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Berufsportrait: Vom Schrauber zum Alleskönner

Berufsportrait : Vom Schrauber zum Alleskönner

Motorradmechaniker aus Leidenschaft. Ein Besuch bei den Zweirad-Fachleuten in Bonn

Wer erwartet, dass es in einem Servicecenter von Harley Davidson dröhnt und röhrt, der hat sich zumindest in Corona-Zeiten geirrt. Während im Verkaufsraum die blank polierten Maschinen auf neue Kunden warten, herrscht in der Werkstatt konzentrierte Ruhe und Geschäftigkeit. Werkstattleiter Dennis Schröder nimmt sich dennoch Zeit, um über seinen Job zu berichten.

Der 27-jährige KfZ-Mechatroniker mit Schwerpunkt Zweirad hat seinen Beruf ganz gezielt ausgewählt. Schon als kleiner Junge hat ihn der Vater auf einem Motorrad mitfahren lassen, später hat er sein Mofa komplett auseinandergenommen und mit ein paar Erweiterungen wieder zusammengesetzt. So ging das bis zur Ausbildung – Harley hatte das Potential und die Leidenschaft des jungen Mannes erkannt und ihn aufgenommen.

Dabei ist Harley Davidson eigentlich so gar keine Motorradmarke für junge Menschen. Und auch Dennis Schröder „fährt privat lieber sportlich“ und hat daher ein flotteres Zweirad. Doch die 1903 im amerikanischen Milwaukee, Wisconsin gegründete Marke hat erkannt, dass sie auch junge Fahrer ansprechen muss und ihre Produktpallette angepasst. Nach wie vor sind die Maschinen aber ziemlich teuer und sprechen eher die wohlhabende, ältere Klientel an.

„Ja klar, sind die Kunden deshalb auch anspruchsvoll, was Service und Dienstleistungen angeht“, erzählt der Werkstattleiter. „Aber natürlich können sie für ihr Geld auch einiges erwarten.“ Deshalb also sitzen Dennis Schröder und seine Kollegen fast das ganze Jahr über in der großen Halle an der Bornheimer Straße, nehmen Wartungen und Inspektionen vor und bauen die schweren Motorräder nach den Wünschen ihrer Kunden um. Heck-Erweiterungen, breitere Reifen, hohe Lenker sind die Klassiker. Dafür gibt es inzwischen feste Montage-Sätze und vorlackierte Teile. Viel Raum für Kreativität bleibt den Mechanikern nicht – aber natürlich das tägliche Arbeiten an Kult-Maschinen.

Ganz anders sieht das in der Werkstatthalle von EGM Motorrad in Dransdorf aus. Im kleinen Gewerbegebiet am Ortsausgang Richtung Alfter haben sich die beiden Kfz-Meister Klaus Eich und Sven Gries ein eigenes Reich geschaffen. Beide waren beim renommierten Zweirad Schmitz beschäftigt, und als das Geschäft 2004 geschlossen wurde, haben sie gemeinsam ihre Firma eröffnet – zunächst in Wachtberg, seit 2008 in Dransdorf. „Der Standort ist wichtig“, sagt Gries. Die Erreichbarkeit mit öffentlichen Verkehrsmitteln muss bei längeren Reparaturarbeiten eingeplant sein.

Und davon haben die beiden Männer genug. Vor der Türe reihen sich alte und neue, kultige und normale, umgebaute und Alltagsmaschinen aneinander. Drinnen in der Halle sitzen die beiden Mechaniker meist gemeinsam an einer Arbeit. „Es ist wichtig, dass wir uns austauschen“, erzählt der alte Meister Klaus Eich, bei dem schon Generationen von Motorradmechanikern im Großraum Bonn ihre Lehre absolviert haben.

Inspektionen, Reparaturen, TÜV-Vorbereitungen und mehrere Maschinen pro Jahr, die komplett umgebaut werden, gehören zum Aufgabenspektrum der freien Werkstatt. „Wir kümmern uns um alle Marken und um alle Baujahre“, berichtet Gries und erzählt dann, wie schwierig das manchmal sein kann. Mit seinem riesigen Bart und der ruhigen Herzlichkeit kommt der 46-jährige Kfz-Meister dem klassischen Bild eines Motorrad-Schraubers schon sehr nahe. Und genau das sind die beiden Mechaniker auch. Beide haben ihr Jugend-Hobby zum Beruf gemacht, „und etwas so zu verändern, wie es noch keiner gemacht hat, das ist schon enorm reizvoll!“, erzählt er. Es fällt die Geschichte von einer Blechplatte, die zu einem Sitz wurde.

Was sich nach viel Freiheit und Arbeit an einem Traumobjekt anhört, ist ein hartes Brot. „Normalerweise ist das ein Saison-Geschäft“, sagt Klaus Eich. Im Sommer gibt’s enorm viel zu tun, dann ist Ruhe. Das war bei den beiden auch so, und bis sich die Firma so richtig etabliert hatte, waren auch bittere Zeiten dabei. „Heute haben wir das ganze Jahr über gut zu tun“, erzählen sie. „Aber ohne Herzblut und Verzicht geht es immer noch nicht.“

Das ist wohl eine Ausnahme, denn das Geschäft mit den motorisierten Zweirädern brummt nicht mehr so wie noch vor einigen Jahren. Und vor allem: Die Fahrer werden im Durchschnitt immer älter – der Kick einer Motorradfahrt erreicht nicht mehr so viele Neu-Einsteiger.

Das merkt auch Tonino Golia – und er muss es wissen: Seit 1983 arbeitet der Selfmade-Motorrad-Experte in der Branche, seit 1997 durchgängig für Ducati. Er kennt unzählige Fahrer und auch Händler. Und obwohl der gebürtige Italiener so tief im Thema steckt, ist er einer der wenigen in der Szene, der sich damit nicht einen Kindheitstraum erfüllt – die Begeisterung fürs Motorrad kam später.

In seiner bitterarmen süditalienischen Heimat Apulien hatte er zwar schon als Junge beim größeren Bruder in dessen Kfz-Werkstatt mitgearbeitet. „Aber mein Traum waren damals immer Autos“, erzählt er lächelnd. Doch wie so oft kam alles anders: Golia zog als 18-Jähriger seiner Urlaubsliebe aus Bonn und einem Job-Angebot nach Köln hinterher. So landete er mit Umwegen bei einem der damals größten Zweiradhändler der Region, wo er unter anderem die angelieferten Neu-Maschinen zusammenbaute und für den Verkauf fit machte.

„Ich wollte eigentlich immer etwas Deutsch-Italienisches machen“, berichtet er. Dieser Traum ging dann ab 1997 bei Ducati in Erfüllung, dessen Deutschland-Geschäft er in technischer Hinsicht mit aufbaute. Seither gilt „der Tonino“ bei Händlern als Bindglied zwischen dem deutschen Markt und der italienischen Zentrale in Bologna.

Als Technischer Außendienstler besucht der quirlige Bonn-Italiener regelmäßig Händler, bespricht Probleme, hilft bei technischen Fragen und ist Ansprechpartner. Das gilt auch für die Schulungen, die Ducati seinen Händlern anbietet und für Events, mit denen die Firma die Verbindung zwischen Marke und Händlern wach und lebendig hält. Wo auch immer etwas los ist bei den roten Flitzern: Tonino ist mittendrin.

Der Reiz der Maschinen liegt für ihn auch nach all den Jahren noch in der technischen Entwicklung. „Früher gab es einen Vergaser und sechs Sicherungen. Heute haben wir beispielsweise 24 Sicherungen und sechs Steuergeräte, Radar für die Abstandmessung, Navi-Steuerung im Tacho über die Handy-App. Und immer kommt noch was dazu.“ Man muss als Motorradtechniker dran bleiben, erklärt der Ducati-Mann.

Wer sich nicht weiterbildet, verliert den Überblick und kann bald mit der filigranen Technik nicht mehr umgehen. Das gilt übrigens auch für die vielen Hobby-Schrauber, von denen alle Motorradtechniker ein Lied singen können. „Das kann ich wirklich keinem mehr raten“, sagen Sven Eich und Tonino Golia unisono. „Letzten Endes ist es nur gut für uns, weil wir anschließend mit dem Rückbau Geld verdienen können.“

Ob bei Harley Davidson, EGM-Motorrad oder bei Ducati: Wer sich als Mechaniker mit Motorrädern beschäftigt, muss viel Leidenschaft mitbringen. Das Gehalt ist oft knapp, der Druck, auch bei der Reparatur den Verkauf im Blick zu haben, scheint gewaltig. Was aber bleibt, ist die Gewissheit, mit einem Traumobjekt vieler Menschen zu arbeiten. Und das Dröhnen der Maschinen hat ja nun mal seinen ganz eigenen Reiz.