Stadtführung : Ein Ausflug in die Gründerzeit

StattReisen-Führerin Ingeborg Nolden ihre Gäste mit auf eine Tour durch Vergangenheit der Südstadt

Architektur als Spiegel gesellschaftlichen Wandels: das ist die Südstadt, die mit ihren wunderschönen Ecken und Szenekneipen besonders bei Akademikern und Studenten zu einem der beliebtesten Wohnviertel zählt. Aber auch Bonner und vor allem Touristen werden von der unterschiedlichen Bauweise an Villen und Bürgerhäusern – die Straßenzüge wirken wie ein in Stein und Stuck verfasstes Lesebuch der Gründerzeit – immer wieder angelockt.

Jedes Gebäude ist Ausdruck des Lebensgefühls im 19. Jahrhundert, hinter dem einen oder anderen Meisterwerk verbergen sich oft unbekannte Geschichten, die nur ein Fachmann beziehungsweise eine Fachfrau zu erzählen weiß. Wie zum Beispiel Ingeborg Nolden, die seit Jahrzehnten in der Südstadt lebt und jeden Stein aus dem Eff-Eff kennt. Seit 2013 bietet sie für StattReisen Rundgänge durch ihr Viertel an, berichtet von bekannten Persönlichkeiten oder reichen Bürgern und streut gelegentlich ein „Histörchen“ ein, das den Blick der Teilnehmer auf bisher Unbekanntes lenkt. Viel Neues erfuhren denn auch die Bonner, die schon lange in der Stadt wohnen, und nun zum ersten Mal eine Führung mitmachten.

Start des Rundgangs ist immer an der Poppelsdorfer Allee – „der barocken Achse von Stadt- zum Poppelsdorfer Schloss“, begann die 80-Jährige ihre Ausführungen. „Hier war früher wegen eines alten Rheinarmes ein morastiger, sandiger Weg. Erst im 18. Jahrhundert wurde er trockengelegt. Der Bau der Eisenbahnlinie hat dann aber das grüne Band im 19. Jahrhundert zerschnitten“, führte Nolden aus.

Das heute so begehrte Wohnquartier wurde vom Bonner Kommunalbauplaner Paul Richard Thomann am Reißbrett entwickelt – mit Gittermäßig angelegen Straßen und vier geplanten Plätzen, von denen nur einer und zwar der heutige Levison-Platz realisiert worden ist „wegen der Eigentumsverhältnisse“, betonte Nolden.

Mit der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt entstand als erstes Gebäude 1838 neben dem heutigen Hotel Bristol die erste im klassizistischen Stil erbaute Villa, die 1969 nur dank einer Bürgerinitiative vor dem Abriss bewahrt wurde.  Amüsant erzählt die Kunsthistorikerin vom allmählichen Ausbau der Südstadt im 19. Jahrhundert als 1600 Privathäuser zwischen 1810 und 1910 entstanden. „Hier sind vier gleiche Fassaden. Alle Häuser wurden im selben Stil erbaut“, verweist Nolden in der Poppelsdorfer Allee auf eines der Spekulationsobjekte, mit denen sich so mancher Bauherr eine goldene Nase verdiente.

Immer wieder bleibt der Trupp  stehen, um sich besonders ausdrucksstarke Giebel, Ornamente und Cartouchen anzusehen. Mal sticht auch eine Fassade aus dem Gründerzeit-Ensemble hervor – wie die schwarzen Fenster und die schwarze Tür samt weißer Fassade im Stil des Bauhauses.

Schnell entsteht das Bild von Lokalgeschichte, das anhand der noch bestehenden Gebäude und ihrer Charakteristika höchst lebendig wird. So ist auch das Gebäude des ehemaligen Deutschen Herold – bis 2016 gehörte das 2,4 Hektar große Areal der Zürich Versicherung – ein Spiegel nationalsozialistischer Architektur. Die 1970er Jahre Bürobauten werden zurzeit abgerissen, das historische Ensemble am Blockrand bleibt aus Gründen des Denkmalschutzes bestehen.

Geplant sind Neubauten, die dann architektonisch wieder ein Spiegel unserer Zeit für die Nachwelt sein werden trs