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Einsatz in großer Höhe: Selbstversuch als Industriekletterer in Troisdorf-Bergheim

Einsatz in großer Höhe : Selbstversuch als Industriekletterer in Troisdorf-Bergheim

Wie wird man Industriekletterer? GA-Mitarbeiterin Franziska Bähr macht einen Selbstversuch in einem Schulungszentrum in Troisdorf. Gut geschulte Höhenretter werden gebraucht. So wie bei dem Seilbahn-Notfall Ende Juli in Köln, wo 65 Menschen aus 32 Kabinen gerettet werden mussten.

Sie klettern auf Kirchen und reparieren Dächer, sie putzen Fenster in schwindelerregenden Höhen und seilen sich in dunkle Kanäle ab – der Beruf des Industriekletterers ist so vielseitig wie gefährlich. Häufig kommen sie da zum Einsatz, wo es zu schwierig oder zu teuer ist, um ein Gerüst aufzustellen. Gut geschulte Höhenretter braucht es aber auch dann, wenn akute Gefahr besteht. So wie bei dem Seilbahn-Notfall Ende Juli in Köln, wo 65 Menschen aus 32 Kabinen gerettet werden mussten.

Im Schulungszentrum der Industriekletterer Bonn in Troisdorf-Bergheim können Spezialisten verschiedene Situationen üben. Was muss ein Kletterer können? Klar: schwindelfrei sein. Aber auch Koordination und Kondition sind wichtig. Für den General-Anzeiger habe ich selbst zum Klettergurt gegriffen und die verschiedenen Übungsmöglichkeiten auf der rund 1000 Quadratmeter großen Fläche ausprobiert.

Beim Betreten der Halle fällt als erstes die Seilbahngondel ins Auge, die an einem dicken Drahtseil gespannt einige Meter über dem Hallenboden hängt. Toni Harbig, Geschäftsführer der Industriekletterer Bonn, und seine Kollegen konnten die alte Gondel, die vor allem bei Übungen für Höhenretter zum Einsatz kommt, online erstehen. Doch bevor ich mich an die Gondel und andere Übungsgeräte wagen darf, muss ich erst mal die komplette Ausrüstung anlegen – Sicherheit geht beim Industrieklettern nämlich vor.

Neben normaler Schutzkleidung wie der Jacke, den Schuhen und dem Helm tragen Industriekletterer auch einen Auffang-, Sitz- und Haltegurt, an dem ein Abseilgerät, eine Seilklemme und ein Sicherungsgerät festgemacht werden. Fertig ausgerüstet hat der Gurt einiges an Gewicht, wobei Spezialisten im Arbeitsalltag zusätzlich noch ihr schweres Werkzeug mitnehmen müssen.

In voller Montur geht es zur ersten Übung. Von einem Gerüst soll ich mich tief in einen Kanal abseilen. Auch wenn es sich in der Halle nur um wenige Meter und einen offenen und videoüberwachten Kanal handelt, wird mir oben doch leicht mulmig. „Du bist beim Abseilen immer mehrfach gesichert. Bei uns ist noch nie ein Unfall passiert“, so Toni Harbig. Neben dem Tragseil, das bereits über dem Rohr schwingt, muss ich mich an einem Sicherheitsseil festmachen. Mit einem kurzen, starken Zug am Sicherungsgerät teste ich, ob der Mechanismus im Falle des Abrutschens greift und mich vor dem Absturz bewahrt. Dann geht es in den Kanal. Durch den Hebel am Abseilgerät wird das Seil freigegeben und ich sinke langsam in die Tiefe. Im Kanal angekommen, muss ich mich nur noch vom Seil lösen, und die dunkle Röhre verlassen. Die erste Übung ist geschafft. Während das Abseilens vor allem Koordination benötigt hat, ist die nächste Übung körperlich anstrengend. Am Kletterparcours soll ein Aufstieg simuliert werden. Nicht selten ist für Höhenarbeiter der einzige Weg nach unten und nach oben nur das Seil. Der Aufstieg erfordert eine Mischung aus Koordination und Muskelkraft, immer wieder muss ich anhalten und eine kurze Pause einlegen. Beim Blick nach unten bin ich froh, die Übung nur in einer Halle und nicht an einem Hochhaus zu machen.

Standardkurs dauert drei Tage

Höhenretter wird man nach einem 14-tägigen Kursus. Der Standardkursus für Höhenarbeiter dauert in der Regel drei Tage. Seine neun Mitarbeiter hat der 29-jährige Harbig alle selbst ausgebildet. Die meisten Industriekletterer haben vorher bereits eine handwerkliche Ausbildung absolviert, Harbig selbst ist gelernter Metallbauer. „Ich fand das einfach schon immer interessant, habe gerne in der Höhe gearbeitet und die Höhenarbeit gemocht. Wir waren als Kinder schon viel mit Seilen in den Bergen unterwegs. Am meisten hat mich einfach immer die Technik interessiert“, so der Geschäftsführer. Endlich bin ich oben angekommen. Zum Beweis klingele ich an einer kleinen Glocke und schwinge mich dann zum Gerüst zurück. Die Hände schmerzen, die Muskeln brennen, aber die Leidenschaft für den Beruf kann ich nun auch nachvollziehen. Der Beruf erfordert zwar viel Kraft, Koordination und starke Nerven, bietet dafür aber wirklich viel Spaß und ungewöhnliche Arbeitsplätze.