„Ort der vielen Geisteslichter“: Erster „Barbarossa-Slam“ im Sinziger Rathaus

„Ort der vielen Geisteslichter“ : Erster „Barbarossa-Slam“ im Sinziger Rathaus

Als Premiere im Rahmen des Sinziger Bücherherbstes hat der erste „Barbarossa-Slam“ unter der Leitung von Martin Nitsche stattgefunden. Trotz grauen Wetters kamen die Besucher in Scharen und füllten den Sitzungssaal im Rathaus fast bis auf den letzten Platz.

Junge Talente präsentierten ihre eigenen Texte im Stile eines „Poetry-Slams“, an dessen Ende es jedoch nur Sieger gab. Zwischen den Beiträgen animierte Nitsche am Klavier das Publikum zum Mitsingen Sinziger Lieder aus seiner Feder, was sich kein Besucher zweimal sagen ließ.

Jonah Nauroth machte den Anfang und präsentierte seine Gedanken dazu, was eine Superkraft im Alltagsleben so anrichten kann. Wer sich auf einmal vor einer Eisenbahn wiederfindet, hält beamen vielleicht doch nicht für eine so gute Idee und als Unsichtbarer hat man es im Straßenverkehr ungleich schwerer – von der Langeweile eines Unsterblichen ganz zu schweigen. Verena Krichel trug einen Text vor, der erst am Vortag das Licht der Welt erblickt hatte. Alle Gutmenschen-Art vom Schrittfahren am Mühlenbach bis hin zur Zurechtweisung von Eltern, die bei Rot über die Straße gehen, hat ihre Grenze im Anblick einer sauber leer geräumten Rolle Toilettenpapier. Da kann man schon einmal Amok laufen.

Zum Vortrag der gebürtigen Kripperin Carolin Benmaiti wurde es mucksmäuschenstill im Saal. Sie klagte darin Menschen an, die „mir das Leben vorsterben“ und stellte fest, dass es manchmal einfach nicht rundläuft, „wenn das Leben es eckig gedacht hat“. So ruhig das Publikum, so laut der anschließende Applaus. Nach diesen nachdenklichen Passagen war der titellose Text von Christoph Geron die passende Abwechslung. Lachtränen standen den Zuhörern in den Augen, wenn er als Fotograf davon berichtete, wie ein Kleinkind seine SD-Karte verspeist oder der Bräutigam mit eben diesem im Arm in die Hochzeitstorte stürzt.

Hochpoetische Dystopie

Hochpoetische Dystopie war mit dem Text von Elena Thewes angesagt. Aus dem Alltag in der Schule wird mit den Vokabeln „Enge“, „Mauern“, und „Trauerzug“ eine Albtraumszene. Wozu lohnt es in einer Welt zu leben, die selbst „tote Bäume für Arschpapier“ verwendet? Mit dem Ausruf „es mag sich kitschig anhören“ spornte die junge Literatin an, nicht wegzusehen und zu handeln, „bis auch der Konjunktiv verschwindet“. Mit „Ein Gruß an den neuen Bürgermeister von Sinzig“ beschloss Nitsche selbst den Reigen der Poeten. In einer Reimhäufung auf die Silbe „-al“ von „Original“ bis „phänomenal“ drückte er seine Liebe zur Stadt aus, welche er dem neuen ersten Bürger ins Stammbuch schrieb. Für inklusiven Patriotismus standen auch die zahlreichen Lieder: „Wir alle sind Sinzig.“ Auf bekannte Melodien wie „Grün, grün, grün“ gab es für niemanden einen Grund, nicht laut mit einzustimmen.

In einer extra für den Mittag komponierten Strophe des Nitsche-Liedes „Sinzig, Sinzig, alle lieben Sinzig“ wurde der Barbarossa-Slam als „Ort der vielen Geisteslichter“ angepriesen. Nach dem Schlussapplaus waren sich alle einig: Dies war die Geburtsstunde einer Tradition, die schon in Kürze fortgesetzt werden soll.