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Interview mit Michael Vesper: "Ziel für Rio: London toppen"

Interview mit Michael Vesper : "Ziel für Rio: London toppen"

Wir betreten das Teilzeit-Domizil des Mannes, der das deutsche Team bei Olympia als Chef de Mission führt. Hier, in dem Appartement, das auf dem Dach der Schaltzentrale des deutschen Sports gebaut worden ist, verbringt Michael Vesper die eine oder andere Nacht.

Alleine mit sich und den Problemen, die er als Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu lösen hat, zum Beispiel den öffentlichen Umgang mit der ewigen und ewig ungeliebten Medaillenzählerei.

Das Haus des Sports liegt genau in der Einflugschneise des Frankfurter Flughafens. "Den Piloten kann ich beim Landeanflug in die Augen schauen", sagt Vesper, als wir auf der Terrasse stehen. Von hier ist der Blick frei auf die Beton-Architektur der Frankfurter Fußball-Arena, Baumwipfel verdecken die Sicht auf die Skyline von Mainhattan - auch dann, wenn er an dem kleinen Schreibtisch am Fenster sitzt. Seine Joggingschuhe hat der 61-Jährige hinter der Wohnungstür in der Ecke abgestellt, auf dem Tisch liegt ein Schal des 1. FC Köln - soviel zum Privatmann.

Eine Etage tiefer liegt sein Büro. Der nach dem ehrenamtlichen DOSB-Präsidenten Thomas Bach zweitwichtigste Mann im deutschen Sport erklärt im Gespräch mit Berthold Mertes sein rheinischer "Versöhner-Gen", warum Spitzensport immer teurer wird - und er warnt vor Panikmache nach dem Boston-Attentat.

Herr Vesper, Was gibt es am 27. Mai zu feiern?
Michael Vesper: Am 27. Mai? Soll ich mal meinen Kalender holen?

Ich verrate es Ihnen: Der 1. FC Köln schafft im Relegations-Rückspiel gegen Fortuna Düsseldorf den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga ...
Vesper: Diesen Termin habe ich mir noch nicht eingetragen. Das muss ich sofort nachholen (geht zu seinem Schreibtisch und holt den Kalender hervor). Denn das ist tatsächlich ein wichtiger Termin.

Feiern Sie dann den FC oder die Fortuna, weil sie in Düsseldorf zur Schule gegangen sind und dort lange als Minister gewirkt haben?
Vesper: Den FC, denn die Fortuna wird sich retten und gar nicht in die Relegation kommen. Ich bin bin ja der wandelnde Köln-Düsseldorfer. Ich bin in Köln geboren. Das ist eine der Städte, in denen man stolz darauf ist, dort geboren zu sein. Das bin ich auch: Ich bin ne richtije Kölsche Jung. Aber mit zwei Jahren bin ich nach Düsseldorf gezogen und dort aufgewachsen, weshalb ich eine innere Bindung an beide Städte habe - und deshalb wohl auch dieses Versöhner-Gen entwickelt habe, was mich dann später angeblich ausgezeichnet hat.

Sie sind Mitglied im Kuratorium der FC-Stiftung, andererseits Generaldirektor des DOSB im Hauptberuf, Aufsichtsratsmitglied bei der Nationalen Anti Doping Agentur. Sie wohnen in Köln, das DOSB-Büro liegt in Frankfurt mit Übernachtungsmöglichkeit auf dem Dach, in Berlin gibt es ein weiteres Büro, und zudem ist Ihre Frau die Sprecherin von Bundespräsident Joachim Gauck. Wissen Sie überhaupt noch, wie Ihre Frau aussieht?
Vesper (lacht): Doch, doch, das weiß ich sehr genau. Wir sehen uns oft. Ich bin ja häufig in Berlin, und sie ist am Wochenende in Köln. Aber es ist schon so, dass ich in einem Dreieck lebe. Dabei bleibt es nicht bei Köln, Frankfurt und Berlin. Es kommt Brüssel hinzu und weitere Auslandsreisen, wir haben viele internationale Termine.

Kriegen sie das alles auf die Reihe? Bleibt noch etwas für ein Privatleben?
Vesper: Ja. Meine Kinder und mein privates Umfeld sind mir sehr wichtig. In den Zeiten der elektronischen Medien ist zum Glück vieles ortsungebunden möglich. Ich kann überall auf der Welt meine E-Mails lesen, ich kann Telefonate führen. Man kann heute von überall seine Arbeit machen. Und der Sport ist nun mal ein internationales (Pause) … Geschäft, hätte ich beinahe gesagt.

Das ist es ja auch, oder?
Vesper: … Ein internationales Phänomen ist besser.

Was war denn Ihr Traumberuf als Kind? Politiker? Profisportler?
[kein Linktext vorhanden]Vesper: Mein Vater war Kommunalpolitiker, er war 26 Jahre CDU-Ratsherr in Düsseldorf. Sicher habe ich von ihm das Faible und das Interesse für Politik mitbekommen. Wie das damals halt so war, in der 68er Generation, in die ich hinein gewachsen bin, konnte ich natürlich nicht das studieren, was der Vater gemacht hatte. Der war Jurist. Also musste ich etwas anderes studieren. Das war ein dialektischer Prozess des Abgrenzens und des Einflusses durch mein Elternhaus, das im übrigen sehr liberal war, ich hatte wirklich eine gute Zeit.

Bleibt die Frage nach dem Traumberuf?
Vesper: Ich wollte nie Lokomotivführer werden oder etwas Vergleichbares. Es gab mal eine Zeit, da hätte ich mir den Lehrerberuf vorstellen können. Dann fand ich aber sehr schnell eine Ausrichtung auf das Managen in der Politik oder in der Wissenschaft. Meine erste Stelle hatte ich an der Universität Bielefeld als Dekanatsassistent. Da habe ich gemerkt, dass mir die Verknüpfung von Pragmatismus auf der einen Seite und Inhalten auf der anderen Seite besonders liegt. Also auch hier eine Brücke.

Fußball-Profi bei Fortuna Düsseldorf stand nie auf dem Zettel?
Vesper (schmunzelt): Nein. Da fehlte es an den Fähigkeiten. Ich war zwar auch in einem Fußballverein, bei Turu Düsseldorf, aber meine eigentliche sportliche Karriere habe ich bei Tusa Düsseldorf gemacht, als Tischtennisspieler, zu den Zeiten von Eberhard Schöler. Das war der Sport, der mir lag, deshalb habe ich mir jetzt auch den Traum erfüllt, einen Tischtennis-Tisch zu Hause zu haben.

Was die Freude am Fußball angeht, neben Köln und Düsseldorf spielt für Sie auch noch Bielefeld eine besondere Rolle - falls man das als Freude bezeichnen kann …
Vesper: Als der Konflikt Köln-Düsseldorf erledigt und aufgearbeitet war, habe ich mir eine größere Herausforderung ausgesucht: Ostwestfalen.

Warum ausgerechnet Bielefeld?
Vesper:Das Stadion zog mich dorthin, mit 21 Jahren. Das war eine prägende Zeit, und da begann auch meine Liebe zu Arminia.

Und Sie fiebern mit der Arminia immer noch ein bisschen mit?
Vesper: Nicht nur ein bisschen, sondern sehr. Ich bin immer froh, wenn Köln und Bielefeld nicht in einer Liga spielen.

Sie haben die Clubs gut auf drei Ligen verteilt ...
Vesper: Düsseldorf war in der Tat die erste Mannschaft, zu der ich ging. Mein Vater hat sich zwar nicht groß dafür interessiert, musste sich aber als Ratsherr im Rheinstadion sehen lassen und nahm mich halt mit. Dann kam Bielefeld dazu, und jetzt wohne ich in unmittelbarer Nachbarschaft zum FC, so dass ich auch dort gerne bin. Als Sportminister, der ich mehrere Jahre war, habe ich gelernt, die nordrhein-westfälischen Vereine insgesamt zu mögen. Viele werden jetzt sagen, das geht gar nicht …

Und als guter Politiker geben sie selbstverständlich auch kein Ranking ab?
Vesper: Nein, da gebe ich kein Ranking ab.

Obwohl das tief im Herzen ja existieren muss, oder?
Vesper: Gut, die drei Vereine, die Sie genannt haben, die genießen natürlich Priorität.

Nun zu dienstlichen Sportthemen eines DOSB-Generaldirektors. Mit einigen Tagen Abstand zum Attentat in Boston: Sehen Sie Auswirkungen auf den Sport bis hin zu Olympischen Spielen? Im Jahr nach 9/11 standen beispielsweise standen die Winterspiele in Salt Lake City im Zeichen einer gewissen Hysterie, bevor sich allmählich alles wieder normalisierte. Sehen Sie ähnliche Auswirkungen für Sotschi 2014 und Rio 2016? Muss man Sicherheitsvorkehrungen generell wieder verstärken.Vesper: Man darf nicht das tun, was Terroristen wollen, die solche abscheulichen Anschläge verüben und beispielsweise einen achtjährigen Jungen töten. Denen geht es darum, dass der gesamte Alltag nur noch unter den Sicherheitsaspekt gestellt wird. Selbstverständlich ist es enorm wichtig, die Sicherheitskonzepte stets zu überprüfen und zu verbessern. Es geht vor allem darum, solche Anschläge bereits im Vorfeld zu verhindern. Das kann nur über ein intelligentes Abwehrsystem funktionieren, das solche Anschläge möglichst während der Planungsphase entdeckt. Es nützt niemandem, jetzt in Panik zu verfallen.

Also gilt nach wie vor die Aussage von Avery Brundage nach dem Anschlag bei Olympia 1972: „The games must go on“?Vesper: Das Attentat von München und jetzt den Anschlag von Boston kann man nicht vergleichen. Man darf aber nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, sondern muss stets die Sicherheit im Blick haben, um Anschläge möglichst im Vorfeld abzuwehren, ohne dem Sport dabei das zu nehmen, was ihn ausgezeichnet; seine Leichtigkeit und seine Fröhlichkeit.

Hundertprozentige Sicherheit jedoch ist nicht machbar. Bleibt da nicht ein Gefühl der Machtlosigkeit?
Vesper: Seit 2002 war ich bei vielen Olympischen Spielen – inklusive Salt Lake City nach dem 11. September. Es ist bisher nie so gewesen, dass durch die Sicherheitsvorkehrungen die Atmosphäre vergiftet worden wäre. Ich habe den Eindruck, die Menschen sehen ein, dass die Kontrollen notwendig sind. Aber sie lassen sich davon zum Glück nicht in ihrer Begeisterung bremsen.

Noch einmal nachgehakt: Rechnen Sie mit einer Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen in Sotschi und Rio?
Vesper: Unabhängig von diesem Anschlag sind die Sicherheitsvorkehrungen in Sotschi extrem hoch. Die Stadt ist nicht weit entfernt von einer Krisenregion, und von daher sind die russischen Behörden stark bemüht, die Sicherheit der Sportler und des Publikums zu gewährleisten.

Sie werden in Sotschi zum dritten Mal „Chef der Mission“ des deutschen Olympia-Teams. Aus ihrer Sicht: waren die Spiele in London bislang die besten?
Vesper: Sie waren schon extrem toll, aber klar, immer haben die letzten Spiele die Chance, als die besten zu gelten, weil die Erinnerungen am wachsten sind. Was in London im Unterschied zu Peking wirklich mit Händen zu greifen war, war die unglaubliche Begeisterung in dieser Weltstadt. Da sind sich Zwei auf Augenhöhe begegnet, nämlich eine lebendige, urbane Metropole, und dieses größte Ereignis der Welt. Was mich auch sehr beeindruckt hat, ist die Nutzung vorhandener Wettkampf- und Kulturstätten - die Integration der Spiele in Schauplätze wie Greenwich, Horseguard, Wembley oder Wimbledon. Die Klassiker waren alle dabei. Das kann keine Stadt so einfach toppen. Jeder Gastgeber muss deshalb versuchen, seine eigene Stärke auszuspielen und seine eigene Story zu erzählen.

Von Sotschi können Sie dann ja nicht wirklich begeistert sein.
Vesper: Sotschi ist in der Tat so etwas wie das Gegenmodell dessen, was wir dem IOC mit München 2018 präsentiert haben.

Ökologische Nachhaltigkeit als Kernbotschaft zieht offenbar noch nicht bei den IOC-Verantwortlichen – 2018 sind die Winterspiele in Pjöngjang. as spricht denn für Spiele der Marke Sotschi?
Vesper: Das Cluster von Sotschi selbst, wo die Eiswettbewerbe stattfinden, ist von einer Kompaktheit, wie ich sie bisher noch nie gesehen habe, schon gar nicht bei Winterspielen, auch nicht in Vancouver. Im Grunde ist alles fußläufig erreichbar. Auch in den Bergen sind technisch hervorragende Sportstätten geschaffen worden. Allerdings gelten hier andere ökologische Standards als bei uns. Eine Eisenbahn in das Flussbett eines Bergbaches zu bauen, wäre bei uns nicht denkbar gewesen.

Wie hoch ist denn nach heutigem Stand, knapp ein halbes Jahr, bevor die Entscheidung getroffen sein muss, die Wahrscheinlichkeit, dass München sich um die Winterspiele 2022 bewirbt?
Vesper: Wir haben uns mit den Wintersportverbänden und unseren Partnern verständigt, das hervorragend bewertete Konzept München 2018 weiter zu entwickeln. Im Kern geht es darum, einen kleinen Teil der Wettbewerbe und damit auch der Unterkünfte in die Region Ruhpolding sowie nach München zu verlagern und dadurch Garmisch-Partenkirchen zu entlasten. Diese Optionen sollen rechtzeitig geprüft werden, damit zu den möglichen Bürgerentscheiden im November alle notwendigen Informationen vorliegen. Das sind neben der Machbarkeit und der Antwort auf die Finanzierungsfrage die Entscheidung des IOC über die Olympischen Spiele 2020 sowie die politischen Wahlentscheidungen im Freistaat Bayern und im Bund. Der nächste Schritt wird im Herbst die Entscheidung des DOSB sein, ob wir uns erneut für Winterspiele bewerben wollen. Bei einem Ja würde der Bürgerentscheid am 10. November folgen.

Ein anderes Thema mit Blick auf Sotschi und Rio: Was hat der DOSB aus den unangenehmen Diskussionen des letzten Halbjahres über Zielvereinbarungen gelernt? Die öffentliche Wertschätzung der Erfolgsbilanz von London hat schließlich darunter gelitten.
Vesper: Ärgerlich war, dass gemeinsam vereinbarte Potenziale als einseitige DOSB-Vorgaben fehlgedeutet wurden. DOSB und Fachverbände hatten gemeinsam die Medaillen-Potenziale mit dem Ziel definiert, sie bestmöglich zu entwickeln. Diese haben einige dann wider besseres Wissen zu einem Medaillen-Ziel einfach aufaddiert. Und uns wurde unterstellt, wir hätten als Ziel 86 Medaillen ausgegeben. Dann wären wir ja größenwahnsinnig gewesen, denn das ist die Größenordnung von China und USA. Man kann die Absurdität dieser Zählungen daran erkennen, dass beispielsweise je eine Medaille im Handball und im Fußball dabei war, obwohl die Mannschaften gar nicht qualifiziert gewesen sind. Im Übrigen ging es in den Zielvereinbarungen auch nicht um die gesamten Mittel von rund 130 Millionen Euro im Sportetat, sondern um die davon für gezielte Olympiaprojekte eingesetzten 6 bis 7 Millionen Euro.