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Interview mit Konstanze Klosterhalfen: „Zu Hause komme ich wieder zu mir“

Interview mit Konstanze Klosterhalfen : „Zu Hause komme ich wieder zu mir“

Konstanze Klosterhalfen aus Königswinter-Bockeroth gilt als Jahrhunderttalent des deutschen Mittelstreckenlaufs. Vor der WM in London erzählt die 20-Jährige, warum sie in Rennen immer vorneweg läuft, wer ihr Vorbild ist und was Heimat für sie bedeutet.

Die 20-Jährige ist Deutschlands größte Laufhoffnung für die WM in London (4. bis 13. August). Im Interview mit Berthold Mertes erzählt die Mittelstrecklerin, warum sie in ihren Rennen fast immer vorneweg läuft, wie sie mit Erfolgsdruck umgeht, und wer ihr Vorbild ist.

Konstanze, im Siebengebirge kennt Sie inzwischen jedes Kind, und die Herzen der Leichtathletikanhänger erobern Sie im Sturm, wie zuletzt in Erfurt beim Gewinn des deutschen Meistertitels über 1500 Meter. Gefällt Ihnen diese Prominenz?

Konstanze Klosterhalfen: Wenn ich Menschen begeistern kann mit dem, was ich gerne mache, und viele sich mit mir freuen, dann ist das ein schönes Gefühl.

Haben Sie die Jubelbilder von sich schon im Kopf gehabt, als Sie sich im Alter von elf Jahren erstmals von Ihren Eltern zum Training nach Leverkusen bringen ließen?

Klosterhalfen: Auf keinen Fall. Ich habe Schritt für Schritt gedacht. Früher wollte ich immer diese Wimpel gewinnen, die man bei Kreismeisterschaften bekommt – an deutsche Meisterschaften habe ich überhaupt nicht gedacht.

Wann haben Sie Ihre ersten Wimpel gewonnen?

Klosterhalfen: Das hat gedauert. Ich musste anfangs sehr kämpfen, um die anderen zu schlagen und einen Wimpel zu bekommen. Wann genau das war, weiß ich nicht mehr.

Was machen die Erfolgserlebnisse mit Ihnen?

Klosterhalfen: An mir als Person ändert das hoffentlich nicht so viel. Es gibt einem unheimlich viel positive Energie. Und ein schönes Lebensgefühl.

Und die Lobeshymnen vom Jahrhunderttalent?

Klosterhalfen: Darüber freue ich mich auch. Aber wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich mich selbst. Und weiß nicht, ob ich mich so damit identifizieren kann.

Gibt es für Sie noch ein Leben abseits der Laufbahn?

Klosterhalfen: Auf jeden Fall. Klar: In der Wettkampfsaison bin ich viel unterwegs und habe nicht so viel Zeit. Auch in der Vorbereitungsphase ist man viel in Trainingslagern. Aber zwischendurch, wenn ich dann nach Hause komme, finde ich es immer wieder schön, mich mit Freunden zu treffen. Es bleibt auch noch Zeit nebenbei.

Sie glauben aber doch nicht, dass Sie Ihr Studium an der Deutschen Sporthochschule in Köln in der Regelzeit abschließen können?

Klosterhalfen: Im Moment bin ich noch ganz gut dabei, aber wie das mit all den Klausuren klappt, das wird sich zeigen. Aber da mache ich mir auch nicht zu viel Stress.

Warum laufen Sie so schnell los? Ist es Ehrgeiz, ein innerer Druck?

Klosterhalfen: Ich mag es nicht, wenn ein Rennen verbummelt wird und finde das schnelle Laufen einfach schön. Wenn es nicht gerade ein Meisterschaftsrennen ist, dann ist es ja auch für die Zeit wichtig. Und es ist immer gut, wenn man nicht im Getümmel steckt.

Konstanze Klosterhalfen

„Man wird immer schneller“

Deutsche Meisterin sind Sie gerade geworden, aber auf höchster internationaler Ebene wie jetzt bei der WM in London werden Sie gegen die spurtstarken Afrikanerinnen eher keine Chance haben. Oder?

Klosterhalfen: Ja, das ist noch mal eine andere Konkurrenz. Aber wir haben das in der Saison mehrfach simuliert und ausprobiert, was da geht. Ich denke, da habe ich auch in taktischen Rennen inzwischen etwas mehr Erfahrung gesammelt. Und im Finale der U23-EM habe ich mich immerhin in der ersten Rennhälfte zurückgehalten.

Bei Olympia in Rio räumten Sie nach dem Ausscheiden im Halbfinale taktische Fehler ein …

Klosterhalfen: Damals war ich zu ungeduldig, vergeudete zu viel Kraft auf Bahn zwei. Ich hoffe, dass ich das in London schon ein bisschen besser machen kann.

Gibt es irgendwas, das Sie bei der WM erreichen müssen, um nicht enttäuscht zu sein?

Klosterhalfen: Nein. Ich hoffe, dass ich einfach mit meinem Rennen zufrieden sein kann.

Stimmt es, dass das Institut für angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig Ihre erste Leistungsanalyse nicht glauben wollte, weil dort in vielen Jahren bisher kein vergleichbares Ergebnis ermittelt wurde?

Klosterhalfen: Das weiß ich nicht so genau. Es gibt diesen Abbruchtest – man wird immer schneller und läuft, so lange man kann. Es gab es wohl noch nicht so oft, dass jemand so lange durchgehalten hat wie ich.

Es ist Ihnen klar, dass dort außergewöhnliche Werte festgestellt wurden, die Ihr Talent dokumentieren.

Klosterhalfen: Nee, mit den Werten kann ich nicht viel anfangen.

Wer gehört alles zu Ihrem Team?

Klosterhalfen: Familie und Freunde, mein Papa, der immer mitkommt. Meine Mama, mit der ich dann immer telefoniere. Das Trainerteam, vor allem mein Leverkusener Trainer Sebastian Weiß. Mein Management, das mir hilft, und die Sponsoren, die mich unterstützen.

Welche Eigenschaften an Menschen schätzen Sie?

Klosterhalfen: Wenn sie direkt sind. Wenn sie wissen, was sie wollen. Einfach das machen, woran sie Freude haben – und hinter dem stehen, was sie machen.

Was ärgert Sie?

Klosterhalfen: Wenn meine Brüder mich ärgern. Nach dem Kochen nicht aufräumen. Und ich warte nicht so gerne, dann werde ich ungeduldig. Und Unehrlichkeit mag ich nicht.

Was ist für Sie Heimat?

Klosterhalfen: Zu Hause hier in Bockeroth. Es ist zwar schön, in der Welt unterwegs zu sein. Wenn ich dann aber wieder zurückkomme, bringt so ein Dauerlauf im Siebengebirge die bestmögliche Entspannung. Dann kann ich die ganzen Ereignisse verarbeiten und komme wieder zu mir. Und lerne die Heimat jedes Mal, wenn ich länger weg war, umso mehr schätzen.

„Das war irgendwie total unbegreiflich“

Die weltbesten Läuferinnen sind Fliegengewichte. Sie auch. Müssen Sie auf Ihr Gewicht achten? Also darauf, nicht zu leicht werden?

Klosterhalfen: Nicht besonders. Ich ernähre mich gesund. Als Kaderathletin werde ich ohnehin regelmäßig kontrolliert. Aber einen Ernährungsplan gibt es nicht.

Gibt es da ein bestimmtes Limit, das Sie einhalten müssen?

Klosterhalfen: Auf jeden Fall, weil wir auch gesund bleiben müssen.

Der Verzicht auf Süßigkeiten fällt nicht schwer?

Klosterhalfen: Nein. Auch Gummibärchen reizen mich nicht, also passt das.

Ihre beiden Lieblingsgerichte?

Klosterhalfen: Pfannkuchen mit Milchreis … (überlegt) – und am liebsten Pfannkuchen mit Milchreis (lacht).

Was ist Genuss für Sie? Rauchen und Alkohol trinken Sie sicher nicht.

Klosterhalfen: Genießen kann man die Sonne, schöne Situationen mit Freunden, wenn die Familie mal zusammenkommt. Einen Dauerlauf genieße ich auch.

Und Klavierspielen?

Klosterhalfen: Ja, manchmal.

Wer war Ihr Vorbild?

Klosterhalfen: Ganz am Anfang im Leverkusener Verein Annett Horna und Robin Schembera, mit dem ich auch jetzt in einer Gruppe trainiere. Gesa Krause, die Hindernis-Europameisterin, ist es immer noch ein bisschen. International bewundere ich Usain Bolt, weil er die Leichtathletik darstellt. Und in meiner Disziplin die Weltrekordlerin Genzebe Dibaba.

Welches Gefühl war es, als Sie Bolt beim Sportfest in Ostrau im Mai 2016 persönlich kennengelernt haben? Sie stellten damals ein Selfie mit ihm online.

Klosterhalfen: Das war irgendwie total unbegreiflich. Unfassbar, vor meinem Rennen habe ich ihn im Callroom zum ersten Mal gesehen. Komisch, ihn live zu treffen.

In London werden Sie nun seine Abschiedsvorstellung miterleben. Haben Sie sich schon mit ihm verabredet?

Klosterhalfen (lacht): Ich hoffe, dass er wirklich noch einmal startet. Leider hat er ja schon seinen Verzicht auf die 200 Meter erklärt.

Was wäre schöner: Ihn noch mal zu treffen mit einer Goldmedaille um den Hals oder die eigene Medaille?

Klosterhalfen: Das ist noch nicht so mein Bereich. Für mich ist es wichtiger, dass ich mit meinem eigenen Rennen zufrieden sein kann.

Sie sehen sich also ausdrücklich nicht als Medaillenkandidatin, obwohl Sie nun schon zweimal in dieser Saison über 1500 Meter unter vier Minuten geblieben sind?

Klosterhalfen: Das ist noch einmal eine andere Hausnummer. Darüber denke ich nicht nach. Darüber möchte ich auch nicht nachdenken. Und unter vier Minuten laufen in der Welt schon noch ein paar Frauen mehr.

Ihr Motto bleibt also: Nicht groß nachdenken, sondern rennen?

Klosterhalfen: Genau.