Telekom Baskets Bonn Es passt nichts mehr zusammen

BONN · Basketball, so sagt man, ist ein Spiel von Läufen. Mal macht das eine Team die Punkte, dann wieder das andere. Vielleicht lässt sich das von der einzelnen Partie auch auf einen Saisonverlauf übertragen - zur aktuellen Situation der Telekom Baskets würde es jedenfalls passen.

 Ein Team, viele Krisen. Die Telekom Baskets suchen den Schlüssel zum Erfolg.

Ein Team, viele Krisen. Die Telekom Baskets suchen den Schlüssel zum Erfolg.

Foto: Jörn Wolter / wolterfoto.de

Man muss nicht lange zählen: Ausrutscher in Crailsheim, dann der positive Lauf, es folgten die Verletzung von Isaiah Philmore, die Trennung von Xavier Silas und der verspätete Saisonstart des lange verletzten Michal Chylinsky. All das schob den negativen Lauf an. Und der hält inzwischen seit acht Spielen an.

Die Abstimmung einer Mannschaft ist beim Basketball von höherem Stellenwert als etwa beim Fußball. In Bonn scheint sie in dieser Spielzeit besonders sensibel zu sein. Seit der ersten Niederlage der inzwischen längsten Serie in der Baskets-Historie ist sie dahin. Es passt nichts mehr zusammen.

Geno Lawrence bemüht sich, kann aber den Ball nicht an den Mann bringen, wenn seine Kameraden sich nicht an die Systeme halten. Rotnei Clarke spielt auf der falschen Position. Als Spielmacher hat er in aktueller Verfassung seine liebe Mühe, den Ball zu verarbeiten, außerdem sind seine Qualitäten als Dreierschütze hier verschenkt.

Andrej Mangold geht mit gutem defensivem Beispiel voran, kann aber alleine auch nicht alle anderen mitreißen. Michal Chylinski kann nach langer Rekonvaleszenz körperlich noch gar nicht die Ansprüche erfüllen, die an ihn gestellt werden. Experten wunderten sich zu Saisonbeginn, dass der polnische Nationalspieler überhaupt nach Deutschland wechselt - und dann nicht zu den finanzstarken Topadressen, sondern nach Bonn.

Der Vorschusslorbeer welkt vor sich hin. Rookie Aaron White lässt sich noch am wenigsten von der Krise beeindrucken. Er punktet und reboundet, defensiv ist er aber bestenfalls mit dem Basispaket ausgestattet. Jimmy McKinney trifft - ein unglücklicher Zufall - deutlich seltener aus der Distanz, seit er mit einem Vertrag bis zum Saisonende ausgestattet wurde, und Florian Koch hat sich nach einem starken Saisonbeginn auch von der Krise infizieren lassen.

Die beiden Center Dirk Mädrich und Tadas Klimavicius spielen ebenfalls unter ihren Möglichkeiten. Mädrich wirkt verunsichert, Klimavicius ist die traumwandlerische Sicherheit unter dem Korb abhanden gekommen. Hier und da ein Leistungstief im Saisonverlauf ist so normal wie die Läufe während des Spiels - aber alle zugleich?

Mathias Fischer ist gefragt. Er muss dem Team das Handwerkszeug an die Hand geben, mit dem es sich aus diesem Loch arbeiten kann. Aber wie gut erreicht der Trainer seine Spieler? Simon Linder vom Basketball-Portal GiveandGo hat Anfang November eine interessante Statistik erstellt: Wie viele Punkte erreicht eine Mannschaft durchschnittlich in der ersten Aktion nach einer Auszeit? Da sind die Telekom Baskets mit 0,58 im Ligavergleich Drittletzter.

Borussia-Mönchengladbach-Trainer André Schubert hat kürzlich sinngemäß gesagt: Man hat einen Plan, der Gegner stellt sich darauf ein - vielleicht mit einem besseren Plan. Dann muss man selbst wieder eine Idee haben. Das ist es, was fehlt. Hat der Gegner sich gut auf die Baskets eingestellt, scheint im Bonner Werkzeugkasten der Schlüssel zum Erfolg zu fehlen. Die Baskets benötigen dringend einen Impuls. Am besten vor dem Europacup-Spiel gegen Ljubljana (Mittwoch, 19.30 Uhr), sicher aber vor dem BBL-Spiel gegen Oldenburg (Sonntag, 17 Uhr, beide Telekom Dome).

KURZ GEFRAGTDie Telekom Baskets ein Fall für den Psychologen? Zumindest kann Prof. Dr. Jens Kleinert ein paar Erklärungsansätze geben. Mit dem Leiter des Psychologischen Instituts der Deutschen Sporthochschule in Köln sprach Tanja Schneider.

Nach starken Auftritten zu Saisonbeginn haben die Telekom Baskets seit dem Ausfall eines Spielers und Umstrukturierungen im Team acht Partien nacheinander verloren. Kann es daran liegen, dass in einem komplexen System die Balance verloren gegangen ist?
Jens Kleinert: Das trifft es ganz gut. Man spricht in der Sportpsychologie in solchen Fällen von der Balance-Theorie, das heißt, dass Überzeugungen oder Gefühle von Teammitgliedern nicht mehr stimmig sind.

Wie kann man sich das vorstellen?
Kleinert: In einer Gruppe gibt es unterschiedliche Rollen, die gut zusammenpassen müssen. Da ist der Motivator, derjenige, der für die Einhaltung der taktischen Marschroute verantwortlich ist, der, der das Selbstbewusstsein mitbringt, der Scorer, derjenige, der für die gute Laune oder auch für die Außendarstellung zuständig ist und die Interviews gibt.

Und je komplexer ein System, desto empfindlicher?
Kleinert: Ja, ausbalancieren lässt sich das nur wieder, wenn das Team das Gefühl hat, dass man das, was fehlt, gemeinsam kompensieren kann. Körbe, Rebounds - oder was auch immer. Wenn aber wichtige Spieler den Kopf hängen lassen, zum Beispiel der sogenannte Motivational Leader, also der, der für die Motivation zuständig ist und die anderen normalerweise mitzieht, dann lassen sich andere eventuell anstecken.

Wenn also mehr Spieler im Team sind, die das Selbstbewusstsein herunterziehen als solche, die andere positiv mitreißen können, schlägt das Pendel für alle zum Negativen aus?Kleinert: Entscheidend ist, dass auch ein eher labiler Spieler in optimaler psychischer Verfassung gute Leistungen bringt. In schwierigen Zeiten muss man ihm mental starke Mitspieler zur Seite stellen. Aber das weiß ein guter Trainer. Er muss nicht nur spieltaktisch, sondern auch mental-taktisch aufstellen.

Das bedeutet?
Kleinert: Man muss die Fähigkeiten wieder wahrnehmbar machen, im Training in Kleingruppen Vertrauen untereinander aufbauen. Was gut funktioniert wiederholen, Spieler sich gegenseitig motivieren lassen. Sie müssen sich das Selbstbewusstsein im Training zurückholen und sich das dann im Spiel vergegenwärtigen. Und die Spieler, die gut miteinander funktionieren, muss man miteinander aufs Feld bringen.

Was hilft einer verunsicherten Mannschaft: Routinen beibehalten oder Reizpunkte setzen?
Kleinert: Wenn ich mich für eines entscheiden müsste: Routine. In Zeiten von Unsicherheit muss Sicherheit geschaffen werden. Man muss Spielern die Angst vor Fehlern oder dem Verlieren nehmen und ihnen Lust auf Erfolgserlebnisse machen.

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