Kolumne Wut statt Euphorie

Bonn · Der ehemalige deutsche Nationalspieler Cacau, ein gebürtiger Brasilianer, schreibt als Experte für den General-Anzeiger über seine Eindrücke bei der WM.

Manchmal schaffen es meine brasilianischen Landsleute doch, mich zu überraschen. Als ich die Endphase der WM-Vorbereitungen noch von Deutschland aus beobachtet hatte, war ich mir sicher, dass sich alles zum Guten wenden wird, wenn das Turnier beginnt. Ich rechnete fest damit, dass der Ärger der Bevölkerung wegen der hohen Kosten für die Stadien, der Korruption und der nicht eingehaltenen Versprechen etwas in den Hintergrund rücken würde, denn die Brasilianer sind viel zu fußballverrückt, um sich die Chance auf ein riesiges Fest im eigenen Land entgehen zu lassen. Aber ich habe mich gründlich getäuscht: Von großer Begeisterung ist so kurz vor Beginn der WM noch nicht viel zu spüren.

Vor den letzten Weltmeisterschaften begannen die Brasilianer in meiner Heimatstadt schon Wochen vor dem ersten Spiel die Straßen in den Nationalfarben zu schmücken. Überall hingen Flaggen, die Restaurants waren in Gelb und Grün dekoriert. Nicht nur die Kinder liefen mit dem Trikot der Seleção durch die Straßen, sondern auch Männer und Frauen. Dieses Mal ist in Mogi das Cruzes nichts von der bevorstehenden WM zu spüren, mal abgesehen von ein paar geschmückten Autos. Dabei liegt die Universitätsstadt im Speckgürtel von São Paulo, keine 40 Kilometer entfernt vom neuen Corinthians-Stadion, wo heute die WM eröffnet wird und die brasilianische Mannschaft ins Turnier startet. Viele Menschen sind in den vergangenen Jahren mit dem Zug täglich auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle an der WM-Baustelle im Stadtteil Corinthians vorbeigefahren und haben gesehen, dass da eine schöne Fußball-Arena entsteht, wenngleich sie gerade erst halbwegs fertiggestellt wurde. Aber richtig stolz darauf ist niemand. Die Euphorie, die nach der WM-Vergabe 2007 überall im Land geherrscht hatte, ist längst der Wut auf die Politik gewichen.

In den vergangenen zwei Wochen habe ich mit vielen Menschen über die Stimmung im Land gesprochen. Meine Eltern und Geschwister mit ihren Familien, die alle in der Nähe von São Paulo wohnen, sind ebenso verwundert wie ich. In Rio de Janeiro traf ich Jorginho, und auch im Gespräch mit dem früheren Bundesliga-Profi von Bayer Leverkusen und dem FC Bayern drehte sich viel über diese im besten Falle Gleichgültigkeit, die derzeit in Bezug auf die WM herrscht. Mir kommt es so vor, als ob viele Menschen erst einmal abwarten, was passiert in den nächsten Tagen. Wenn die Seleção gegen Kroatien überzeugend spielt und gewinnt, bin ich überzeugt, dass im Stadion der Funke überspringt. Das könnte dann die Initialzündung für ein ganzes Land sein, so wie es 2006 in Deutschland der Last-Minute-Sieg gegen Polen war.

Herzlichst, Ihr

Cacau

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