger erscheinen die Anschuldigungen der Betroffenen. Vereine sollen lernen, diese Muster zu erkennen und Grenzüberschreitungen offen anzusprechen. „Das Ziel von Prävention muss sein, dass über alle Grenzverletzungen gesprochen wird.“ Nur zehn Prozent aller Vereine haben einen Ansprechpartner benannt, an den sich Opfer wenden können. „Das ist einfach zu wenig“, sagt Rulofs.