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Auftakt des GA-Weihnachtslichtes: Bonn belegt Spitzenplatz bei Altersarmut

Auftakt des GA-Weihnachtslichtes : Bonn belegt Spitzenplatz bei Altersarmut

Auftakt der GA-Aktion Weihnachtslicht: In Bonn herrscht große Altersarmut. Der Altenbericht des Landes belegt auch den gravierenden Unterschied zwischen Männern und Frauen.

Helga S. legt Wert auf ihr gepflegtes Äußeres. Ein wenig Lippenstift muss schon sein, wenn sie das Haus verlässt. „Alles nur Fassade“, lächelt sie gequält und kontrolliert ihr Make-up sowie die Frisur. „Man muss ja nicht gleich auf den ersten Blick sehen, dass es mir nicht gut geht“, fügt sie hinzu.

Helga S. lebt von der Grundsicherung. Etwas Besonderes leisten kann sie sich schon lange nicht mehr. „Ich komme so olala über die Runden“, sagt die ehemalige Verkäuferin. „Es darf nur nichts passieren.“

Ihre kleine Wohnung ist bescheiden eingerichtet. Das Sofa ist deutlich in die Jahre gekommen. Jetzt, in der Übergangszeit, kriecht sie abends unter eine Wolldecke, anstatt die Heizung aufzudrehen. Aus einer Haushaltsauflösung hat sie vor fünf Jahren eine gebrauchte Waschmaschine bekommen. „Ich mag gar nicht daran denken, dass sie kaputt geht. Ein neues Gerät kann ich mir nicht leisten.“ Dabei hat Helga S. ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet, zwei Kinder großgezogen und auch noch ihre kranke Schwiegermutter über eine lange Zeit gepflegt. Doch jetzt muss sie mit jedem Cent rechnen. „Dass ich im Alter einmal so mittellos sein werde, das hätte ich nie gedacht.“

Schicksal ist kein Einzelfall

Das Schicksal der 78-jährigen Bonnerin ist kein Einzelfall. Bei der Rente ist der Abstand zwischen Frauen und Männern in Deutschland im internationalen Vergleich besonders groß, so das Fazit einer OECD-Studie aus dem vergangenen Jahr. Demnach verdienen die Frauen nicht nur weniger als Männer, sondern sie würden sehr häufig nur in Teilzeit arbeiten. Und dieses oft traditionell geprägte Lebensmodell rächt sich meist im Alter.

Die Rentenlücke ist in Deutschland im Vergleich zu den anderen Staaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am größten, so die Bilanz der Untersuchung „Renten auf einen Blick 2019“. Demnach ist die Rente bei Frauen über 65 heute im Schnitt um 46 Prozent niedriger als bei Männern. In den Niederlanden sind es 42 Prozent, in Österreich 39, in Frankreich 33 und im OECD-Schnitt 25 Prozent. Am geringsten ist diese Lücke mit zwei Prozent in Estland.

Wer über viele Jahre im Niedriglohnsektor gearbeitet hat und nach dem Tod des Partners mit einer Hinterbliebenenrente auskommen muss, lebt nicht selten in Armut. Selbst in einer scheinbar wohlhabenden Stadt wie Bonn. So ist die Zahl der Senioren, die hier von der Grundsicherung leben, in den letzten Monaten noch einmal deutlich angestiegen: Mit Stand 1. September 2020 werden aktuell 3974 ältere Bewohner unterstützt. Im vergangenen Jahr waren es nach Auskunft des Sozialamtes noch 3858. Seit 2010 verzeichnet die Stadtverwaltung einen kontinuierlichen Anstieg. Wurden 2010 noch 2429 Senioren finanziell unterstützt, so sind es zehn Jahre später bereits 1545 mehr.

Möglichkeit zur Teilhabe ist vielfach eingeschränkt

„Es muss uns alle alarmieren, dass auch in unserer Stadt die Zahl der Bezieher von Grundsicherung und Altersarmut zunimmt. Wir wissen, dass die Möglichkeiten zur Teilhabe durch Armut vielfach eingeschränkt werden, und gerade in diesem Jahr ist mit Abstandhalten auch das Risiko der Vereinsamung besonders hoch. Diese gesellschaftliche Entwicklung beobachte ich mit Sorge und bitte darum, dass sich jeder fragt, wie wir Menschen zusammenführen und am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen können. Vielfach sind es die kleinen Dinge, mit denen wir helfen können, wie z.B. Einkaufshilfen und das gemeinsame Gespräch“, betont Sozialdezernentin Carolin Krause.

Dass Senioren in dieser Stadt häufiger von Altersarmut betroffen sind als in anderen Regionen des Landes, belegt auch der Altenbericht 2020 des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales in NRW. Mit mehr als sechs Prozent, gemessen an der Bevölkerung, gehört Bonn zu den Städten, in denen die meisten über 65-Jährigen auf staatliche Unterstützung angewiesen sind. Ähnlich sieht die Situation in Köln, Düsseldorf, Dortmund sowie Mönchengladbach aus, während die Zahl in ländlich geprägten Kreisen deutlich niedriger ist.

Laut dieser Landes-Untersuchung verfügen ältere Menschen ab 65 Jahren durchschnittlich über ein persönliches Nettoeinkommen von 1504 Euro. Verglichen an der Gesamtbevölkerung mit einem durchschnittlichen Nettoeinkommen von 1718 Euro, haben Senioren also deutlich weniger im Portemonnaie.

Zudem gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Bei den Frauen ab 65 Jahren beträgt das durchschnittliche persönliche Nettoeinkommen 1150 Euro, bei den Männern dieser Altersgruppe 1935 Euro. Dabei sind es vor allem die verheirateten Frauen, denen ein geringeres Nettoeinkommen zur Verfügung steht, so das Fazit des Altenberichts.

„Ich habe mein Leben lang hart gearbeitet. Aber es blieb am Monatsende nichts übrig, damit ich mir eine eigene Alterssicherung aufbauen konnte“, erzählt Helga S. „Heute weiß ich, dass das der größte Fehler meines Lebens war. Ich hoffe, dass die jungen Frauen nicht in die gleiche Falle tappen“, ergänzt sie.