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Die Riten der Männerwelt als Stolpersteine

Die Riten der Männerwelt als Stolpersteine

Ein Training hilft künftigen Professorinnen, die Regeln der Berufung zu durchschauen - In Bonn laufen die Fäden zusammen

Bonn. Berufungskommissionen haben gewisse Ähnlichkeiten mit klösterlichen Gemeinschaften. Nur wer sich an die dort geltenden Regeln und Riten hält, hat eine Chance, aufgenommen zu werden.

Angehenden Professorinnen fehlt meist dieses karrierefördernde Wissen, weil sie vom Informationsfluss und von der Unterstützung universitärer Männerbünde abgeschnitten sind. Ein neues Programm soll nun Frauen bundesweit für den Aufstieg trainieren. In Bonn laufen die Fäden zusammen.

Das in Europa einzigartige "Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung" (CEWS) an der Poppelsdorfer Allee ist Knotenpunkt für alle Aktivitäten zur Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und koordiniert das ungewöhnliche Projekt. Gefördert wird das vom Bundesforschungsministerium - strebt Ministerin Edelgard Bulmahn doch bis zum Jahr 2005 einen Frauenanteil bei den Professuren von 20 Prozent an.

Konkret heißt das: Die jetzigen Zahlen müssen sich fast verdoppeln. Und nach den Berechnungen des Kompetenzzentrums müssten rund 30 Prozent der Neuberufungen an Wissenschaftlerinnen gehen.

Die im Dezember anlaufenden Trainingsseminare sollen mit dazu beitragen, dass diese Zahlen Realität werden. Zugleich soll ein Netzwerk zwischen den potenziellen Professorinnen wachsen. "Qualifizierte Wissenschaftlerinnen haben wir genug. Daran kann es nicht liegen, dass die Frauen nicht weiterkommen", sagt Brigitte Mühlenbruch, Leiterin des CEWS.

Als langjährige Gleichstellungsbeauftragte der Bonner Uni hat sie in vielen Berufungskommissionen gesessen und weiß, wo die Stolpersteine liegen: In den einzelnen Fächern herrschen je eigene Spielregeln und Riten, deren Einhaltung für den persönlichen Erfolg wichtig ist. "Frauen messen diesen Dingen zu wenig Bedeutung bei, während Männer bereits bei der Bewerbung versuchen, sich rundum kundig zu machen, was gespielt wird", beobachtet Mühlenbruch.

"Professoren bevorzugen intuitiv Nachfolger und Kollegen des eigenen Geschlechts, weil die in der Regel einen ähnlichen Karriereverlauf aufgrund vergleichbarer Lebensbedingungen vorweisen können. Da weiß man, was man hat", sagt Jutta Dalhoff, Koordinatorin des Programms und früher Frauenbeauftragte der Uni Kiel. Frauen dagegen dürften zwar als solche erkennbar sein, aber nicht stören. "Sie müssen sich ins Bild einpassen."

Ziel sei nicht Anpassung oder Anbiederung, sondern professionelles und geschicktes Auftreten in Bewerbungsverfahren und Berufungsverhandlungen: Beides soll in Seminaren trainiert werden.

Im Dezember starten die ersten sechs. An drei Tagen werden jeweils 15 Wissenschaftlerinnen lernen, ihre Bewerbung strategisch zu planen, sich überzeugend zu präsentieren, sich die richtigen Informationen rechtzeitig zu verschaffen, im Vortrag vor der Berufungskommission gekonnt und sicher aufzutreten und sich in anschließenden Ausstattungsgesprächen mit der Hochschulleitung verhandlungssicher zu zeigen.

In Rollenspielen werden verschiedene Situationen durchgegangen, entsprechende Videoaufnahmen gemeinsam mit den zwei Trainerinnen analysiert. Darüber hinaus kann jede Teilnehmerin im Einzelcoaching persönliche Fragen besprechen. Außerdem gibt es die Möglichkeit, sich später noch zweimal telefonisch beraten zu lassen.

Die ersten bundesweiten Seminare finden in Koblenz, Frankfurt und Würzburg statt, die weiteren sollen auch in anderen Regionen angeboten werden. Insgesamt sind bis Mitte nächsten Jahres 20 Seminare geplant. Sie richten sich an entsprechend qualifizierte Wissenschaftlerinnen, die eine Professur anstreben, an promovierte Forscherinnen, die sich für eine Juniorprofessur interessieren sowie an Frauen, die sich auf eine Bewerbung um eine Professur an künstlerischen Hochschulen oder Fachhochschulen vorbereiten.

Infos unter www.cews.uni-bonn.de oder telefonisch unter (02 28) 73 48 35.