Ein Doc für alle Fälle Der Arzt, dem die Baskets vertrauen

Bonn · Michael Volkmer betreut die Spieler des Basketball-Bundesligisten. Jetzt stand wieder die Einstellungsuntersuchung an.

Es hält sich seit Jahren hartnäckig das Gerücht, dass es einmal einen Spieler bei den Telekom Baskets gegeben hat, der den Arzt bei der Einstellungsuntersuchung dazu veranlasste, zum Hörer zu greifen und etwas irritiert auf dem Hardtberg anzurufen. „Seid ihr sicher“, soll er die Baskets-Verantwortlichen gefragt haben, „dass ihr den Richtigen vom Flughafen abgeholt habt? Der Mann, der hier in der Praxis steht, sieht nicht aus wie ein Profi-Basketballer.“ Ein hübsches Anekdötchen mit hohem Wahrheitsgehalt.

Heute sieht das ganz anders aus. Die Spieler sind „in shape“, wie sie es selbst ausdrücken würden. Dennoch sind die Medizintests zu Saisonbeginn immer noch für Überraschungen gut. Sei es eine nie behandelte Allergie, ein lädiertes Knie oder einfach „Rücken“ – kann alles passieren. Und da wäre ja auch noch der Anti-Doping-Test, der kleine Sünden der Sommerpause sichtbar machen kann.

Spezialisten für alle Bereiche

Michael Volkmer vom „Ortho-Team Köln“ überprüft die Neuankömmlinge und Rückkehrer vor jeder Saison aus orthopädischer Sicht, Peter Martin Klassen und seine Bonner Praxis sind für die internistische Untersuchung verantwortlich: Blut abnehmen, EKG schreiben, Lungenfunktion testen. Für die Anti-Doping-Aufklärung und Kontrolle ist Anja Meurer zuständig. Sie erklärt vor der Saison, was erlaubt ist und was nicht, und checkt, dass die Sportler nur zugelassene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel zu sich nehmen. Ein Beipackzettel kann ein Buch mit sieben Siegeln sein, da fragt man besser nach.

Michael Volkmer ist der Teamarzt am Spielfeldrand. Er ist bei den Heimspielen so gut wie immer dabei. Einen Orthopäden braucht man beim Sport häufiger als einen Internisten – glücklicherweise. Auf die Frage, wie er Teamarzt der Baskets wurde, lacht Michael Volkmer. „Ja, wie kommt man zu so einem Job? Durch Zufall“, sagt der Orthopäde. „In der Dienstbesprechung der Sportklinik in Köln, in der ich damals arbeitete, wurde gefragt: Bei den Telekom Baskets ist der Teamarzt ausgefallen, kann sich da einer von euch heute Abend mal hinter die Bank setzen? Da ich vom Basketball komme, sahen mich alle an. Also habe ich genickt und bin hingefahren. Das war im Playoff-Halbfinale 2000 gegen Alba Berlin.“

Die Atmosphäre der Playoffs steckte ihn mit dem Baskets-Virus an, die Atmosphäre im Verein überzeugte ihn, dabeizubleiben. „Man lernt viele Leute kennen und gehört dann auch irgendwann irgendwie zur Familie.“ Seitdem ist er bei so gut wie jedem Heimspiel dabei. Es ist gute Sitte in der Basketball-Bundesliga, dass sich der Heimarzt bei Bedarf auch um Spieler des Auswärtsteams kümmert. Denn kaum eine Mannschaft leistet sich, den Arzt mit auf Reisen zu nehmen.

Beim diesjährigen Eingangstest hat Michael Volkmer „nur ein paar Kleinigkeiten gefunden. Aber das ist normal. Josh Mayo war zum Saisonende verletzt, da ist alles wieder okay, und Konstantin Klein läuft wieder rund. Das freut mich sehr.“ Der Dauerverletzte der vergangenen Spielzeit hat beim Baskets-Doc einen Stein im Brett.

Der Guard hatte im Spiel bei Science City Jena im Oktober eine Sprunggelenksverletzung erlitten, die sich so unglücklich entwickelte, dass er für die komplette Saison ausfiel. „Konsti hat meine Hochachtung. Was für eine Mentalität. Er ist nicht nur ein Kämpfer, sondern hat auch Geduld und Disziplin. Viele andere hätten bei den Rückschlägen den Kopf in den Sand gesteckt – auch ich. Deshalb freut es mich, dass er jetzt wieder angreifen kann.“

Das Verletzungsrisiko gering halten

Einen umgeknickten Fuß kann er nicht verhindern, aber seine Einstellungsuntersuchung zielt nicht nur darauf ab, Verletzungen oder Probleme zu erkennen, sondern auch darauf, das Verletzungsrisiko im Saisonverlauf möglichst gering zu halten. „Man muss die Dinge anfangs erkennen, um dann richtig damit umzugehen.“

Er sieht sich auch ein bisschen als Empfangskomitee: „Die Jungs kommen hier an, die meisten im Jetlag, da muss man erstmal warm werden miteinander“, erklärt der 50-Jährige. „Ich frage zuerst nach Familie und Umfeld, der Vergangenheit und was die Spieler im Sommer so gemacht haben. So erfahre ich nach und nach vieles aus der Sichtweise des Spielers. Das versuche ich dann mit der Untersuchung zu objektivieren. Dazu gehört auch, Dinge festzustellen, die im Laufe der Saison zum Problem werden könnten.“ Volkmer überprüft den gesamten Bewegungsapparat. „Von Kopf bis Fuß, wie bei jedem Patienten.“

Da wo er kleine Fragezeichen sieht, müssen Ultraschall, Röntgen oder der Kernspintomograph herangezogen werden.Platten Füßen beispielsweise kann schnell mit Einlagen abgeholfen werden, anderes gestaltet sich schwieriger. „Ich hatte mal einen Spieler hier, auf den freuten sich alle schon sehr. Da habe ich gesucht und gesucht: Er hatte kein vorderes Kreuzband. Da war ich natürlich ein bisschen der Miesepeter. Letztlich ist die Untersuchung ein Faktor für das Zustandekommen eines Vertrags. Das war so ein Fall, den wir aber hinbekommen haben.“

Während er zurückblickt, Knie, Schultern und Füße Revue passieren lässt, wundert er sich: „Es ist schon erstaunlich, mit welchen Malaisen Spieler so klarkommen, mit denen Otto Normalverbraucher gar nicht gut klarkommen würde. Durch eine vernünftige Betreuung mit Physio, Athletiktrainer und Coaches kann man sehr vieles in den Griff bekommen, wenn man es anfangs erkannt hat.“

So durfte ein Bandscheibenvorfall – vielleicht vom langen Flug – bleiben und konnte wieder fit gemacht werden. Volkmer gibt die Empfehlung, Verein und Spieler entscheiden. „Da kann ich mich voll mit der Philosophie des Vereins identifizieren – ohne jemandem Honig um den Bart zu schmieren: Die Baskets würden nie ein Risiko für die Gesundheit eines Spielers eingehen. Wer nicht spielen kann, spielt nicht. Auch nicht am letzten Spieltag bei auslaufendem Vertrag. 'Nach uns die Sintflut' gibt's in Bonn nicht.“

Während man gegen stumpfe Verletzungen wie umgeknickte Füße, gerissene Bänder und gebrochene Finger nie gefeit ist, ist die Zahl der muskulären Verletzungen bei den Baskets deutlich zurückgegangen, seit ein Athletiktrainer zum Team gehört. „Angesichts gewachsener Anforderungen wird inzwischen ein deutliches Augenmerk auf die Regeneration gelegt“, sagt Volkmer. „Da leisten die Physios Marc Schröder und Bogdan Suciu auch seit Jahren großartige Arbeit.“

In ständiger Bereitschaft

Der Medizincheck ist auch für den Orthopäden ein Saisonstart. „Ich bin froh über den Abstand der Offseason. Mann muss auch mal Luft holen von dem Permanentkontakt, der weder Uhrzeiten noch Wochentage kennt“, sagt er, denn während der Saison ist er für das Team im Grunde ständig in Bereitschaft.

"Aber so lernt man auch viel dazu. Anfangs geht man mit seinem Lehrbuchwissen an die Verletzungen ran. Inzwischen weiß ich, dass nicht alles im Buch steht. Im Gegenteil. Alles ist irgendwie komplex im komplexen System Sportlerkörper. Da gibt es viele Konstellationen, die kennt man bei Patienten dieses Alters sonst nicht.“ Individuelle Verläufe, die nach dem Schneeballprinzip aus einer Kleinigkeit irgendwann ein größeres Problem haben werden lassen.

Sein Horror sind Dinge jenseits der üblichen Sportverletzungen. „Schädel-Hirn-Traumata zum Beispiel. Oder auch Verletzungen, die zum Karriereende führen – hatten wir auch schon. Ich erinnere mich da an Vincent Yarbrough.Traurig.“ Ein andere Horror, das gibt er offen zu, sind Fehldiagnosen. „Deshalb bin ich immer sehr akribisch und hole auch gerne eine zweite Meinung ein.“

Nicht zuletzt ist Volkmer auch ein bisschen Fan: „Auf TJ DiLeo und Yorman Polas Bartolo freue ich mich schon wieder. Die sehe ich gerne, und ich mag ihre mentale Einstellung. Die Neuen kenne ich ja noch nicht.“ Wohl aber ihre Knie, Füße und Wirbelsäulen.

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