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Virtuelle Tour de France

Radsport in Corna-Zeiten : GA-Redakteur quält sich auf Rollentrainer in virtueller Tour de France

GA-Redakteur Simon Bartsch fährt seine erste Tour-de-France-Etappe auf dem Fahrrad-Heimtrainer und erfüllt sich damit einen Traum. Er quält sich auf der letzten Rille ins Ziel.

Einmal eine Etappe der Tour de France fahren. Einmal durch die Weinberge der Provence radeln, den frischen Fahrtwind der Champagne um die Nase wehen lassen, den jubelnden Fans zuwinken und die einzigartige Stimmung in Alpe d‘Huez oder auf den Champs-Élysées erleben. Die Tour de France fasziniert Radler und Hobbysportler auf der ganzen Welt.

Der Traum, Teil des größten Radrennens der Welt zu sein, festigte sich bei mir irgendwann in den 1990er Jahren. Vollkommen übermüdet vom viel zu früh beginnenden Ferienjob lösten die beeindruckenden Bilder Frankreichs, aber auch die angenehme Stimme des Kommentatoren-Urgesteins Herbert Watterott bei Mamas Schnittchen und koffeinhaltiger Brause eine ungeahnte Sehnsucht an das Rennen durch die Grande Nation in mir aus. Einmal Teil der sogenannten großen Schleife sein – und sei es als Fahrer der Werbekarawane.

Nun, im fast noch jugendlichen Radfahrer-Alter von 41 Jahren, habe ich mir den Traum einer Tour-Etappe doch noch erfüllt – auf dem Rad, Rennrad. Corona macht es möglich, so paradox das klingt. Allerdings ohne Alpe d’Huez, ohne Fans und ohne Fahrtwind. Die Verantwortlichen der Tour de France haben sich entschlossen, nun doch im Juli ein Rennen auszutragen – ein virtuelles.

Die eigentliche große Schleife hätte am vergangenen Samstag in Nizza starten sollen, der Grand Départ ist aber aufgrund der Corona-Pandemie auf Ende August verschoben worden. Nun findet immerhin eine virtuelle Tour statt. „Ich kann mir den Juli ohne Radrennen nicht vorstellen“, hatte Tour-Boss Christian Prudhomme Ende Juni gesagt. Am Samstag ist das Rennen gestartet. Insgesamt sind 23 Teams bei den Männern und 16 Mannschaften bei den Frauen gelistet. Unter anderem gehen Topstars wie Chris Froome, Vorjahressieger Egan Bernals, aber auch der Rheinbacher Routinier Christian Knees an den Start.

Software zum Mitradeln generiert eine virtuelle Welt

Neben den Radprofis sind jedoch auch Hobbyfahrer aufgefordert, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Und das tun sie – zu Tausenden. Wenn man so will, für mich die einmalige Chance, eben Teil jener Tour zu sein. Nur die nötigen technischen Voraussetzungen müssen geschaffen werden. Für die Teilnahme benötigt man zum einen die Software, in dem Fall die Trainingsapp Zwift.

Die Software generiert eine virtuelle Welt, in der man Rad fahren oder laufen kann – online und gegen grenzenlos viele Gegner. Zum anderen aber auch die nicht ganz billige Hardware – neben dem Rennrad ist das eine geeignete Trainingsrolle, die über einen Trittfrequenzsensor und eine Bluetooth-Schnittstelle verfügt. Dazu ein Notebook oder Tablet, Internet und über HDMI einen Zugang zum Smart-TV. Da ich seit Jahren mit einer ähnlichen Trainingsapp des Anbieters Tacx wahlweise vor dem Fernseher durch die Toskana oder Südengland fahre, verfüge ich über die nötige Hardware, Zwift ist für mich jedoch neu.

Die Anmeldung erfolgt recht einfach. Name, Geburtsdatum und Nationalität bekomme ich leicht zusammen, bei meiner Gewichtsangabe und Größe tue ich mich schwerer. Nicht aus falscher Scham, vielmehr weil diese Angaben im imperialen System, also Pfund und Fuß, angegeben werden müssen. Der Veranstalter bietet für die Hobbyfahrer die Etappen zu mehreren Zeitpunkten an. So treten die Profis untereinander an, die Amateure tummeln sich in den weiteren Zeitfenstern. Mein Rennen startet um 18 Uhr. Gemeinsam mit 5500 weiteren Möchtegern-Roleuren begebe ich mich auf die Strecke.

Den Gipfel im Blick: Simon Bartsch auf dem Rennrad. Foto: Simon Bartsch

Da ich bei der Anmeldung das falsche Häkchen gesetzt habe, reagiert das Rad allerdings nicht auf meine Lenkung. Während sich das Peloton also auf den ersten Metern einer imaginären Strecke befindet, fahre ich erst einmal schnurstracks in irgendein Gebirge. Allein. Bevor mich der Besenwagen einsammelt, breche ich den ersten Versuch ab und starte mit ein paar Minuten Verzögerung sowie dem richtigen Häkchen das zweite Unterfangen.

Dieses Mal läuft es besser. Zunächst. Denn obwohl ich dieses Jahr schon nahezu 4000 Kilometer Strecke auf der Rolle gemacht habe, tue ich mich sehr schwer. In der Regel fahre ich eher Flachetappen. Mit meinen Fußballerbeinen (und Amateur-Fußballerbauch) gehöre ich nicht gerade zur Gattung „Bergfloh“. Direkt zu Beginn muss ich aber bereits eine Steigung von acht Prozent klettern.

Jedes Gramm zu viel tut weh. Und offensichtlich habe ich davon einige zu viel. Schon nach den ersten Kilometern wachsen meine Zweifel an dem Unterfangen genauso schnell wie die Zahl meiner Platzierung. Im Nu habe ich Rang 2000 erreicht, der Gipfel ist aber noch meilenweit entfernt. Zu allem Überfluss wächst auch die Prozentzahl der Steigung unentwegt. Als die 18 Prozent nach einer knappen halben Stunde erreicht sind, denke ich ans Aufgeben. Dieselbe Prozentzahl hat mich schon bei meinem Selbstversuch über das 24-Stunden-Radrennen am Nürburgring 2013 an die Grenzen meiner Fähigkeiten gebracht.

Damals habe ich mir geschworen, selbst für den GA solche waghalsigen Dinge nicht mehr auszuprobieren. Einen Fingerbruch und zahlreiche Selbstversuche später sitze ich also wieder im Sattel, raunze mir selber zu „Quäl dich, du Sau“ und strampel mir den Schweiß aus dem Körper. Viel Schweiß. Unter meinem Rennrad bildet sich auf der „Schweißmatte“ ein kleiner See. Da wird sich die Dame des Hauses freuen, denke ich mir. Nur kurz – denn das Ziel heißt schon seit einigen Kilometern nur noch ankommen – wie auch immer.

Platz für Platz werde ich durchgereicht, aber aufgeben steckt nicht in meiner DNA. Es geht unermüdlich einen steilen Berg hinauf, der tatsächlich optisch an den Mont Ventoux erinnert. Per Chat feuern mich andere Fahrer an oder freuen sich, dass sie sich schon auf der Abfahrt befinden. Der Anstieg ist nur wenige Kilometer lang, kommt mir aber endlos vor. Meine Fingerkuppen fühlen sich taub an, und ja, die Brust schmerzt ein wenig, als ich den Gipfel endlich erreicht habe.

Es folgt eine erholsame Abfahrt mit einigen Wellen, die mir aber noch einmal alles abverlangen. Nach knapp 80 Minuten erreiche ich auf der letzten Rille das Ziel. Platz 3452. Immerhin: 2000 Radamateure habe ich hinter mir gelassen. Aber vor allem: Ich bin angekommen, und ich habe die erste Etappe einer Tour de France absolviert. Einer virtuellen, aber immerhin auch einer offiziellen.

Vor sieben Jahren habe ich mir geschworen, nie mehr für den GA in den Sattel zu steigen, heute wiederhole ich mein Versprechen. Eine der weiteren angebotenen Etappen werde ich nicht mehr fahren. Vielleicht in sieben Jahren – dann aber rauf nach Alpe d’Huez.