Wandern ist „in“ : Nicht nur Wanderstock und Filzhut

Wandern liegt bei Kindern und jungen Erwachsenen im Trend

Einmal sind sie bei einer Wandertour plötzlich auf einer Kuhweide gelandet. „Das war witzig“, erzählt Elsa lachend. Die Tiere seien ihr und ihren Eltern nämlich noch eine Weile hinterher gelaufen. Elsa kommt aus Kriftel unweit von Frankfurt am Main, ist neun Jahre alt und geht gerne wandern. Sie mag die Natur und die vielen Pflanzen, ab und zu klettert sie auch ein bisschen, wie die Drittklässlerin sagt. In ihrer Klasse sei sie nicht die einzige mit dem Hobby. Sie war auch schon zusammen mit Schulfreundinnen wandern.

70 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung gehen zumindest gelegentlich wandern. Das ist das Ergebnis einer vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Studie aus dem Jahr 2014. Das Durchschnittsalter liege bei 47 Jahren, doch die Community werde jünger, wie Jens Kuhr vom Deutschen Wanderverband beobachtet. Das habe vor allem mit einem Imagewechsel zu tun: „Wandern gilt als hip und nicht mehr als so verstaubt wie noch vor einigen Jahren.“

Das liege auch an den vielen kreativen Angeboten für die Zielgruppe. Die Corona-Krise habe den Trend noch einmal befeuert, erzählt der Verbandssprecher. Im Internet finden sich unzählige Angebote für Bergwanderungen und Alpenüberquerungen für junges Publikum. Berufseinsteiger gründen Facebook-„After-work-Wander-Gruppen“. Auf Instagram posten junge Wanderfans unter Hashtags wie „wanderlust“ oder „wandernmachtglücklich“.

Im Schwarzwald und in der Pfalz gibt es nach den Worten von Kuhr Trekkingplätze, die Jugendliche besonders reizten. Die Plätze sind eine Mischung aus Wildcampen und Campingplatz. Zur spartanischen Ausstattung gehören meist Sitzmöglichkeiten, ein Brennholzlager und eine Toilette im Freien. Auch andere alternative Übernachtungsmöglichkeiten während eines Wander-Trips wie Baumhausunterkünfte sind laut einer Untersuchung der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften bei Jüngeren beliebt.

Stephan Weber hat schon lange das Wandern für sich entdeckt. Der 29-Jährige kommt gebürtig aus Bad Honnef. Dort hat er vor einigen Jahren gemeinsam mit ein paar Kumpels an der Volkswanderung „Sieben auf einen Streich“ im Siebengebirge teilgenommen. Seither zieht der Vertriebsingenieur aus Essen jedes Jahr mit Freunden oder seiner Partnerin durchs Land. Bei ihm hat die Leidenschaft sportliche Gründe.

„Wir gehen zügig und mit leichtem Gepäck“, berichtet der trainierte Rheinländer. „Wir tragen auch ganz normale Sportkleidung. Ich bin jetzt kein klassischer Wanderer mit Hut“, stellt er lachend klar. Das Wandern sei ein Ausgleich für seinen stressigen Job.

„Gerade junge Menschen wollen eine Region auf eigene Faust entdecken“, berichtet Kuhr. Neben Apps mit digitalen Wanderrouten wie „komoot“ interessierten sich viele sogar wieder für Karten, um ihre Touren planen zu können.

Als Judith mit dem Wandern angefangen hat, gab es diese digitalen Möglichkeiten ohnehin noch nicht. Mit 17 Jahren wagte die heute 30-Jährige ihre erste Wanderung mit ihrem jetzigen Mann. Die Tour ging nach Bayern. „Das waren eher ein paar kleine Hügel“, erzählt die Stuttgarterin und lacht. Von da an wanderte das junge Paar zwei bis drei größere Touren im Jahr, irgendwann schafften es die beiden auf Gipfel mit bis zu 2000 Metern Höhe.

Heute, mit zwei kleinen Kindern, seien daraus eher längere Spaziergänge geworden, sagt Judith. Damals hätten ihr Mann und sie bei den Wanderungen oft stundenlang kein Wort miteinander gewechselt. Das habe gut getan. Das Gehen habe etwas Meditatives, sagt die junge Frau. Außerdem habe sie der Ehrgeiz gepackt. „Auf dem Weg hoch war ich oft kurz davor aufzuhören. Das war sehr anstrengend. Aber wenn man dann oben war, das war so ein extremes Erfolgserlebnis.“

Um Erfolg geht es bei den Touren von Georg Magirius weniger. Der Theologe bietet spirituelle Wanderungen etwa durch den Taunus an. Die Touren dauern ein paar Stunden, als geistlichen Impuls stellt er einen Bibelvers vor. Auch er beobachtet, dass sich immer mehr junge Menschen fürs Wandern interessieren.

„Bei mir laufen oft suchende und fragende Menschen mit. Und das sind Jugendliche ja in besonderem Maße“, sagt der freie Autor aus Frankfurt. Sie erlebten oft Umbrüche im Leben. Beim Wandern seien die Menschen mit sich und ihren Sehnsüchten konfrontiert. Durch die Landschaft bekämen viele einen neuen Zugang zu den „großen Fragen des Lebens“, ist der Theologe überzeugt. Fürs Innehalten bleibe im hektischen Großstadt-Leben kaum Zeit. epd