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Coronavirus in Frankreich: Schwierige Situation in den Krankenhäusern im Elsass

Coronavirus in Frankreich : Schwierige Situation in den Krankenhäusern im Elsass

Die Region Grand Est ist besonders schwer von der Coronavirus-Epidemie betroffen. Die Intensivstationen sind längst überfüllt.

Die an Baden-Württemberg und das Saarland grenzende französische Region Grand Est (Elsass, Lothringen und Champagne-Ardenne) ist von der Coronavirus-Pandemie besonders betroffen. Inzwischen sind dort über 1000 Menschen positiv auf den Erreger getestet worden. Seit einigen Tagen gilt die Region deshalb als Risikogebiet, inzwischen wird von deutscher Seite die Grenze verstärkt kontrolliert und der Verkehr ist stark eingeschränkt.

Angesichts der vielen Neuinfektionen herrschen in den Krankenhäusern im Grand Est sehr schwierige Zustände. In den sozialen Netzwerken kursieren unbestätigte Nachrichten von Klinik-Mitarbeitern, die von geradezu dramatischen Entwicklungen vor allem auf den Intensivstationen sprechen. Guilaine Kieffer-Desgrippes, Präsidentin der regionalen Vereinigung der niedergelassenen Ärzte in Straßburg, erklärt in der Tageszeitung „Le Monde“, dass in den Krankenhäusern der Region alle nicht notwendigen Operationen verschoben worden seien. Dennoch sei bald die Kapazitätsgrenze erreicht. Ein Problem sei das fehlende Personal. Die Kliniken würden aus diesem Grund alle ihre ambulanten Aktivitäten einstellen, damit auch diese Mitarbeiter auf den Stationen aushelfen könnten. Und auch Guilaine Kieffer-Desgrippes wiederholt, dass es unverantwortlich sei, sich im Moment in ein volles Bistro zu setzen, um einen Kaffee zu trinken.

Das regionale Gesundheitsamt gibt keine Informationen über die Lage vor Ort, doch gegenüber „Le Monde“ bestätigt ein Notarzt in Straßburg die angespannte Situation. Die Intensivstationen glichen inzwischen einem großen Verschiebebahnhof, da nicht genügend Betten vorhanden seien. Zudem gebe es einen Mangel an Beatmungsgeräten, was die Ärzte dazu gezwungen habe, die Behandlung bei manchen Patienten einzuschränken.

Mit großen Sorgen blicken die Mediziner auf die Situation im Département Haut-Rhin. Jean-François Cerfon, Anästhesist in Colmar erklärt, dass die Kapazitäten in der Stadt, wo 25 Menschen auf der Intensivstation liegen, ausgeschöpft seien. Zwar seien auch dort alle nicht notwendigen Operationen verschoben worden, um zusätzlich Platz zu schaffen, doch reiche das nicht aus. „Wir haben keinen Platz mehr“, erklärt er und sagt, dass aus seiner Sicht nun „drei sehr harte Wochen“ zu befürchten seien.

Studenten sollen freiwillig aushelfen

Auch Jean Sibilia, Dekan der medizinischen Fakultät in Straßburg zeigt sich beunruhigt. „Die Wahrheit ist, dass in unserer Region die Situation sehr schwierig ist,“ sagt er. Inzwischen hat die Fakultät ihre Studenten aufgefordert, freiwillig in den Krankenhäusern auszuhelfen. Jean Sibilia hebt die Bereitschaft der jungen Menschen hervor, den Kampf gegen das Virus zu unterstützen. Auch hätten einige in der Stadt niedergelassenen Ärzte angeboten, ihre Praxen zu schließen, um im Krankenhaus zu helfen.

In Straßburg hat die Intensivstation rund 100 Betten. Die sind nach offiziellen Angaben im Moment alle besetzt, die Hälfte davon sind Covid-19-Fälle. Geplant ist, diese Kapazität so schnell wie möglich auf 200 Betten zu erhöhen. Die nächsten Tage würden zur Belastungsprobe, erklärte der Dekan Jean Sibilia, denn „wir sind noch nicht auf dem Höhepunkt der Epidemie“.

Rückendeckung bekommt er aus Paris. „Die Epidemie breitet sich sehr schnell aus“, warnte am Montag Jérôme Salomon, Direktor für den gesundheitlichen Dienst in Frankreich. „Wir können sehen, dass sich die Anzahl der Fälle im Moment alle drei Tage verdoppelt“. Auch er appellierte an die Franzosen, sich an die Vorgaben zu halten, um die Ausbreitung des Virus einzuschränken. „Es wäre eine Katastrophe, wenn wir Menschen auf den Intensivstationen abweisen müssten, weil es dort keinen Platz mehr für sie gibt“, sagte Jérôme Salomon.

Jeder siebte Patient müsse auf die Intensivstation verlegt werden

Manche Ärzte sind der Überzeugung, dass weitaus härter durchgegriffen werden müsse. „Seit Donnerstag sind täglich mindestens 20 oder 30 Covid-Patienten in Pariser Krankenhäusern eingetroffen“, sagt Cécile Ghander, Endokrinologin im Krankenhaus Pitié-Salpêtrière in Paris, die im Moment im Covid-Screening eingesetzt wird. Jeder siebte Patient müsse auf die Intensivstation verlegt werden, wo er bis zu 20 Tage bleiben müsse. „Es ist unmöglich, sie alle zu behandeln “, sagt die Ärztin gegenüber „Le Monde“.

Vor allem die Nachrichten über die Ausnahmesituation in Mulhouse (Haut-Rhin) seien besorgniserregend, so Cécile Ghander. Dort haben sich offensichtlich viele Menschen bei einem internationalen Treffen einer Kirchengemeinde angesteckt. Das Virus habe sich rasant ausgebreitet, doch die Reaktionen darauf seien zu spät erfolgt. Schon vor drei Wochen hätte man die Krankenhäuser freimachen und das Personal schulen müssen, ist Cécile Ghander überzeugt. Sie fordert wesentlich strenge Quarantänebestimmungen auch für die Öffentlichkeit, wolle man am Ende nicht noch sehr viel mehr Tote beklagen.