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Kommentar zu Kaufkraftunterschieden: Wohlstandsgefälle

Kommentar zu Kaufkraftunterschieden : Wohlstandsgefälle

Eine Studie belegt ein drastisches Wohlstandsgefälle in Deutschland. Die Forderung nach gleichen Lebensverhältnissen in Stadt und Land ist nützlich, kommentiert Helge Matthiesen.

Ungleichheit bestimmt unsere gesellschaftliche Gegenwart. Das ist kein Nachteil, sondern im Gegenteil: Sie sorgt dafür, dass unserem Gemeinwesen die Dynamik nicht abhanden kommt. Extreme sind jedoch gefährlich, weil sie das Potenzial für politische Unruhe bergen. Gibt die Studie der Böckler-Stiftung Hinweise auf Fehlentwicklungen? Eher nicht.

Die Zahlen sind keine Überraschung. Sie zeigen, wie sich der Wohlstand räumlich verteilt. Die aktuelle Erhebung schreibt bekannte Werte einfach nur fort. Vielen Städten im Ruhrgebiet geht es immer noch nicht besser. Im Osten Deutschlands bleiben die Einkommen und damit die Kaufkraft gering. Auch im Westen gibt es ländliche und städtische Gebiete, deren Einwohner nicht gerade auf Rosen gebettet sind.

Aber das bildet nur einen Aspekt der Wirklichkeit ab. Denn hohe Kaufkraft in Düsseldorf oder München ist möglicherweise ungünstiger als eine geringe in Sachsen-Anhalt. Dort zahlen die Menschen weitaus weniger für Wohnung, Transport und Lebenshaltung. Am Ende haben sie vielleicht mehr übrig und leben besser als die vermeintlich reichen Städter. Es geht um das Gleichgewicht der Faktoren. Daher sind vermutlich die durchschnittlich wohlhabenden, eher ländlichen Räume für die Bewohner besonders komfortabel. Die Forderung nach gleichen Lebensverhältnisse ist nützlich. Diese Studie beleuchtet jedoch zu wenige Faktoren, als dass sie in diese Richtung aussagefähig wäre. Die Wirklichkeit im Land ist komplexer.

Anregungen für eine praktikable Strukturpolitik liefert die Böckler-Stiftung hingegen schon. Denn eine Reihe von Ungleichheiten müssten nicht sein. Ihre Diagnose könnte helfen, akute Probleme zu lösen. Die Städte sind offenkundig weniger wohlhabend als ihr Umland. Der Wohlstand wird aus den Zentren exportiert, die sozialen Probleme werden importiert. Das zeigen die Zahlen an vielen Stellen.

Gleichzeitig leiden die Metropolen derzeit an einer Überlast an Zuzug. Auf dem Land dagegen schwinden Einwohnerzahlen. Da läge es doch nahe, das jeweilige Umland besser an die Zentren anzubinden, um dort günstigen Wohnraum zu erhalten und zu schaffen, den es in den Städten gar nicht mehr gibt.

Die Stadtregion mit Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis wäre ein gutes Beispiel. Dabei darf ruhig etwas größer gedacht werden als immer nur von Baugebiet zu Baugebiet. Eine belastbare öffentliche Infrastruktur, die auch noch in ein paar Jahren genügt, wäre ein konkreter Beitrag.