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Interview mit Dagmar Freitag: Die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestags fordert härtere Dopingbekämpfung

Interview mit Dagmar Freitag : Die Sportausschuss-Vorsitzende des Bundestags fordert härtere Dopingbekämpfung

Dagmar Freitag ist die erste Frau im Vorsitz des Sportausschusses in der Geschichte des Deutschen Bundestages. Die SPD-Politikerin ist „very busy“. Sie muss dieser Tage alles geben, um ihr Direktmandat im Märkischen Wahlkreis II zu verteidigen. Besonders engagiert sich die 60-Jährige in der Dopingbekämpfung.

Mit ihrer Fraktion hat sie den Entwurf eines Anti-Doping-Gesetzes in den Bundestag eingebracht – nicht gerade zum Gefallen von Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). „Deshalb streiten wir gerade“, räumt Freitag im Gespräch mit den GA-Redakteuren Berthold Mertes und Holger Möhle im Berliner Regierungsviertel ein. Die Unterhaltung beginnt mit der „Causa Hoeneß“.

Frau Freitag, Sie verdienen als Bundestagsabgeordnete 91.000 Euro pro Jahr, das lässt sich online nachlesen. Davon zahlen Sie etwa 30.000 Euro Steuern. Wie haben Sie die Enthüllung der Steueraffäre Hoeneß empfunden?
Dagmar Freitag: Mit unterschiedlichen Empfindungen. Zum Einen war ich persönlich enttäuscht, weil Uli Hoeneß eine wirklich interessante Persönlichkeit im deutschen Sport war. Er war als Welt- und Europameister ein sehr erfolgreicher Fußballer und spielt seit Jahrzehnten im Fußball eine ganz wichtige Rolle – nicht nur für den FC Bayern. Hoeneß ist einer der großen Player im deutschen Fußball-Geschäft und auch darüber hinaus, weil er anders als viele andere ehemalige deutsche Fußballer auch ein erfolgreicher Geschäftsmann geworden ist und sich nicht nur einmal sozial engagiert hat. Darüber hinaus hat er sich immer wieder öffentlich auch zu fußballfernen Themen geäußert – unter anderem auch zum Thema soziale Gerechtigkeit.

Also ist seine Steueraffäre keine Privatsache, sondern ein sozialpolitisches Thema …
Freitag: Genau. Zu sozialer Gerechtigkeit gehört auch, dass diejenigen, die es können, höhere Steuern zahlen. Vor allem aber muss der Grundsatz für alle gelten: Ich muss meine Steuern nach den Buchstaben des Gesetzes zahlen. Das scheint Herr Hoeneß nicht getan zu haben. Darüber bin ich wirklich enttäuscht. Ich war dabei, als er in Berlin mit der Goldenen Sportpyramide ausgezeichnet wurde. Das ist eine der höchsten Auszeichnungen, die man im deutschen Sport bekommen kann, und die erhält man eben auch für Verdienste außerhalb des Sports. Ich habe die Laudatio gehört und sie als glaubwürdig empfunden wie wahrscheinlich alle anderen. Von diesen Verdiensten hat sich sicher auch die Jury leiten lassen, die ihn ausgewählt hat.

[kein Linktext vorhanden]Ist Enttäuschung nicht ein zu schwaches Wort?
Freitag:
Neben der persönlichen Enttäuschung empfinde ich schon auch Zorn. Zorn deshalb, weil wir über vieles in unserem Land anders diskutieren könnten, wenn die Menschen nach ihrer Leistungsfähigkeit und nach Recht und Gesetz Steuern zahlen würden. Wenn ich in Kommunen komme, höre ich aufgrund der Finanznot immer wieder von Hallenbad-Schließungen oder anderen Maßnahmen, die die Menschen in ihrem Wohnumfeld direkt betreffen. Wenn Steuern so gezahlt würden, wie das Gesetz es vorsieht, würden wir manche Diskussionen in den Kommunen anders führen können und hätten mehr finanzielle Spielräume.

Wie sehr hat der Fall Hoeneß dem Image des deutschen Spitzensports geschadet? Muss das Publikum nicht denken, dass es im Sport generell unsauber zugeht: Es wird genauso munter gedopt wie Steuern hinterzogen?
Freitag: Das würde ich vom Fall Hoeneß abkoppeln wollen. Es gibt in der öffentlichen Wahrnehmung etliche Beispiele von gutverdienenden Sportlern fast mit Kultstatus, die kaum die erste Million verdient und schon den Wohnsitz ins Ausland verlegt hatten. Ich finde es bedauerlich, dass sie anscheinend ihre gesellschaftliche Verantwortung nicht anerkennen und wahrnehmen. Ich würde mir sehr wünschen, dass all diejenigen, die im Sport so erfolgreich werden konnten, sich auch ihrer sozialen Verantwortung für ihr eigenes Land bewusst sind. Sie durften alle Vorzüge unseres Gemeinwesens genießen – das fängt schon mit dem kostenlosen Besuch einer öffentlichen Schule an. Damit will ich auf keinen Fall die Verdienste der Betreffenden für ihre Sportart und ihre Erfolge in Frage stellen. Aber warum zahlt jemand, der mehr Geld verdient, als man je ausgeben kann, nicht einfach ordentlich seine Steuern – schließlich würde niemand dieser Großverdiener dadurch ein armer Mensch.

Warum ist der Sport-Millionär als Steuerflüchtling trotzdem akzeptiert vom Publikum?
Freitag: Das ist eine Frage, die ich mir ebenfalls stelle. Es ist sicher auch eine Frage der medialen Darstellung. Die Medien leisten einen großen Beitrag zur Imagebildung von Sportlern – im positiven wie im negativen Sinne.

Ihr Sportausschuss-Kollege Klaus Riegert von der CDU sieht die Causa Hoeneß ein wenig anders. Riegert sieht seine Verfehlungen in erster Linie als Privatsache.
Freitag: Der „Fall Hoeneß“ ist über die Sportpolitik und die persönlichen Finanzen hinaus ein gesellschaftspolitisches Thema. Ob Uli Hoeneß in der Schweiz gezockt hat, spielt zunächst nur eine untergeordnete Rolle. Seine Steuerhinterziehung wird aber in dem Moment auch gesellschaftspolitisch relevant, wenn er als Vorbild gesehen wird – oder sich selbst so präsentiert. Spätestens dann geht es eben über eine Privatsache hinaus.

Sie wurden als erste Frau an die Spitze des Sportausschusses im Bundestag gewählt. Was hat Sie dafür qualifiziert?
Freitag: Ich würde gerne mit einer Gegenfrage die Antwort einleiten: Hätten Sie diese Frage auch meinen Vorgängern gestellt? Aber bitte: Sport hat sich wie ein roter Faden durch mein Leben gezogen. Sport war für mich schon als Kind und Jugendliche wichtig. Mit dem Ehrenamt im kleinen Verein in meiner Heimatstadt Iserlohn fing dann das gesellschaftliche Engagement an. Mein weiteres Handwerk habe ich im sportwissenschaftlichen Studium gelernt, zusätzlich auch Erfahrung in der kommunalen Sportpolitik gesammelt – ziemlich früh war ich Sportausschussvorsitzende in meiner Heimatstadt.

Warum gibt es so wenige Frauen in Führungspositionen im Sport?
Freitag: Die Frage stellen sich viele, die im Sport Verantwortung tragen. Ich kann sie auch nur unzureichend beantworten. Es ist wie in vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen immer noch so, dass Frauen mehr im Bereich der familiären Verantwortung gebunden sind als Männer. Der Sport ist nach wie vor eine Männer-Domäne. Ein Beispiel: In Diskussionen bin ich sehr häufig die einzige Frau auf dem Podium. Es ist manchmal nicht einfach, sich in der Männer-Welt durchzusetzen. Man muss ab und an schon hart im Nehmen sein. Aber ich kann Frauen auch nur empfehlen, sich nicht entmutigen zu lassen und stattdessen zu sagen: Ich kann das auch.

Werden sie häufig untergebuttert?
Freitag: Ich lasse mich nicht unterbuttern. Natürlich gibt es gelegentlich solche Versuche. Ich gehe auch nicht immer als Sieger vom Platz. Aber das ist in einer Demokratie völlig normal – im Sport auch.

Es heißt ja, ohne seriösen Lobbyismus sei keine gute Gesetzgebung möglich. Welchen Lobby-Zwängen ist die Sportausschuss-Vorsitzende ausgesetzt?
Freitag: Zwängen bin ich überhaupt nicht ausgesetzt. Als Vorsitzende und als Abgeordnete entscheide ich grundsätzlich, was ich an Informationen an mich heranlasse. Vor allem entscheide ich selbst, welche Rückschlüsse ich aus dem ziehe, was man versucht hat, mir nahezubringen. In dieser Frage bin ich sehr selbstbewusst: Ich lasse mich nicht instrumentalisieren, sondern wäge Pro und Contra sachlich ab.

Aber Sport ist ein Milliardengeschäft. Welche Lobbyisten sprechen bei ihnen vor, um was zu erreichen?
Freitag: Das ist wie bei allen anderen Ausschüssen im Bundestag. In der Gesundheitspolitik sprechen auch der Präsident der Ärztekammer oder Vertreter der Pharma-Industrie vor. Dieser Mechanismus funktioniert im Sport entsprechend. Der Deutsche Olympische Sportbund ist mit einem eigenen Büro in Berlin vertreten. Der Generaldirektor, Herr Dr. Vesper, wird in den Bundestags-Liegenschaften rund um den Reichstag häufig gesehen. Er sieht sich, so hat er mir das kürzlich noch gesagt, als denjenigen, der die Interessen des Sports vor den Vertretern des Parlaments zu vertreten hat. Das ist aus seiner Sicht sicherlich zutreffend. Aber ich sage noch einmal: Jeder Abgeordnete entscheidet für sich selbst, wie sehr er sich von Lobbyisten tatsächlich beeinflussen lässt.

Herr Vesper möchte im Kampf gegen Doping die ganz harte Linie nicht beschreiten und verweist auf das aus seiner Sicht funktionierende Doppelsystem aus Sportgerichtsbarkeit und Strafrecht. Wie finden Sie diese Argumentation?
Freitag: Nicht besonders originell. Es ist eines der Totschlag-Argumente, die ich vom organisierten Sport höre, seit ich mich mit der Gesetzgebung in sportpolitischen Themen beschäftige. Es gibt zu juristischen Fragestellungen bei identischen Sachverhalten immer unterschiedliche Einschätzungen von Juristen. So wie Herr Vesper den einen oder anderen findet, der seine Einschätzung stützt, finde ich auch welche, die meine Auffassung und die meiner Fraktion stützen. Von daher streiten wir gerade…

Warum reichen die Selbstreinigungskräfte des Sports für eine wirksame Dopingbekämpfung nicht aus?
Freitag: Das Strafrecht hat andere Möglichkeiten. Vor allem bekommen Staatsanwälte überhaupt erst die Möglichkeit, tätig zu werden, wenn wir ihnen die entsprechenden Instrumente in der Gesetzgebung zur Verfügung stellen. Ich kenne den hartnäckigen Kampf von großen Teilen des organisierten Sports gegen eine strengere Doping-Gesetzgebung – aber ich bin sicher, wir werden ein Gesetz in Deutschland bekommen. Dafür werde ich kämpfen.

Herr Vesper meint, durch ein Anti-Doping-Gesetz würde die Verfolgung von Dopingvergehen verzögert und erschwert. Weil staatliche Organe mehr Zeit benötigen und zwei konkurrierende Sanktionssysteme die Sache erschweren.
Freitag: Das ist eine Annahme, die durch nichts zu belegen ist. In anderen Lebensbereichen haben wir vergleichbare Fälle. Nehmen Sie zum Beispiel das Beamtenrecht: Es gibt das beamteninterne Disziplinarrecht. Wenn jemand als Beamter eine Straftat begeht, muss er sich dennoch vor einem ordentlichen Gericht verantworten. Das eine schließt das andere nicht aus. Es gibt andere Beispiele im Sport: Bei einem schweren, absichtlichen Foul im Fußball fliegt der Sünder möglicherweise in der nächsten Sekunde vom Platz, wird vom Sportgericht gesperrt. Der Geschädigte kann zudem zivilrechtlich klagen. Es sind seit Ewigkeiten dieselben Argumente, die gegen ein Anti-Doping-Gesetz gebracht werden. So kommen wir im Kampf gegen Doping in Deutschland nicht wirklich weiter.

Schnelle Sanktionen kann aber doch nur der Sport selbst ziehen, oder?
Freitag: Das will auch niemand abschaffen und daran wird sich auch durch ein Anti-Doping-Gesetz nichts ändern.

Anders gedacht und provokant formuliert: Warum traut sich der organisierte Sport nicht ans organisierte Dopen?
Freitag: Die Frage müssten Sie denen stellen, die eine relativ zurückhaltende Marschroute in der Dopingbekämpfung vertreten.

Aber Ihre Meinung interessiert uns!
Freitag: Ich kann nur mutmaßen. Auf der einen Seite ist der Sport natürlich daran interessiert, erfolgreich dazustehen. Das verstehe ich auch. Wer Sport, zumal Hochleistungssport, treibt, möchte nach Möglichkeit gewinnen. Ich bin früher auch nicht in den Startblock gegangen, um Letzte zu werden, sondern um zu gewinnen. Das hat leider oft genug nicht funktioniert, aber der Sieg oder eine persönliche Bestleistung ist das Ziel jedes Sportlers. Wir reden jetzt nicht nur über Spitzensport, das gilt genauso für eine Hobbymannschaft. Die Leute haben Spaß, aber gezählt wird trotzdem – und gewinnen will man vielleicht auch.

Und Sie möchten auch, dass Ihre deutschen Leichtathleten erfolgreich sind …
Freitag: Sie wissen, dass ich an meinem Amtssitz in Berlin meine Rollen – einerseits Vorsitzende des Sportausschusses und anderseits ehrenamtliche Vizepräsidentin im Deutschen Leichtathletik-Verband – immer sehr genau trenne, das tue ich auch in diesem Fall. Deswegen blicke ich jetzt mal über die Leichtathletik hinaus. Auf der einen Seite wollen wir erfolgreiche Athleten. Wir, das ist die Gesellschaft. Und wir freuen uns mit diesen Athletinnen und Athleten über ihre Erfolge. Das Entscheidende ist, dass wir in der Gesellschaft ein Bewusstsein schaffen, dass wir uns nur über Spitzenleistungen freuen können, von denen wir ausgehen dürfen, dass sie auf saubere Weise erzielt worden sind. Ein Sieg, ein Rekord durch Manipulation ist wertlos. Ich möchte, dass wir eines Tages die vielen, vielen Fragezeichen aus den Gesichtern wieder rausbekommen, wenn ein Weltrekord in welcher Sportart auch immer aufgestellt wird. Ich möchte auch, dass der sportinteressierte Zuschauer, der Fan oder der Sponsor sagt: Ich freue mich über exzellente Leistungen, aber ich akzeptiere auch, wenn der von mir geförderte Sportler oder die Mannschaft vielleicht mal Vierter bei hochkarätigen internationalen Meisterschaften wird. Daran müssen wir gemeinsam arbeiten. Es ist auch Aufgabe der Medien, das deutlicher herauszustellen. Wer Vierter oder Fünfter bei Weltmeisterschaften oder Olympischen und Paralympischen Spielen wird, ist eben auch Weltklasse, nicht nur der Medaillengewinner.

Zurück zu dem, was Sie zum System Doping und den gewünschten Erfolgen im Spitzensport gesagt haben. Wählt deshalb der Bund Deutscher Radfahrer lieber Herrn Scharping zum Präsidenten als Frau Schenk?
Freitag: Ich bin bei der Sitzung nicht dabei gewesen und kann den Diskussionsverlauf nicht beurteilen – das maße ich mir nicht an.