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Gastbeitrag zur Corona-Krise: Das sagt ein Schweizer Professor zu Fledermäusen und einem Super-Virus

Gastbeitrag zur Corona-Krise : Das sagt ein Schweizer Professor zu Fledermäusen und einem Super-Virus

Im zweiten Teil des Gastbeitrags kritisiert der Schweizer Medizinprofessor Paul Robert Vogt die wissenschafttliche Arroganz des Westens gegenüber China, resümiert die harten Fakten zu Sars-CoV-2 und Covid19 und erläutert die Risiken für das Entstehen eines Super-Virus.

Klar sind zwei Dinge: Die aktuelle Corona-Pandemie wurde seit 2003 mindestens acht Mal angekündigt. Und nachdem ihr Ausbruch am 31. Dezember 2019 von China der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet worden war, hätte man zwei Monate Zeit gehabt, die richtigen Daten zu studieren und die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Taiwan zum Beispiel, dessen 124 Maßnahmen früh publiziert worden sind, hat am wenigsten Infizierte und Todesfälle und hat keinen Lockdown seiner Wirtschaft durchführen müssen.

Die Maßnahmen der asiatischen Länder wurden aus politischen und diffusen Gründen als für uns in der Schweiz nicht machbar qualifiziert. Eine davon: das Tracking Infizierter. Angeblich unmöglich – und das in einer Gesellschaft, die ihre privaten Daten ohne Probleme an iClouds und Facebook auslagert. Tracking? Wenn ich jeweils in Taschkent, Peking oder Yangon aus dem Flugzeug steige, dauert es zehn Sekunden, und Swisscom heißt mich im jeweiligen Land willkommen. Tracking? Nein, gibt es bei uns nicht.

Hätte man sich besser orientiert, hätte man gesehen, dass gewisse Länder ohne rigide Maßnahmen ausgekommen sind. In der Schweiz hat man allenfalls semi-rigide oder gar keine Maßnahmen ergriffen, sondern hat die Bevölkerung im eigentlichen Sinne durchseuchen lassen. Rigidere Maßnahmen wurden zu spät ergriffen. Hätte man reagiert, hätte man vielleicht keine solchen Maßnahmen ergreifen müssen – und könnte sich die aktuellen Diskussionen um einen „Ausstieg“ ersparen. Von den ökonomischen Folgen will ich gar nicht reden.

Politik und Propaganda Warum hat man nicht nach Asien geschaut? Es gab genug Zeit. Oder anders: Wie hat man nach Asien geschaut? Die Antwort ist klar: arrogant, ignorant und besserwisserisch. Typisch europäisch, oder sollte ich sagen, typisch schweizerisch? Chinas Staatspräsident Xi Jinping war noch nett, als er meinte, Europa sei wegen seines „Narzissmus“ innert kürzester Zeit das weltweite Zentrum der Pandemie geworden. Ich würde hinzufügen: wegen seiner Arroganz, seiner Ignoranz und seines unsäglichen Besserwissertums.

In den Kommentarspalten haben immer mehr Leser unserer Medien bemerkt, dass wir vielleicht aufhören sollten, andere zu belehren, wenn wir selber pro Kopf mit Spanien zusammen die höchste Rate an Covid-19-Positiven und eine der höchsten Sterberaten haben.

Europa scheint unbelehrbar. Amerika – zumindest seine Wissenschaftler und ein Teil seiner politischen Journalisten – haben anders reagiert. Die USA haben die exzellenten wissenschaftlichen Arbeiten chinesischer Autoren anerkannt und sie in ihren besten medizinischen Fachzeitschriften publiziert. Selbst in „Foreign Affairs“, der wichtigsten Essay-Zeitschrift zur internationalen Politik, finden sich Arbeiten mit Überschriften wie „Was die Welt von China lernen kann“ oder: „China hat eine App und der Rest der Welt braucht einen Plan“ – ferner, dass die „internationale Kooperation der Wissenschaftler ein Beispiel dafür“ sei, wie man in anderen Bereichen „multipolar zusammenarbeiten müsse“ und wie die Welt nun einmal „interconnected“ sei. Selbst der oft zitierte Anthony Fauci, Donald Trumps Chef-Virologe, rühmte in „Foreign Affairs“ die Zusammenarbeit mit den Kollegen aus China.

Dass die US-Politführung das nicht umgesetzt hat, ist nicht das Problem der Wissenschaftler, welche, inklusive WHO, die exzellente Arbeit der Chinesen vor Ort lobten: „Die Chinesen wissen genau, was sie tun; und sie sind wirklich, wirklich gut darin.“ Das deutsche Magazin „Der Spiegel“ veröffentlichte einen Artikel mit der Überschrift „Tödliche Arroganz“ – und meinte damit nicht Amerika, sondern das überhebliche Europa

Fakten zur Chronologie Nach der SARS-Epidemie 2002/03 hat China ein Überwachungsprogramm installiert, welches eine auffällige Häufung atypischer Lungenentzündungen so früh wie möglich melden sollte. Als vier Patienten in diesem Land mit seiner gigantischen Bevölkerung in kurzer Zeit eine atypische Lungenentzündung zeigten, hat das Überwachungssystem Alarm ausgelöst. Nachdem bei 27 (andere Quellen nennen 41) Patienten in Wuhan eine atypische Pneumonie diagnostiziert worden war, aber noch kein einziger Todesfall vorlag, hat die chinesische Regierung am 31. Dezember die WHO informiert.

Am 7. Januar 2020 hat dasselbe Team von Peng Zhou, welches im März 2019 vor einer Corona-Pandemie gewarnt hatte, das vollständig definierte Genom des verursachenden Virus an die Welt weitergegeben, damit so schnell wie möglich weltweit Test-Kits entwickelt, eine Impfung erforscht und monoklonale Antikörper hergestellt werden können. Entgegen der Meinung der WHO haben die Chinesen Wuhan im Januar mit einem Reiseverbot und einer Ausgangssperre lahmgelegt. Ich erspare es mir, auf die anderen Maßnahmen einzugehen, welche in China getroffen worden sind. Nach Meinung internationaler Forschungsteams hat China mit diesen früh und radikal einsetzenden Maßnahmen jedenfalls Hunderttausenden Menschen das Leben gerettet.

Am 31. Dezember 2019 hat Taiwan alle Flüge aus Wuhan gestoppt. Die weiteren 124 Maßnahmen Taiwans sind im „Journal of American Medical Association“ publiziert – rechtzeitig. Man hätte sie nur zur Kenntnis nehmen müssen.

Ohne Zweifel hat die „Command-and-Control“-Struktur Chinas initial zu einer Unterdrückung relevanter Informationen geführt, umgekehrt jedoch später bei der Begrenzung der Pandemie umso effektiver funktioniert. Der Umgang mit dem Augenarzt Li Wenliang ist schrecklich, passt jedoch zu solchen Ereignissen. Als 1918 der amerikanische Landarzt Loring Miner in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas mehrere Patienten mit Grippesymptomen sah, welche an Heftigkeit alles Bisherige übertrafen, hat er sich an den United States Public Health Service gewandt und um Unterstützung gebeten. Diese wurde ihm verweigert. Drei Patienten von Haskell County wurden zum Militärdienst eingezogen. Albert Gitchell, der Küchenunteroffizier – der sogenannte Patient Null – verbreitete das Virus in jener Kompanie, für die er kochte und die nach Europa verlegt wurde. 40 Tage später gab es in Europa 20 Millionen Infizierte und 20 000 Tote. Die 1918-Pandemie hat mehr Tote verursacht als der gesamte Erste Weltkrieg.

Die Klagen des Westens über die Behandlung von Li Wenliang sind berechtigt, aber triefen von Doppelmoral, weiß man doch, welche Schicksale Whistleblowern im Westen widerfahren. Auch die US-Regierung versuchte, medizinische Informationen zu filtern, indem die führenden Virologen Amerikas von Trump angewiesen worden waren, jede öffentliche Aussage zuvor mit Mike Pence, dem Vizepräsidenten, zu besprechen, was kürzlich im Fachblatt „Science“ unter dem Titel „Tun Sie uns einen Gefallen“ thematisiert, als „inakzeptabel“ bezeichnet und mit Methoden in China verglichen worden ist.

Warum hat man alles verpasst? Weil weder Politiker noch Medien noch die Mehrzahl der Bürger fähig sind, in einer solchen Situation Ideologie, Politik und Medizin zu trennen. Eine virale Pneumonie ist ein medizinisches und kein politisches Problem. Dank des politisch-ideologisch begründeten Ignorierens medizinischer Fakten hat sich Europa in kürzester Zeit selber zum weltweiten Pandemie-Zentrum gemacht.

Politik und Medien spielen hier eine besonders unrühmliche Rolle. Statt sich auf das eigene Versagen zu konzentrieren, wird die Bevölkerung durch ein fortgesetztes, dümmliches China-Bashing abgelenkt. Dazu kommen, wie immer, Russland-Bashing und Trump-Bashing. Man muss Trump keinesfalls mögen – aber bis die USA bezüglich der Covid-19-Todesfälle pro Kopf gleichauf mit der Schweiz liegen, müssten 30 000 Amerikaner sterben.

Es ist in den vergangenen 17 Jahren weder gelungen, eine Impfung gegen irgendein Coronavirus noch einen monoklonalen Antikörper zu entwickeln – aber täglich wird gemeldet, dass ein Serum gegen Sars-CoV-2 in einigen Monaten zur Verfügung stehe. Foto: Friso Gentsch/dpa Foto: picture alliance/dpa/Friso Gentsch

Wie kann man, wie die Schweiz, konstant andere Länder kritisieren, wenn man mit dem zweitteuersten Gesundheitswesen der Welt pro Kopf am zweitmeisten Infizierte hat und weder genügend Schutzmasken, noch genügend Desinfektionsmittel, noch genügend medizinisches Material vorweisen kann? Beispiele für dümmliches China-Bashing gibt es genug: „Die Chinesen sind schuld!“ Wer so etwas behauptet, versteht nichts von Biologie und Leben überhaupt. Oder: „Alle Pandemien kommen aus China.“

Faktencheck: Die Spanische Grippe war tatsächlich eine Amerikanische Grippe, Aids kam aus Afrika, Ebola aus Afrika, die Schweinegrippe aus Mexiko, die Cholera-Epidemie der 1960er-Jahre mit Millionen von Toten aus Indonesien und MERS aus dem Nahen Osten. Ja, SARS kam aus China. Aber die Chinesen haben im Gegensatz zu uns gelernt, wie in „Foreign Affairs“ nachzulesen ist: „Frühere Pandemien haben Chinas Schwäche offenbart. Die aktuelle zeigt die Stärken.“

Wenn konstant behauptet wird, die von China veröffentlichen Covid-19-Zahlen seien sowieso alle beschönigt: Was heißt dann das? Dass wir deshalb nichts unternehmen müssen? Oder heißt es nicht viel mehr, dass es sich vielleicht um eine noch viel gefährlichere Pandemie handelt, für die wir in Europa Vorkehrungen treffen sollten? So viel zur Logik von sinnlosem und politischem Nach-Geplapper. Auch hier agiert die nicht per se china-
freundliche US-Zeitschrift „Foreign Affairs“ intelligenter: „Die USA und China könnten zusammenarbeiten, um die Pandemie zu besiegen. Stattdessen macht ihr Antagonismus die Sache nur noch schlimmer.“ Oder: „Es braucht eine Welt, um eine Pandemie zu beenden. Wissenschaftliche Zusammenarbeit kennt keine Grenzen – zum Glück.“

Es fällt auf, dass jetzt auch noch die Unterstützung Chinas für westliche Staaten diffamiert wird. Das Reich der Mitte hat bis jetzt 3,86 Milliarden Masken, 38 Millionen Schutzanzüge, 2,4 Millionen Infrarot-Temperatur-Messgeräte und 16 000 Beatmungsgeräte geliefert. Nicht Chinas Weltmachtanspruch, sondern das Versagen der westlichen Länder hat dazu geführt, dass der Westen buchstäblich am medizinischen Tropf Chinas hängt.

Woher stammt dieses Virus? Auf unserem Globus gibt es ungefähr 6400 Säugetier-Arten. Fledermäuse (Bats) und Flughunde machen 20 Prozent der Säugetier-Population aus. Es gibt 1000 verschiedene Arten von Fledermäusen und Flughunden. Es sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können, was ihren großen Bewegungsradius erklärt. Fledermäuse und Flughunde beherbergen vor allem eine Unzahl von Viren.

Wahrscheinlich sind Fledermäuse und Flughunde in der Entwicklungsgeschichte die Eintrittspforte von Viren in den Stammbaum der Säugetiere gewesen. Es gibt zahlreiche gefährliche Viren, welche von den „Bats“ auf den Menschen über-
gesprungen und für viele Krankheiten verantwortlich sind: Masern, Mumps, Tollwut, Marburg-Fieber, Ebola und andere, seltenere, nicht weniger gefährliche Krankheiten.

Auch bei anderen Säugetieren haben von „Bats“ stammende Viren immer wieder zu Massensterben in der Schweine-, Hühner- oder Vogelzucht geführt. Dies sind entwicklungsgeschichtlich Jahrmillionen alte biologische Vorgänge. Auch in der DNA gesunder Menschen finden sich heute Reste viraler Gensequenzen, die über die Jahrtausende „eingebaut“ worden sind.

Nach SARS (2003) und MERS (2012) wurde die Forschung an Coronaviren intensiviert, gerade weil man mit einer baldigen, neuen Coronaviren-Pandemie gerechnet hat. 22 der 38 bekannten und noch lange nicht definitiv klassifizierten Coronaviren wurden von chinesischen Forschern in extenso studiert. Peng Zhou hat im März 2019 eine baldige, neue Corona-Epidemie vorausgesagt, und zwar aus folgenden Gründen: hohe Biodiversität in China, hohe Anzahl an Fledermäusen in China, hohe Bevölkerungsdichte in China (nahes Zusammenleben zwischen Tier und Mensch), hohe genetische Variabilität der Fledermäuse (Risiko für zufällige Mutationen) und schließlich hohe aktive genetische Rekombination – Coronaviren verschiedener Typen tauschen untereinander Genom-Sequenzen aus, die sie dann für den Menschen aggressiver machen können.

Vier Theorien Es gibt vier Theorien, wie dieses Virus auf den Menschen übergesprungen ist. Erstens: Das Sars-CoV-2-Virus ist von einer Fledermaus direkt auf den Menschen übertragen worden. Dasjenige Virus, welches in Frage kommt und genetisch zu 96 Prozent mit dem aktuellen Sars-CoV-2 übereinstimmt, kann jedoch von seiner Struktur her nicht an „Angiotensin-Converting-Enzyme“ (ACE) Typ 2 in der Lunge andocken. Das Virus benötigt aber dieses Enzym, um in die Lungenzellen (und in die Zellen des Herzens, der Niere und des Darms) eindringen und diese zerstören zu können.

Zweitens: Sars-CoV-2 sprang vom Pangolin, einem Malaysischen Säugetier mit Schuppen, welches illegal in China eingeführt worden sei, auf den Menschen und war zunächst nicht krankheitserregend. Im Rahmen nachfolgender Mensch-zu-Mensch-Transmissionen hat sich dieses Virus an die beim Menschen vorliegenden Rahmenbedingungen dank Mutation oder Adaptation angepasst und konnte schliesslich an den ACE2-Rezeptor andocken und in die Zellen eindringen, womit die Pandemie startete.

Drittens: Es gibt einen Elternstamm dieser beiden Sars-CoV-2-Viren, der lange leider unentdeckt blieb.

Viertens: Es handelt sich um ein synthetisches Labor-Virus, denn genau daran wurde geforscht, und der biologische Mechanismus der Krankheitserregung ist ja im Detail schon 2016 beschrieben worden. Die angefragten Virologen verneinen natürlich diese Möglichkeit, können sie aber auch nicht ausschließen – nachzulesen im kürzlich publizierten „Nature Medicine“.

Das Besondere an diesen Tatsachen ist, dass Coronaviren zusammen mit dem Ebolavirus auf ein und demselben „Bat“ leben können, ohne dass die Fledermaus erkrankt. Einerseits ist dies wissenschaftlich interessant, weil vielleicht Immunmechanismen gefunden werden können, die erklären, wieso diese Fledermäuse nicht erkranken. Diese Immunmechanismen gegenüber Coronaviren und dem Ebolavirus könnten Erkenntnisse liefern, die für den Homo sapiens von Bedeutung sind. Anderseits sind diese Tatsachen beunruhigend, weil man sich vorstellen kann, dass sich aufgrund der hohen, aktiven, genetischen Rekombination ein Supervirus bilden kann, welches eine längere Inkubationsdauer als das aktuelle Sars-CoV-2 hat, aber die Letalität des Ebolavirus.

SARS wies eine zehnprozentige Mortalität auf, MERS 36 Prozent. Es war nicht das Verdienst des Menschen, dass SARS und MERS sich nicht so schnell ausgebreitet haben, wie jetzt Sars-CoV-2. Das war einfach nur Glück. Die Behauptung, dass ein Virus, welches eine hohe Mortalität habe, sich nicht ausbreiten könne, weil es ja viel zu schnell seinen Wirt umbringe, war zu jenen Zeiten richtig, als eine „infizierte“ Kamelkarawane über die Seidenstraße loszog und wegen der hohen Mortalität in der nächsten Karawanserei gar nicht mehr ankam. Heute geht das ruckzuck. Heute sind alle global vernetzt. Ein Virus, das in drei Tagen tötet, geht trotzdem um die Welt. Alle kennen Peking und Schanghai. Ich kenne Wuhan seit 20 Jahren. Keiner meiner Kollegen und Bekannten hatte je etwas von Wuhan gehört. Aber hat man gesehen, wie viele Ausländer es in Wuhan – einer Stadt, die „niemand“ kennt – gab, und wie sie blitzschnell in alle Weltregionen verteilt wurden? Das ist die heutige Situation.