Ukrainerin spielt jetzt beim TTC GW Fritzdorf Mit dem Tischtennisschläger auf der Flucht

Wachtberg · Der Zufall bringt sie nach Wachtberg: Beim ersten Training in Fritzdorf hat Polina Shumakova Tränen in den Augen. Noch darf sie aufgrund der Wechselregularien nicht mitspielen, aber kommende Saison soll sie das Team verstärken.

 Polina Shumakova aus der Ukraine soll den TTC Fritzdorf verstärken.

Polina Shumakova aus der Ukraine soll den TTC Fritzdorf verstärken.

Foto: Wolfgang Henry

Unverhofft kommt oft – an dieses Bonmot dürften sie wohl beim TTC Grün-Weiß Fritzdorf gedacht haben, als völlig überraschend Anfang Dezember Polina Shumakova in der Halle stand und dem Verein beitreten wollte. Dass die 21-jährige Ukrainerin in Wachtberg landete, ist mehr oder weniger dem Zufall zu verdanken.

In ihrer Heimatstadt Charkiw engagierte sie sich als Kriegshelferin, unterstützte alte Menschen. Sie verteilte Hilfsgüter, die unter anderem von der Organisation Dogs United aus Wachtberg geliefert wurden. Der Leiter dieser Organisation, Sascha Klose, fährt regelmäßig in die Ukraine und lernte in der zweitgrößten Stadt des Landes die junge Tischtennisspielerin kennen. „Ich merkte sofort, dass sie mit ihrem Leben nicht zufrieden war und unter dem Krieg leidet“, erzählt Klose.

Und sie konnte ihren Sport nicht mehr so betreiben, wie sie es sich wünschte. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr war Shumakova Jugendnationalspielerin, trat 2018 bei den Europäischen Jugend-Meisterschaften für die Ukraine an. Seitdem bestritt sie keine internationalen Spiele mehr, seit Kriegsbeginn war es überhaupt nicht mehr möglich, wettkampfmäßig zu spielen. Einzig an einer Tischtennisplatte, die sie organisiert hatte, trainierte sie in einem engen Raum Kinder.

Klose erzählte der Ukrainerin vom Fritzdorfer Verein, von der Tischtennishochburg im Ländchen mit hochklassigen Damenmannschaften. Das weckte in Shumakova den Wunsch auszuwandern. „Da ich Stress verspürte, Angst hatte und auch Panikattacken bekam, entschloss ich mich, nach Deutschland zu flüchten. Dort kann ich Tischtennis spielen, online studieren, meine Sprachkenntnisse weiterentwickeln und eine Arbeit finden“, erklärt sie.

Nachdem ihre Mutter einverstanden war, machte sie sich Ende November mit ein bisschen Kleidung und Hygieneartikeln sowie ihrem Tischtennisschläger, zwei Tischtennisbällen und Sportschuhen auf den Weg. Klose nahm sie mit bis Lviv, wo sie noch Unterlagen für ihre Ausreise erhielt. Von dort ging es mit dem Bus nach Breslau. Aus der polnischen Stadt wiederum holte sie ein Mitarbeiter Kloses ab und brachte sie nach Bochum, wo sie ihren Asylantrag stellte.

Inzwischen wohnt sie in einer Unterkunft im sauerländischen Freudenberg, wartet auf die Aufenthaltsgenehmigung und plant, sobald diese vorliegt, nach Bad Neuenahr zu ziehen. Hier haben die Fritzdorfer ihr bereits eine Bleibe organisiert. „Ich habe Freunde gefunden, die mir sehr helfen, mich unterstützen und für mich sorgen“, sagt sie. Ihr Ziel ist es, einen Job zu finden oder ihr Journalismus-Studium fortzusetzen, das sie aufgrund des Krieges abbrechen musste.

Bei den Grün-Weißen trainiert sie regelmäßig mit. „Sie hatte anfangs Tränen in den Augen“, berichtet Fritzdorfs Manager Manfred Reiß. „Man sieht, dass sie eine gute Spielerin ist. Wenn sie weiter so intensiv trainiert, kann sie sicher eine Verstärkung für die zweite oder auch die erste Mannschaft werden.“ Shumakova möchte sich künftig im Verein engagieren und später als Nachwuchstrainerin arbeiten.

Bei GW Fritzdorf war man der Meinung, dass sie sofort in einer Mannschaft gemeldet werden kann. Denn die Regularien besagen, dass nach über einem Jahr Pause eine sofortige Spielgenehmigung erteilt wird. Umso erstaunter waren die Verantwortlichen, als die Rückmeldung kam, der Neuzugang müsse bis zum Ende der Wechselperiode am 30. Mai warten. Der Grund: Seit vergangenem Jahr gilt die besagte Regel nur noch für Aktive, die vorher einem Verein in Deutschland angehört haben.

Doch es gibt in Deutschland Verbände, die zwar der Regel zugestimmt haben, diese aber großzügig handhaben. Steffen Dörfler vom Sächsischen Tischtennisverband ist der Meinung, dass man solche Wechsel „differenziert und mit Fingerspitzengefühl behandeln sollte“. Der WTTV sieht das anders und so muss Polina Shumakova warten, um an Punktspielen und auch an Turnieren teilnehmen zu dürfen.

Im Juni darf sie dann aber wieder ganz offiziell Tischtennisspielerin sein. Erst auf Turnieren und im September, wenn die Saison 2024/25 beginnt, kann sie Punkte für die Fritzdorfer Teams sammeln.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort