Zum 75. Geburtstag Catherine Deneuve ist geheimnisvolle Grenzgängerin

Bonn · Zum 75. Geburtstag der französischen Schauspielerin Catherine Deneuve. Sie ist ebenso glaubhaft als Kautschukbaronin in „Indochine“ wie als ungeschminkte Alkoholikerin an der „Place Vendôme“

 Freizügig verkörperte die Deneuve 1972 Marco Ferreris „Liza“.

Freizügig verkörperte die Deneuve 1972 Marco Ferreris „Liza“.

Foto: Collection Christophel

"Du bist schön, dich anzusehen bedeutet Leiden“, sagt Gérard Depardieu in „Die letzte Metro“ zu Catherine Deneuve. Und Regisseur François Truffaut meinte über die Schauspielerin, die an diesem Montag 75 Jahre alt wird: „Sie ist so schön, dass ein Film, in dem sie die Heldin ist, fast ohne Geschichte auskommen könnte.“

Mag sein, aber die gebürtige Pariserin verließ sich nie auf ihr Äußeres, sie suchte Risiken. „Welche angesagten jungen Schauspielerinnen von heute hätten wohl den Mut, mit 23 Jahren in einem Film wie ,Belle de jour' mitzuspielen?“, fragt sich Martin Scorsese. Sein Zitat stammt aus dem taufrischen Bildband „Catherine Deneuve – Film für Film“, in dem Isabelle Giordano die Karriere des französischen Weltstars nachzeichnet.

Alles begann mit Roger Vadim, der die 17-jährige Brünette überzeugte, sich die Haare blond färben zu lassen und sie in „Laster und Tugend“ als keusche Justine im Bordell landen ließ.

Noch im Exzessseltsam unnahbar

Nach dem Erfolg von Jacques Demys Musical „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964) hätte sie es sich im romantischen Fach gemütlich machen können, wählte aber den denkbar krassesten Kontrast: Als Carole in Roman Polanskis „Ekel“ wird sie von sexuellen Neurosen in mörderischen Wahn getrieben. Dabei klebt ihr die Kamera beinahe porentief auf Gesicht und Körper, um die Getriebenheit der Figur ebenso obsessiv zu spiegeln.

Dann ihre wohl bis heute berühmteste wie berüchtigtste Rolle in Luis Buñuels „Belle de jour“: die scheinbare Vorzeigegattin, die ihr leeres Erlebniskonto mit perversen Liebesdiensten aufbessert, aber noch im Exzess seltsam unnahbar und marmorkühl bleibt. Verdorbenheit unter damenhafter Noblesse und das Talent zu glaubhaftem Leinwand-Doppelleben – beides machte den blonden Star für unterschiedlichste Regisseure unwiderstehlich.

Dabei hatte die geheimnisvolle Grenzgängerin stets klare Vorstellungen: „Ich kenne weder Vorurteile noch Tabus. Aber Provokation um ihrer selbst Willen – nein.“ Was sie nicht daran hinderte, sich als Marco Ferreris „Liza“ sexy an der Seite ihres (damals tatsächlichen) Liebhabers Marcello Mastroianni zu zeigen und so vom zweiten Buñuel-Dreh („Tristana“) zu erholen.

Uneitle Professionalität

Von ihren rund 160 Rollen sind einige zu Recht vergessen, doch der Bildband würdigt immerhin mehr als 60 Filme. Für Regisseur Benoît Jacquot („Drei Herzen“) ist sie „die durchlässigste Schauspielerin, mit der ich je gearbeitet habe“. Das könnte fast negativ klingen, erklärt aber ihre uneitle Professionalität und die enorme Bandbreite ihrer Figuren. Denn Deneuve ist ebenso glaubhaft als Kautschukbaronin in „Indochine“ wie als ungeschminkte Alkoholikerin an der „Place Vendôme“. „Begierde“, französisch „désir“, sei ihr Lieblingswort, hat sie einmal gesagt. Und Anfang der 1990er zugegeben, dass sie die Begierde auf neue Herausforderungen nach 35 Jahren Schauspielerei noch einmal entfachen musste. So drehte sie mit dem Jungen Wilden Leos Carax „Pola X“ und brillierte als inzestuöse Mutter. Für Lars von Trier zog sie die Kittelschürze an („Dancer in the Dark“) oder nahm in François Ozons „Acht Frauen“ komischen Urlaub vom Melodram.

Zwar haben etwa Berlinale und Europäischer Filmpreis längst ihr Lebenswerk gewürdigt, doch Letzteres ist zum Glück nicht abgeschlossen: In André Techinés neuem Film „Les Ennemis“ spielt sie eine Pferdezüchterin, deren Enkel in den Sog des Dschihad gerät. Und in „Der letzte Flohmarkt von Claire Darling“ verkörpert sie eine Frau, die glaubt, noch am selben Tag zu sterben. Bloß keine Angst vor neuen, harten Geschichten.

Isabelle Giordano: Catherine Deneuve – Film für Film. Deutsch von Michaela Angermair. Schirmer/Mosel, 256 S., 49,80 Euro.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Johnny Cash hätte es gefallen
Konzert in der Harmonie Bonn Johnny Cash hätte es gefallen
Zum Thema
Aus dem Ressort