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Interview mit Gerd Müller: "Ein Euro mehr für die Jeans wäre fair"

Interview mit Gerd Müller : "Ein Euro mehr für die Jeans wäre fair"

Der Bundesentwicklungsminister Gerd Müller appelliert an die deutsche Textilindustrie, beim von seinem Haus initiierten Textilbündnis mitzumachen. Im GA-Interview spricht er über das Textilbündnis, die Verantwortung der Kunden und Pegida.

Gerade werden die letzten Weihnachtsgeschenke gekauft. Müssen die Bürger ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie in Asien gefertigte Textilien verschenken?
Gerd Müller: Wer mit gutem Gewissen Kleidung verschenken will, der fragt zumindest nach, unter welchen Bedingungen etwas hergestellt wurde. Am Anfang jedes Produktes stehen die Menschen, die es fertigen - ob bei Handys, Schuhen, Kleidern oder Schokolade.

Schokolade?
Müller: Ja. Heute arbeiten auf Plantagen noch Hunderttausende Kinder fast umsonst. Das gleicht Sklavenarbeit. Und bei Textilien gilt: Unsere Kleidung wird weitestgehend außerhalb der EU gefertigt. In Bangladesch oder Vietnam arbeiten die Näherinnen nicht selten für 15 Cent pro Stunde. Das ergibt einen Monatslohn, von dem die Menschen nicht leben und schon gar nicht ihre Kinder in die Schule schicken können. Das muss jeder bedenken, der beim Weihnachtseinkauf auf billig, billig, billig setzt.

Garantieren denn teurere Produkte tatsächlich höhere Löhne für die Arbeiterinnen?
Müller: Nein, deshalb arbeiten wir ja an mehr Transparenz und haben das Textilbündnis ins Leben gerufen. Wer mitmacht, signalisiert dem Kunden, dass am Anfang der Produktionskette existenzsichernde Löhne gezahlt werden. Das bedeutete in Bangladesch eine Erhöhung der Stundenlöhne auf vielleicht 25 oder 30 Cent. Der Lohnkostenanteil einer handelsüblichen Jeans liegt hierzulande bei einem oder zwei Prozent. Das Produkt verteuerte sich also um rund einen Euro. Das heißt: Wir könnten faire Bedingungen durchsetzen, ohne dass der Endpreis merklich steigt.

Die Industrie ist davon nicht begeistert. Flieht sie vor ihrer Verantwortung?
Müller: Ich erfahre für meinen Vorstoß eine breite Zustimmung in der Gesellschaft: Die Kirchen, der Deutsche Gewerkschaftsbund, viele Verbraucher finden das gut. Es geht um soziale und ökologische Mindeststandards. Ich kann nur an die deutsche Textilwirtschaft appellieren, sich zur Einhaltung dieser Standards gegenüber den Kunden zu verpflichten. Ich sage voraus, dass bis Mitte nächsten Jahres eine ganze Reihe von Produzenten beim Textilbündnis mitmachen wird.

Auch die Großen wie die Lebensmittelketten, C&A und Adidas?
Müller: Gerade die Großen setzen heute schon viele dieser Standards um. Es geht um international anerkannte Arbeitsnormen, keine neuen Standards. Viele Verbraucher halten die Einhaltung dieser Fragen eigentlich für eine Selbstverständlichkeit: Zum Beispiel, dass eine Lederhose, die ich mir in Bayern kaufe, nicht in einer Gerberei in Afrika hergestellt wird, wo Kinder barfuß in der Chemiebrühe stehen.

Die Industrie sagt, sie könne die Einhaltung der Vorgaben nicht lückenlos garantieren, weil sie aus Europa nicht jeden Schritt der Produktionskette überblicke.
Müller: Schon heute gibt es Firmen im Textilbündnis, die diese Argumentation widerlegen. Sie beweisen, die Einhaltung der Standards ist möglich. Dabei können wir gerade mittelständische Unternehmen mit unserem Knowhow unterstützen. In Bangladesch zum Beispiel haben wir Kontrolleure für Gebäudesicherheit ausgebildet und im Einsatz. Wer im Textilbündnis ist, profitiert von zahlreichen Möglichkeiten unserer Entwicklungszusammenarbeit. Sie werden sehen: Der Prozess ist unumkehrbar. Die Menschen wollen nicht länger Kleider auf der Haut tragen, die andernorts Menschen ausbeutet und krank macht.

Steht hier Moral gegen Geschäft?
Müller: Jedenfalls sollte man sich die Dimension vor Augen führen: Ein Euro mehr beim Kauf der Jeans oder des Kostüms kann einen existenzsichernden Lohn in Asien oder Afrika garantieren. Natürlich tragen wir reichen Staaten eine Verantwortung für die Entwicklungsländer. Wir können nicht nur die Umwelt ausbeuten, Produktion auslagern und zu Hause so tun, als sei alles in Ordnung.

Sie wollen nun in einem Internet-Portal die gängigen Qualitätssiegel auf Nachhaltigkeit überprüfen.
Müller: Wir erhalten jede Menge Anfragen, wo man denn fair hergestellte Kleidung nach unseren Mindeststandards sicher erwerben kann. Die Firmen, die in unserem Textilbündnis mitmachen, dokumentieren ja ihre Standards. Diese Firmen werden wir lobend herausstellen. Außerdem geht Anfang nächsten Jahres unser Portal "Siegelklarheit.de" online. Das ist ein Portal der Bundesregierung, wir starten mit dem Thema "Textil". Viele der bereits heute handelsüblichen Textilsiegel werden hier einem Check unterzogen - für die Verbraucherinnen und Verbraucher wird das ein weiterer wichtiger Schritt der Orientierung sein.

Der Freihandel ist durch TTIP in den Blick gerückt. Ist Freihandel ein Wert an sich?
Müller: Freihandel heißt "ohne Grenzen und Standards und Leitplanken". Reiner Freihandel bedeutet Plünderung des Planeten. Denken Sie an die Sünden bei der Rodung tropischer Regenwälder oder bei der Förderung von Erdöl in Afrika oder in Südamerika. Weltweiter Freihandel heißt, Sklavenarbeit auf Kaffeeplantagen zu ignorieren. Wir müssen den wirtschaftlich Handelnden also Rahmen setzen. Für mich ist deshalb die zentrale Frage: Wie kommen wir vom Freihandel zum Fairhandel? Ganz einfach: Fairhandel ist Freihandel unter menschenwürdigen Bedingungen. Der Markt braucht soziale und ökologische Grenzen. Sonst setzt sich der Brutale zu Lasten von Schwachen und der Natur durch.

Sie sind mit dem Thema Flüchtlinge befasst. Die Pegida-Demos schüren Misstrauen gegen Menschen, die zu uns kommen. Kabinettskollege Heiko Maas hat sie als "Schande für Deutschland" bezeichnet. Zu Recht?
Müller: Ich grenze die Demonstranten nicht aus. Wir müssen sie aufklären. Die Flüchtlingsproblematik verursacht Ängste. Es gibt die Befürchtung, da geschehe eine Einwanderung in unsere Sozialsysteme. Da müssen wir einfach klarstellen: Bei den syrischen Flüchtlingen handelt es sich nicht um Wirtschaftsflüchtlinge. Da kommen Menschen, die grausamen Bürgerkriegen entfliehen. Sie sind traumatisiert und suchen Schutz. Wer das versteht, wird den Flüchtlingen die Hand reichen. Die meisten wollen schnell wieder in ihre Heimat. Von den elf Millionen Flüchtlingen in und um Syrien sind jetzt 70 000 bei uns in Deutschland. Das müssen wir erklären.

Macht sich bei uns eine grundsätzliche Islamfeindschaft breit?
Müller: Ja, das ist schon zu spüren. Es war deshalb sehr wichtig, wie eindeutig und klar sich die deutsche muslimische Gemeinschaft von jeglichem Radikalismus und Terrorismus distanziert hat. Wir müssen deutlich machen: Der Islam ist nicht IS-Terror und nicht Islamismus. Was im Irak und Syrien durch die IS-Milizen abläuft, ist reiner Terrorismus - verbrämt von seinen Anführern mit religiösen Parolen.

Zur Person

Mit der einstigen Fußballlegende hat der CSU-Politiker aus dem Allgäu nur den Namen gemeinsam. Gerd Müller, 1955 geboren, Diplom-Wirtschaftspädagoge, war von 1989 bis 1994 Mitglied des Europäischen Parlaments, 1994 wurde er in den Bundestag gewählt. 2005 wurde er Parlamentarischer Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, seit 17. Dezember 2013 ist er Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Müller ist verheiratet und Vater zweier Kinder.