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Ehepaar berichtet über Erfahrungen: Pflegefamilien im Rhein-Sieg-Kreis geben Kindern eine Perspektive

Ehepaar berichtet über Erfahrungen : Pflegefamilien im Rhein-Sieg-Kreis geben Kindern eine Perspektive

Wenn Kinder und Jugendliche nicht mehr bei ihren Eltern leben können, sind Pflegefamilien gefragt - wie etwa das Ehepaar Fehrmann. Dessen Leben hatte sich vor knapp vier Jahren schlagartig geändert.

Wie auf Knopfdruck nennt Maria Fehrmann (alle Namen geändert) das Datum, an dem sich ihr Leben und das ihres Mannes Vinzenz schlagartig verändert hat. „Es war der 3. Oktober 2014, als Lucas zu uns kam“, sagt sie, und Freudentränen steigen in ihre Augen. Sie fasst sich und erzählt weiter: „Ich war beruflich unterwegs, als im September, einige Wochen zuvor, der Anruf vom Jugendamt kam.“ Die Frau am anderen Ende der Leitung fragte, ob das Ehepaar Fehrmann einen kleinen Jungen kennenlernen wolle. Das Ehepaar aus dem linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis wollte.

Nach dem Anruf telefonierte Fehrmann mit Simone Brede, Fachberaterin für Fach- und Vollzeitpflege im Kreisjugendamt, die damals für den Fall verantwortlich war. Fehrmann hatte zahlreiche Fragen zu dem kleinen Jungen, welchen familiären Hintergrund er habe, wie alt er und wie seine bisherige Lebensgeschichte verlaufen sei. Mit 21 Monaten kam der kleine Lucas zu den Fehrmanns, die seitdem seine Pflegeeltern sind. Zuvor lebte der Junge mit seiner Mutter Sina, damals 19 Jahre, in einer Mutter-Kind-Einrichtung im Kreis – stets unter Beobachtung von pädagogischem Fachpersonal.

Eine sichere Lebensperspektive

Das Risiko, das von der Mutter ausging: Kindeswohlgefährdung. „Sie hielt sich nicht an Regeln und Absprachen und konnte phasenweise ihr Kind nicht versorgen. Außerdem war die emotionale Bindung zwischen Mutter und Sohn nicht eng genug“, sagt Brede und ergänzt: „Wir hatten die Hoffnung, dass Sina es schafft. Aber letztlich war klar: Wenn sie die Unterstützung der Jugendhilfe nicht für sich und ihren Sohn nutzen kann, muss für Lucas eine andere sichere Lebensperspektive gefunden werden.“

Zum ersten Mal traf das Ehepaar Fehrmann seinen Pflegesohn bei einer Bereitschaftspflegefamilie. Kaum war Maria Fehrmann aus dem Wagen gestiegen, kam der Kleine auf sie zu, nahm sie bei der Hand und führte sie zu den Kaninchen. „Er war so mutig und offenherzig. Lucas hat immer die Menschen gefunden, die gut für ihn sind“, erzählt die Pflegemutter. Alle paar Tage bekam der Junge Besuch von seinen künftigen Pflegeeltern. Drei Wochen später zog Lucas bei ihnen ein. Im Vorfeld kauften diese Kleidung und ein Bett für ihn. Aber wichtiger als materiellen Dinge waren für den Jungen die Liebe der Fehrmanns und viel Geborgenheit.

Jemand ist kontinuierlich da

Dass jemand kontinuierlich für ihn da ist, kannte Lucas bis dahin nicht, weshalb er in der Anfangszeit mit anderen und fremden Menschen per Augenkontakt flirtete. „Wer ihm zu essen gegeben hat, war in dem Moment die Mama. Der Mama-Begriff war für ihn nicht klar, er musste ihn im Laufe der Zeit einordnen und sich orientieren“, erklärt Maria Fehrmann. Mittlerweile orientiert sich der inzwischen fünfjährige Lucas gänzlich an seinen Pflegeeltern und ist bei ihnen angekommen.

Allerdings wird die emotionale Stabilität des Kindes manchmal ein wenig erschüttert, wenn er seine leibliche Mutter trifft. Obwohl Sina das Sorgerecht nicht mehr hat, wurde festgesetzt, dass sie ihren Sohn alle zwei Monate sehen darf. „Momentan macht sie das nicht, was bedauerlich ist, da Lucas so nur schwer ein Bild von seiner leiblichen Mutter entwickeln kann. Stattdessen hat sich der leibliche Vater gemeldet, der ihn sehen will“, sagt Brede.

Bis vor Kurzem kannte der Junge seinen Erzeuger nicht. Die Pflegemutter merkt, wie schwer es dem Kind fällt, ihn einzuordnen. „Dennoch soll er seinen Vater kennenlernen“, betont sie. „Es werden mit der Zeit immer mehr Fragen bezüglich seiner Herkunft auftauchen, und wir sagen ihm altersgemäß die Wahrheit.“ Während für die Pflegemutter die ersten Treffen mit Sina befremdlich waren, liegt es letztlich an den gemeinsamen verbindlichen Verabredungen, ob und wie häufig Lucas seine leiblichen Eltern sehen will. Darauf haben Fehrmanns keinen Einfluss.

Mama und Papa

Angst, dass Lucas zu seiner leiblichen Mutter zurückkehren könnte, hat Fehrmann nicht mehr. „Das war in den ersten drei Monaten der Fall“, gesteht sie. Vielmehr haben sie und ihr Mann „eine gewisse Besorgnis gegenüber dem leiblichen Vater, weil wir ihn kaum kennen und ihn noch nicht einschätzen können“.

Fachberaterin Brede ordnet ein: „Natürlich kann die Mutter einen Rückführungsantrag stellen, wenn sie sich in stabilen Verhältnissen befindet, aber eine Trennung von den Pflegeeltern zum jetzigen Zeitpunkt könnte ein Trauma bei Lucas auslösen, und es könnte zu einer Kindeswohlgefährdung kommen.“ Selbst wenn es so kommen sollte, wollen Fehrmanns die Familienzeit mit Lucas bis dahin genießen. Für den Jungen sind sie Mama und Papa.