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TJ Dileo im Interview: Kapitän der Telekom Baskets: „Es war eine beängstigende Situation“

TJ Dileo im Interview : Kapitän der Telekom Baskets: „Es war eine beängstigende Situation“

TJ DiLeo über das abrupte Saisonende, die Ungewissheit des Sommers, Corona in den USA und seinen Freund Joshiko Saibou im Clinch mit dem Verein. Mit dem Bonner Spielmacher sprach Tanja Schneider.

TJ DiLeo kommt zu Hause in Cinnaminson/New Jersey gerade vom Training, als ihn der Anruf erreicht. „Hallo TJ, Zeit für ein Interview?“ Der Teamkapitän der Telekom Baskets Bonn zögert nicht: „Klar, wird ja langsam Zeit, mal wieder mit der normalen Arbeit zu beginnen.“ Mit dem Bonner Spielmacher sprach Tanja Schneider.

TJ, wir wollen über die Sommerpause sprechen. Dazu gehört in diesem Jahr auch der außergewöhnliche Beginn. Wie und wann haben Sie Corona wahrgenommen?

TJ DiLeo: Ende Januar habe ich davon gehört. Da war es in China, schien kein größeres Problem zu sein – und weit weg.

Wann war Ihnen klar, dass es auch Ihr Leben beeinflussen könnte?

DiLeo: Irgendwann erreichte es Italien. Da habe ich mit Josh Mayo telefoniert, und er hat mit erzählt, was da gerade passiert und dass sie die Saison abgebrochen haben. Da dämmerte mir, was uns bevorstehen könnte. Und dann ging alles ganz schnell.

Wie war die Situation dann, als das Virus die Baskets erreichte? Haben Sie sich als Teamkapitän in der Pflicht gesehen?

DiLeo: Nein, unser Sportmanager Michael Wichterich war da ein sehr guter Leader. Zunächst haben wir ja noch ein Spiel gemacht. Da wussten wir am Morgen noch nicht, ob abends Zuschauer dabei sein dürfen. Danach gab es ein Teammeeting. Michael und der Club haben gleich verstanden, dass es für uns Spieler eine beängstigende Situation war.

Weil unklar war, wie es weitergeht und wer wann wie noch nach Hause kommt?

DiLeo: Genau. Aber die Baskets sind allen entgegengekommen und haben uns geholfen. Sie haben das wirklich gut gemacht. Ich hatte Kontakt mit Spielern anderer Clubs: Das war nicht überall so.

Sie sollen der Erste gewesen sein, der einen Gehaltsverzicht angeboten hat…

DiLeo: Als ich von der Kurzarbeitsregelung für die Club-Mitarbeiter erfahren habe, war mir endgültig klar, wie hart die Situation für den Verein ist. Außerdem fand ich, dass es nicht einzusehen ist, dass wir anders als andere Angestellte des Vereins behandelt werden.

Hat sich die Mannschaft darüber ausgetauscht?

DiLeo: Ja, wir haben darüber gesprochen, und wir wollten den Verein in einer schweren Situation helfen. Es gab dann Gespräche und ein faires Angebot von den Baskets. Natürlich gibt es bei verschiedenen Spielern unterschiedliche Agenten und unterschiedliche Meinungen. Aber insgesamt verlief es fair, und alle konnten zufrieden sein.

Einige Ihrer Kollegen sind in Deutschland geblieben – auch, weil sie das deutsche dem US-Gesundheitssystem vorziehen. Sie sind abgereist, obwohl ihre Heimatstadt Cinnaminson im stark betroffenen Nordosten liegt. Warum?

DiLeo: Wir, ich und mein Bruder Max, wollten in der Nähe unserer Eltern sein. Falls etwas passiert. Was auch immer das hätte sein können. Die Situation war ja vollkommen neu, unbekannt und unvorhersehbar.

Sie mussten dann in Quarantäne…

DiLeo: Aber es war alles andere als eine schlimme Situation. Mir ist schon klar, dass wir es da vergleichsweise komfortabel hatten. Meine Eltern haben ein Apartment am Strand, da sind Max, meine Freundin Shannon und ich dann übergangsweise eingezogen.

Können Sie die Situation mit der in Deutschland vergleichen?

DiLeo: Alleine das fehlende Gesundheitssystem macht es in den USA schwieriger. Anfangs war die Lage ähnlich wie in Deutschland, insgesamt ist es die Frage, woher du kommst. Wir im Nordosten gehörten zu den am schlimmsten betroffenen Gebieten, da waren nur Supermärkte und Apotheken geöffnet. Das normale Leben kehrt nur langsam zurück und ist mit Pfeilen auf dem Boden geregelt.

Das klingt nicht gravierend anders als in Deutschland…

DiLeo: Ja. Das klappte ganz gut. Aber das Ganze ist halt auch eine politische Angelegenheit. Hier auf andere Art als in Deutschland. Der Süden meint, man kommt ohne Regeln aus, der mittlere Westen auch.

Sie meinen die Staaten der Trump-Wähler…

DiLeo: Ja. So ist es. Die Regierungen sehen das Problem nicht. Die Menschen auch nicht. Oder sie wollen es nicht sehen…

Wie geht es Ihnen im Moment? Wie funktioniert das Leben?

DiLeo: Es ist immer noch alles eher streng. Und das funktioniert. Wir können an den Strand gehen, müssen aber die Abstände einhalten. Es ist nicht alles erlaubt, aber doch genug. Es sind andere Zeiten, aber es ist doch keine große Sache, 15 Minuten eine Maske zu tragen.

Wird das Leben, wird Ihr Sport, wieder werden wie vorher?

DiLeo: Ich hoffe es. Ein Impfstoff wird die Voraussetzung sein, weil man sich sonst nicht hundertprozentig schützen kann – eben weil da nicht alle an einem Strang ziehen.

Gutes Stichwort. Ihr –  inzwischen muss man sagen ehemaliger – Teamkollege Joshiko Saibou gehört zu denjenigen, die Corona-Maßnahmen als Gefahr für die Menschenrechte sehen. Der Verein hat sich von ihm getrennt. Wie haben Sie das Thema aus den USA beobachtet?

DiLeo: Als ich von der Kündigung erfahren habe, habe ich ihn angerufen. Ich kenne Joshi seit meiner ersten Profistation hier in Deutschland; in Gießen haben wir damals zusammen gespielt. Er war immer ein guter Teamkamerad und ist ein guter Freund. Ich wollte wissen, wie seine Sichtweise ist, ehe ich jemand anderen zu der Sache höre.

Und wie war das Gespräch?

DiLeo: Das ist eine schwierige Situation für mich. Natürlich stimme ich Joshis Ansichten in Bezug auf den Umgang mit dem Virus und den eingeführten Regelungen nicht zu. Aber aus Athletensicht kann ich seine Seite verstehen, denn wir waren in der Off-Season und es gab kein Hygienekonzept, an das wir uns zu halten hatten. Aber ich sehe auch die Perspektive des Clubs.

Inwiefern?

DiLeo: Der Club, genauso wie die gesamte Liga, hängt am seidenen Faden. Das Überleben hängt davon ab, dass ein Hygienekonzept und entsprechende Regelungen für die kommende Saison aufgestellt werden. Also genau von dem, gegen das sich Joshi öffentlich ausgesprochen hat. Die Baskets  wollten kein Risiko eingehen, und ich weiß das zu schätzen. Unsere Jobs hängen davon ab, und ich bin dankbar, dass der Club alles dafür tut, die Saison durchführen zu können. Meinungsfreiheit ist ungemein wichtig, aber ich stimme zu, dass Handlungsfreiheit sich von Meinungsfreiheit unterscheidet. Aber wer kann schon sagen, ob sich Joshi wirklich nicht an ein von der Liga aufgestelltes Hygienekonzept gehalten hätte? Vielleicht hätte er zwar immer noch eine kontroverse Haltung gehabt, aber es wäre ja möglich, dass er sich den Teamkollegen zuliebe an die Regelungen gehalten hätte.

Ist das nicht sehr theoretisch?

DiLeo: Wie gesagt, ich kann verstehen, dass der Club dieses Risiko nicht eingehen wollte. Wir befinden uns in einer außergewöhnlichen Zeit, mit der bis dato niemand in dieser Art konfrontiert war.  Ich denke, es ist Sache des Gerichts zu entscheiden, inwieweit die Kündigung rechtens ist.

 Nachdem Sie Deutschland Richtung Heimat verlassen haben, wurde in München um den Titel gespielt. Bonn hatte auf die Teilnahme am Finalturnier verzichtet. Wären Sie gern dabei gewesen?

DiLeo: Ganz ehrlich? Zuerst nicht. Aber ich habe mir die meisten Spiele angesehen, auch, weil mein Bruder Max mit Vechta in München dabei war. Ich war überrascht. Das sah wirklich gut aus. Die BBL hat da einen richtig guten Job und das beste aus der Situation gemacht.

Alles ohne Zuschauer. So wird es zumindest zu Saisonbeginn wohl auch sein…

DiLeo: Das ist wirklich schade. Die Spieltage und ihre Atmosphäre sind doch das Beste am Profi-Sein. Aber ich freue mich trotzdem. Weil es nach der vergangenen Saison, die einen schlechten Nachgeschmack hinterlassen hat, ein Neustart ist. Das Sportliche kann ja jeder an der Tabelle ablesen, dazu war ich noch verletzt. Insofern ist mir dieser Neustart besonders wichtig.

Es wird auch das Team betreffend ein Neustart werden. Der Verein hat sich angesichts der ungewissen Situation und Zukunft komplett neu aufgestellt. Abgesehen von den Youngstern und Ihrem Freund Benni Lischka sind Sie der einzige, der vom alten Team noch übrig ist. Was erwarten Sie nach dem Umbruch?

DiLeo: Ich freue mich auf Igor Jovovic, unseren neuen Coach und die neuen Kollegen. Mir gefällt, wie die Mannschaft bisher zusammengestellt ist, das sieht doch schon sehr gut aus.

Wann in diesem Sommer der Unklarheiten fiel die Entscheidung, dass Sie ein Bonner bleiben?

DiLeo: Es war nicht wirklich eine Entscheidung. Die Baskets haben mir immer klargemacht, dass sie mich behalten wollen. Obwohl die Situation unsicher war, als ich aus Bonn wegging, war klar, dass ich zurückkomme. Die Baskets sind mein Club. Wir passen zusammen.

Und wann kommen Sie zurück?

DiLeo: Am 27. August. 48 Stunden vor Abflug werde ich einen Corona-Test machen und dann bei der Ankunft. Danach muss ich vier bis fünf Tage in meiner Wohnung bleiben. Und dann beginnt die neue Saison. Und trotz der Unwägbarkeiten muss ich sagen: Endlich.