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Ein Leben leergeräumt: Unterwegs mit einem Entrümpler in fremdem Wohnungen

Ein Leben leergeräumt : Unterwegs mit einem Entrümpler in fremdem Wohnungen

Jeden Tag betreten Fremde irgendwo in NRW eine Wohnung, weil Bewohner gestorben oder in Einrichtungen gezogen sind. In wenigen Stunden landen Erinnerungen aus Jahrzehnten auf dem Müll. Unterwegs mit einem Entrümpler.

André Pitzer steht eines Morgens im Wohnzimmer einer alten Dame, von der er nur weiß, dass sie nie wieder zurückkommen wird. Er macht diesen Job schon so lange, dass alles andere ohnehin egal wäre.

Der Name der Frau klebt noch auf dem Klingelschild an der Düsseldorfer Corneliusstraße. Ihr Gesicht lacht noch von den Fotos im Eckregal. Mal sitzt sie neben Kindern, mal neben anderen älteren Damen. Oft neben einem Mann. Vielleicht ist sie gestorben, vielleicht weggezogen, in eine kleinere Wohnung oder ein Pflegeheim. Pitzer weiß es nicht. Er hat nur einen Auftrag: Alles, was die Verwandten zurückgelassen haben, muss raus. An einem Tag. Und das ist eine ganze Menge.

In diesem Zeitungsartikel heißt die alte Dame Frau Wirtz. Sie wohnte im zweiten Stock und hatte Schlafzimmer und Wohnzimmer, eine kleine und enge, aber gemütliche Küche und ein noch viel kleineres Bad. Eine Wohnung im Altbau, an den Fenstern haben sich Pollen gesammelt, es riecht modrig – so als hätte man ein paar antike Möbel und alte Teppiche in einen Raum gestellt und wochenlang kein Fenster aufgemacht. Frau Wirtz hatte viele Kleider. Bunte Blusen in Gelb, Blau und Grün, Hosen, Schürzen und gemusterte Schals, die alte Frauen gerne tragen.

Arbeitstag kann zehn Stunden dauern

Jetzt liegt alles auf dem Bett. Es sieht aus, als hätte man ihren gesamten Kleiderschrank einfach auf der Matratze ausgeschüttet. Pitzer und sein Kollege Joachim Mohns werden die Klamotten gleich in schwarze Plastikkisten räumen. Alles in der Wohnung wird sortiert. Papier, Holz, Bauschutt, Müll. Und dann noch die ganz besonderen Stücke, die vielleicht auf dem Flohmarkt noch ein paar Euro einbringen. Manchmal finden Pitzer und Mohns auch Bargeld. Dann informieren sie die Familie, die Verwandten können es dann abholen. Frau Wirtz bewahrte kein Geld auf.

Am Mittag kommen noch drei Kollegen. Es sind viele Kisten, die rausmüssen. Zehn Stunden kann so ein Tag dauern. Die Entrümpler müssen die Küche ausbauen, das Bett, die Kommode, den Wohnzimmerschrank, und viele Möbel auseinandernehmen. In beiden Zimmern muss der Teppich raus, ein Sofa und Kleinkram, wie Besteck, Töpfe, Decken und Bücher.

Das Team, das bei Frau Wirtz ist, arbeitet für „Land in Sicht“, ein Düsseldorfer Unternehmen, das sich vor allem um Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen in der Region kümmert. Pitzer, 34, arbeitet seit fünf Jahren für die Firma, davor hatte er Gelegenheitsjobs. Er findet es nicht mehr schlimm, sich durch die Habseligkeiten anderer Menschen zu wühlen, sagt er: „Nach einiger Zeit sieht man darüber hinweg. Es ist eben der Job. Und der muss gemacht werden.“

Auch Hochwertiges ist dabei

Pitzer findet im Wohnzimmer in einer der Schubladen einen Löwen aus Porzellan. „Könnte was wert sein“, sagt er. Er stellt ihn auf die Fensterbank, neben Vasen, Gläser und ein Windspiel. Alles, was noch zu Geld gemacht werden kann, wird am Ende angerechnet auf die Kosten der Wohnungsauflösung. Frau Wirtz hatte kaum Wertgegenstände, aber ihre Wohnung ist auch nicht in einem so katastrophalen Zustand wie viele andere, die Pitzer schon betreten hat. „Wir erleben manchmal richtige Messie-Wohnungen. Je nachdem gehen wir da nur mit Schutzanzügen rein“, sagt er.

Frau Wirtz hat zwar viel gesammelt, was man unter Kram verbuchen kann – Kreuzworträtsel-Hefte, Tassen, Bücher, Kerzenhalter und Tierfiguren aus Porzellan –, aber ihre Wohnung ist einfach nur die einer alten Dame, die sich von vielem nicht trennen wollte, aber nicht die eines Menschen, der die Kontrolle verloren hat. „Hätte viel schlimmer sein können“, sagt Pitzer. Frau Wirtz wollte aber offenbar stets wissen, wie viel Uhr es ist. In jedem Raum tickt eine Uhr. In der Küche liegen sogar zwei auf dem Tisch. Es ist das letzte Zeichen von Leben in den Räumen, in denen die Entrümpler alles, was klein und wertlos ist, in eine Kiste kippen.

Am Nachmittag haben Pitzer, Mohns und die anderen alles eingepackt, was Frau Wirtz noch besaß. Die Sitzhilfe aus der Badewanne, die gerahmten Fotos, Jacken von der Garderobe, Bretter aus den Schränken und die Bürste, in der noch Haare stecken. Nun tragen sie alles nach unten in den großen Transporter, der vor der Tür wartet. Endstation Entsorgungshof. Ein paar Dinge wechseln den Besitzer. Vielleicht der Löwe aus Porzellan. Oder das Windspiel. Viel haben die Entrümpler heute über Frau Wirtz nicht erfahren. Aber das ist nicht so wichtig. Pitzer und Mohns packen zusammen. Morgen müssen sie erneut in eine fremde Wohnung. Und wieder haben sie keine Ahnung, was sie dort erwartet.