Arp Museum : Auf den Sockel gehoben

Ausstellung „In Form! Skulptur und Plastik bis 1900“ im Arp Museum

Was macht klassische Bildhauerei aus? 59 in der Kunstkammer versammelte Bildwerke der Sammlung Rau für UNICEF veranschaulichen einzelne Facetten der historischen Entwicklung von Skulptur und Plastik vom Mittelalter bis zur Moderne.

Im Themenjahr „Fantastisch plastisch“ macht das Arp Museum in vielerlei Form und Formen begreifbar, was Skulptur und Plastik war und ist. Was hat die Generation der herausragenden Bildhauer Rodin und Arp maßgeblich verändert, was berührt und bewegt junge Künstler*innen wie Stella Hamberg oder die Stipendiat*innen des Künstlerhauses Schloss Balmoral heute?

Welche Themen und Prinzipien für die Bildhauer vor 1900 tragend war, was sie in Form brachten, wen oder was sie auf den Sockel hoben, all das stellt die Ausstellung in der Kunstkammer Rau schlaglichtartig vor und spannt den Bogen der skulpturalen Entwicklung vom Mittelalter bis zu Rodin.

So stehen mittelalterliche Skulpturen in engem Dialog mit der sie umgebenden Kirchenarchitektur. Für diesen Rahmen waren sie geschaffen, verkörpern einprägsame religiöse Botschaften. In der Renaissance erobern plastische Bildwerke dagegen den privaten Raum. In klassischer Pose aber voller Erzähldrang besetzen sie die Kunstkammern der Humanisten. In Gärten und Innenräumen barocker Schlösser lassen sie die Götter der Antike spielerisch-lustvoll wiederaufleben. Auf starke, bewegende Gefühle setzt auch die religiöse Barock-Skulptur der Gegenreformation. Erschreckend drastisch führt sie die Martyrien der Heiligen vor, schildert lebensnah Maria als leidende Mutter. In Zeiten großer Glaubenskriege und Krisen hilft Skulptur und Plastik Sinn zu geben, weil sie anrührt. Dagegen hebt die Aufklärung des 18. Jahrhunderts nicht mehr die Götter der Vergangenheit, sondern die gesellschaftsverändernden Philosophen ihrer Epoche auf den Sockel: Die Denkmäler dieser Gegenwartshelden erobern nun auch den öffentlichen Raum. Sie verkünden den Glauben an Zukunft und Fortschritt. Im privaten Bereich aber, feiert manch ein Bourgeois sich selbst oder seine Familie – in Anlehnung an die Ahnengalerien der verehrten Klassik. Die Marmor- oder Terrakotta-Porträts dieser Epoche sind präzise und detailgetreu. Die impressionistische Plastik gegen Ende des 19. Jh.s lenkt den Blick schließlich auf einen kurzen, vorübergehenden Moment voller Bewegung und Emotion – und ist ganz nah beim großen Meister Auguste Rodin. Seine revolutionären Werke werden ab dem 27. Juni in der parallel gezeigten Schau „Rodin / Arp“ im Neubau des Arp Museums gezeigt.

Die Ausstellung „In Form! Skulptur und Plastik bis 1900“ ist Ende März 2021 digital eröffnet worden. Weitere Informationen gibt es auf www.arpmuseum.org oder über die Facebook-Seite arpmuseumbahnhofrolandseck. Die Ausstellung dauert bis zum 30. Januar 2022.