"Stoppt das Schulchaos"

"Stoppt das Schulchaos"

Nie wieder konnten bis heute die Menschen in Nordrhein-Westfalen derart mobilisiert werden wie für das Volksbegehren 1978 - 3,6 Millionen Bürger stimmten gegen die kooperative Schule

Düsseldorf. Wenn Rainer Domisch auf das deutsche Bildungssystem angesprochen wird, schwankt seine Stimmung zwischen Unverständnis, Resignation und ein ganz klein wenig Hoffnung. Als Pädagoge aus Baden-Württemberg zog er Ende der 70er Jahre nach Finnland, nicht ahnend, dass seine Wahlheimat zwei Jahrzehnte später als das "gelobte Bildungsland" gepriesen werden würde.

Lebhaft erinnert sich der inzwischen weltweit anerkannte Bildungsexperte, der sein täglich Brot im Zentralamt für das Unterrichtswesen in Helsinki verdient, daran, wie unterschiedlich damals die Entwicklungen in den beiden Ländern verliefen.

Während Deutschlands Politikerinnen und Politiker, in Nordrhein-Westfalen massiv von Eltern und Verbänden unterstützt, den Weg für mehr Differenzierung und die frühe Verteilung der Kinder auf unterschiedliche Schulformen ebneten, erlebte das Land im hohen Norden die entgegengesetzte Diskussion. 1974 wurde das dreigliedrige Schulsystem zu Gunsten längeren gemeinsamen Lernens abgeschafft.

Eben zu dieser Zeit tobte in Nordrhein-Westfalen ein "Schulkampf", der 1978 in einem Volksbegehren ungeahnten Ausmaßes mündete. Stück für Stück sollte, so jedenfalls wünschte es die von Ministerpräsident Heinz Kühn geführte Landesregierung, die Schulstruktur verändert werden. Ziel der Umbaumaßnahme war die Integrierte Gesamtschule. In ihr sollten alle Kinder bis zur zehnten Klasse gemeinsam lernen.

Die Trennung in Haupt- und Realschule sowie Gymnasium sollte demnach in der Sekundarstufe I aufgehoben werden. Den Weg dorthin sollten ab 1973 kooperative Schulen ebnen. Hier hätten die alten Schulformen weiter bestanden. Sie sollten aber organisatorisch unter einem Dach vereinigt werden. Mit dem Vorteil für die Schülerinnen und Schüler, dass sie zwar weiterhin die für sie ausgewählte Schulform besucht, gleichzeitig aber an schulformübergreifenden Kursen hätten teilnehmen können.

Kultusminister Jürgen Girgensohn ließ keinen Zweifel am eigentlichen Ziel aufkommen: "Ich glaube, dass die kooperative Schule ein Zwischenstadium zur integrierten Gesamtschule sein wird, und von diesem Glauben lasse ich mich auch nicht abhalten", betonte er im Düsseldorfer Landtag. Er täuschte sich. Nicht nur die CDU, sondern auch die Mehrzahl von Lehrer- und Elternverbänden sowie die Kirchen gingen gegen die Pläne auf die Barrikaden. Großkundgebungen, Flugblattaktionen und heftige öffentliche Auseinandersetzungen spalteten schließlich auch die Koalition.

Die FDP ging auf Distanz zu den eigenen Vorschlägen, erreichte leichte Korrekturen am Gesetz, das letztendlich doch verabschiedet wurde. Umgesetzt aber wurde es nicht. Das verhinderte ein Volksbegehren, das acht Lehrer- und Elternverbände unter dem maßgeblichen Einfluss des Philologenverbandes und der Landeselternschaft der Gymnasien ins Leben riefen. "Stoppt das Schulchaos" forderten sie und stießen bei den Menschen im Land auf offene Ohren.

Vom 16. Februar bis 1. März 1978 sprachen sich mehr als 3,6 Millionen Bürger mit ihrer Unterschrift gegen die kooperative Schule aus. Die erforderliche 20 Prozent-Hürde für den Erfolg des Begehrens wurde weit (29,9) übertroffen. Die Mehrgliedrigkeit war zementiert. Nicht nur Rainer Domisch sieht in diesen Auseinandersetzungen die Ursache dafür, dass sich auch Nordrhein-Westfalen heute so schwer tut, internationalen Beispielen zu folgen und der frühen Selektion künftig eine Absage zu erteilen.

Resignierend beobachten Bildungsexperten wie Domisch, dass die "Grabenkämpfe" schon dann mit alter Vehemenz ausbrechen, wenn das Wort Struktur nur fällt. Als Hoffnungsschimmer für die Kinder wird allein die Tatsache gewertet, dass sich mehr und mehr Eltern, vor allem aber auch Lehrerverbände der Forderung längeren gemeinsamen Lernens anschließen.

Gegner dieser Idee führen vielfach den überwältigenden Erfolg des Volksbegehrens an. Nie wieder und für kein anderes Thema konnte bis heute die nordrhein-westfälische Bevölkerung derart mobilisiert werden. Mehr Mitspracherecht wird seither dennoch immer wieder, wenn auch in kleinerem Umfang, genutzt. Trotzdem zieht der Verein "Mehr Demokratie" für das erste Halbjahr 2006 jüngst eine düstere Bilanz.

Es seien zwar Unterschriften für eine hohe Zahl von 41 Bürgerbegehren gesammelt worden. Die Erfolgsquote aber sei extrem mager ausgefallen: Bei nur sechs Bürgerbegehren kam es zu Bürgerentscheiden, bei denen die Bürger im Erfolgsfall in kommunalen Angelegenheiten an Stelle des Rates entscheiden können. Doch kein einziges war erfolgreich.

So blieb etwa ein Entscheid über den Erhalt des Stadtbades in Krefeld wirkungslos, obwohl sich 87 Prozent der Abstimmenden dafür ausgesprochen hatten. Die Zahl der Unterstützer (23 505 Krefelder) erreichte aber nicht den vorgeschriebenen hohen Anteil von 20 Prozent der gesamten Krefelder Bevölkerung.