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Gesetzesänderung: Ärger um die Bon-Pflicht

Gesetzesänderung : Ärger um die Bon-Pflicht

Bäcker klagen über erhebliche Mehrkosten. Kunden verstehen Sinn der Regelung nicht

Der Widerstand ist groß – aber wie so oft im Alltag wird sich die Ablehnung irgendwann in Luft auflösen. Schön wär’s! Alles bleibt, wie es beschlossen wurde, auch wenn der Beschluss sich als Unfug erweist. Die Rede ist von der Bon-Pflicht, die Einzelhändler auch in Bonn maßlos ärgert und Kunden nur noch mit dem Kopf schütteln lässt.

Hintergrund der neuen Vorschrift ist der Hang einiger Einzelhändler und Gastronomen zur Steuerhinterziehung. Vertreter mancher Branchen mit einem traditionell hohen Bargeldanteil haben mit manipulierten Kassen, kreativ gestalteter Software und gefälschten Rechnungen dem Staat riesige Summen an Steuergeldern vorenthalten.

So zog das Bundeswirtschaftsministerium die Notbremse und verschärfte zum Jahreswechsel mit dem „Gesetz zum Schutz vor Manipulationen an digitalen Grundaufzeichnungen“ (Kassengesetz) und mit einer „Kassensicherungsverordnung“ die Buchführung von Einzelhändlern. Vor allem die Kassengeräte sollten durch eine sogenannte technische Sicherheitseinrichtung (TSE) fälschungssicher werden. Händler können sich zwar noch bis September 2020 mit der Umrüstung Zeit lassen – die Bon-Pflicht besteht aber schon seit dem 1. Januar.

Menschen in ganz Deutschland regen sich nun schon seit Wochen über die Papierflut auf, die ihnen über die Ladentheken geschoben wird. Im Internet lassen Wutbürger und Hobby-Satiriker ihrer Meinung freien Lauf. Junge Mitglieder der Fridays-for-Future-Bewegung haben kistenweise Bons gesammelt und mit einer Protestnote ans Bundesumweltministerium geschickt. Und findige Bäcker produzieren essbare Kassenzettel oder Kassenbon-Krapfen. Kurz: Der Protest ist fantasievoll wie immer, wenn ein Thema aufploppt. Aber ist die Situation wirklich so ernst?

Liga Scazzari ist ziemlich verärgert. Die Inhaberin des Poppelsdorfer Bäckerlädchens in der Argelanderstraße verbraucht inzwischen täglich mehrere Rollen des Thermopapiers für ihre Kasse. „Und 99 Prozent der Kunden nehmen die Bons dann eh nicht mit“, erklärt die Bäckerin. Immerzu geht die Glocke in dem kleinen Laden, Liga Scazzari reicht – wie es ihr Steuerberater empfohlen hat – noch immer die Kassenzettel mit den Brot- und Brötchentüten über den Tresen. Aber in der Tat: Niemand will den Bon mitnehmen, geschweige denn anschauen und prüfen.

„Viele unserer Kunden sind schon sehr umweltbewusst“, sagt die Bäckerei-Inhaberin. „Sie bringen ihre eigenen Kaffeebecher mit oder Stofftaschen für die Brötchen, damit wir nur ja keine Papiertüten verbrauchen. Aber dann muss ich die Kassenzettel ausdrucken, die niemand will. Das ist doch doof! Ich fühl mich richtig schlecht!“

Schlecht fühlt sich auch Bernd Rott, Inhaber der Stadtbrotbäckerei mit 21 Filialen. Aber bei ihm rührt das Unwohlsein eher daher, „dass hier eine ganze Branche in eine Ecke gestellt wird, in die sie nicht gehört!“ Auch wenn er zugibt, dass es wohl Branchen gibt, in denen Steuergelder hinterzogen werden: In einem Bäckereiunternehmen mit Filialen ist das, was das Bundeswirtschaftsministerium unterstellt, laut Rott gar nicht möglich.  Durch ein striktes Kontrollsystem sei sichergestellt, dass ausnahmslos alle Ausgaben und Einnahmen sich decken – bis hin zum heruntergefallenen Brötchen, das nicht mehr verkauft werden kann.

Mehrausgaben haben nun alle Bäckereien. Egal ob der Großbetrieb Stadtbrotbäcker oder das kleine Poppelsdorfer Bäckerlädchen: Sie alle müssen neue Kassengeräte kaufen. Bernd Rott rechnet mit Mehrausgaben in Höhe von 220 000 Euro. Von den Kosten für die vielen Papierrollen ganz zu schweigen.

Apropos: Dieses bedruckte Thermopapier darf nicht im Papiermüll landen, sondern gehört als Sondermüll in die graue Tonne. Noch so ein Unfug, über den sich Unternehmer ärgern und Kunden verständnislos den Kopf schütteln. Aber das Bundeswirtschaftsministerium bleibt stur. Das Gesetz ist rechtskräftig. Basta. jöw