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Wirtschafts-Nobelpreis für Jean Tirole: Wie mächtige Firmen gezähmt werden

Wirtschafts-Nobelpreis für Jean Tirole : Wie mächtige Firmen gezähmt werden

Der 61-jährige französische Industrieökonom Jean Tirole bekommt den Wirtschafts-Nobelpreis: Das veranlasste Premierminister Manuel Valls zum Triumph auf Twitter.

"Glückwunsch an Jean Tirole! Was für eine lange Nase, die da dem French Bashing gedreht wird!" - also der Dauer-Kritik gerade in wirtschaftlicher Hinsicht, unter der Tiroles Heimat momentan gewaltig leidet. Umso euphorischer wurde die Nachricht von der Ehrung für den 61-jährigen Ökonomen aufgenommen, zumal sie auf den Literatur-Nobelpreis für den Franzosen Patrick Modiano folgt. Tirole selbst reagierte erfreut auf die "riesige Überraschung", die ihm acht Millionen Schwedische Kronen (rund 878.000 Euro) einbringt.

Gewürdigt werden die Analysen von Marktmacht und der "Wissenschaft der Bändigung mächtiger Unternehmen" des promovierten Mathematikers, der zudem am Massachusetts Institute of Technology (MIT) einen Doktorgrad in Wirtschaftswissenschaften erworben hat. Jean Tirole lehrt zurzeit an der Wirtschaftshochschule School of Economics, der er auch als Präsident vorsteht: Er habe vor sieben Jahren mit dem Ehrgeiz mitbegründet, eine vom amerikanischen Stil inspirierte Einrichtung zu schaffen, heißt es in französischen Medien.

Tirole sei "einer der größten lebenden Ökonomen", sagte Jury-Chef Tore Ellingsen. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören industrielle Organisation, Banken- und Finanzwesen und psychologische Aspekte der Wirtschaftswissenschaft. Sein Werk "Industrieökonomie" analysiert strategische Entscheidungen wirtschaftlicher Akteure in Abhängigkeit von Marktstrukturen.

Er geht davon aus, dass die marktbeherrschende Stellung von Unternehmen nachteilig für eine Gesellschaft sein könne: Kunden müssen höhere Preise bezahlen als bei einem harten Konkurrenzkampf, außerdem kann eingeschränkter Wettbewerb die Innovationsleistung und damit den Fortschritt bremsen.

Als Tiroles Verdienst gilt es dem Preiskomitee zufolge, aufgezeigt zu haben, dass Regulierung bei Monopolen wie bei Oligopolen notwendig sei. Zugleich widerlege er das Vorurteil, dass dabei Patentrezepte wie Preisobergrenzen oder Kooperationsverbote für Wettbewerber gebe. Denn Patentgemeinschaften, bei der sich mehrere Firmen die Rechte an einer Erfindung teilen, könnten durchaus sinnvoll für die gesamte Gesellschaft sein. So plädiert Tirole für eine Wettbewerbspolitik, die die jeweils speziellen Umstände einer Industrie berücksichtigt.

Anwendbar ist dies beispielsweise auf den Technologiebereich mit einer Dominanz von Unternehmen wie Microsoft oder Google, aber auch auf die Erfahrung der Finanzkrise, bei der Banken, die als systemrelevant ("too big to fail") galten, mithilfe staatlicher Garantien gerettet werden mussten, weil die Finanzmarktregulierung nicht funktioniert hatte. Tirole plädiert für eine verstärkte internationale Kooperation, weil die Frage der Oligopole und ihrer Regulierung nicht allein auf nationaler Ebene gelöst werden könne.

Nach den Ökonomen Gérard Debreu und Maurice Allais erhält mit Jean Tirole der dritte Franzose den Preis, während sein Landsmann Thomas Piketty derzeit mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" weltweit für Furore sorgt - eine ganze Phalanx gegen das "French Bashing".

Auch die Universität Bonn freut sich über die Preisvergabe, erklärt Professor Benny Moldovanu von der "Bonn Graduate School of Economics" (BGSE), die mit dem neuen Laureaten intensiv zusammenarbeitet. Um "oligopolistische" Märkte zu beschreiben, die einige wenige große Unternehmen unter sich aufteilen, " braucht man neue Werkzeuge", erläutert Moldovanu. "Die erste große Säule von Tiroles Arbeit ist, diese Werkzeuge aus der mathematischen Spieltheorie zu entnehmen und sehr konsequent auf diese Märkte anzuwenden - wie es auch schon der Bonner Nobelpreisträger Professor Reinhard Selten getan hat."

Die "zweite Säule" von Tiroles Erkenntnissen sei, dass "Informations-Asymmetrie" herrscht, so Moldovanu weiter. "Der Staat kann versuchen, Gesetze zur Marktregulierung zu machen - aber es wird ihm immer irgendwo an Informationen fehlen, die er dazu bräuchte. Solche Wissens-Ungleichgewichte beschreibt man mit der Disziplin der Informationsökonomie."

Jean Tirole habe beides kombiniert, sagt Moldovanu: "Seine Arbeit geht dahin, Spieltheorie und Informationsökonomie zugleich anzuwenden. Wenn man das tut, kommt man zu der Erkenntnis, dass man nicht ein und dieselben Regulierungsinstrumente einheitlich auf viele verschiedene Märkte anwenden kann. Wenn man regulieren will, muss man es für jeden einzelnen Markt getrennt und gezielt tun. Dann funktionieren die Märkte gut, und man kann die Verbraucher gut und wirksam schützen."

Der Nobelpreis für Wirtschaft

Der 1968 gestiftete "Preis der schwedischen Reichsbank für Wirtschaftswissenschaften zum Andenken an Alfred Nobel" geht nicht auf das Testament des Industriellen Alfred Nobel zurück und wird nicht in derselben Woche wie die anderen Preise verkündet. Er ist aber wie die anderen Preise mit acht Millionen schwedischen Kronen dotiert und wird wie sie am 10. Dezember verliehen. Von den bislang 74 Preisträgern hatten mehr als 50 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Dagegen hat seit Beginn der Vergabe 1969 erst ein Deutscher den Preis bekommen: der Spieltheoretiker Reinhard Selten im Jahr 1994. (dpa)