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Bonner Perspektiven: Verkaufen allein reicht nicht mehr

Bonner Perspektiven : Verkaufen allein reicht nicht mehr

Zu viele Filialketten, immer weniger inhabergeführte Traditionsgeschäfte, außerdem gefährden Neubaupläne die bönnsche Gemütlichkeit - über die Innenstadt wird viel geklagt, dabei ist sie besser als ihr Ruf. Sechs Thesen zur Entwicklung der City.

Bonn braucht neue, große Verkaufsflächen wie das Viktoriakarree und die Nordüberbauung

Mancher Händler fürchtet neue Konkurrenz, und mancher Bonner Bürger trennt sich ungern von seiner gewohnten Umgebung, den alteingesessenen Lokalen und Läden. Das ist verständlich.

Trotzdem überwiegen die Chancen bei den Neubauprojekten, auch wenn die einzelne Ausgestaltung diskutabel ist. In die Großflächen könnten neue Einzelhandelsketten wie das Modehaus Peek&Cloppenburg ziehen. Diese Ketten würden Kunden nach Bonn locken, die sonst vielleicht für ihren Einkauf nach Köln gefahren wären und jetzt auch in anderen Bonner Geschäften ihr Geld ausgeben.

Der Online-Handel zwingt die klassischen Geschäfte zum Wandel - überall. Aber Bonn hat zumindest bessere Chancen als andere, seine Innenstadt lebendig zu halten

Die Konkurrenz aus dem Netz ist nicht aufzuhalten. Sie macht den Bonner Einzelhändlern genauso zu schaffen wie deren Kollegen in anderen Städten. Doch Bonn ist, wie zuletzt eine Studie des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) gezeigt hat, bei den Kunden beliebt. Zudem trifft die Abwanderung der Kunden ins Netz Kleinstädte mehr als regionale Zentren.

Bonn kann daher von dem Trend profitieren, dass sich Einzelhändler mehrere Kanäle aufbauen: Selbst reine Internethändler wie Amazon experimentieren mit zusätzlichen Ladengeschäften, Modemarken brauchen Verkaufsfläche in guten Innenstadtlagen zur Imagepflege. Ein Beispiel: Der Staubsauger-Hersteller Vorwerk hat jahrzehntelang nur über Vertreter verkauft. Eine Filiale in Bonn gehört zu den ersten Ladengeschäften, die das Unternehmen eröffnet hat, um den Kunden auf neuen Wegen zu erreichen.

Bonn braucht mehr Veranstaltungen, um Kunden in die City zu locken

Einkaufen allein reicht heute nicht mehr. Die Stadt und die Einzelhändler müssen mehr Veranstaltungen - neudeutsch: Events - anbieten, um Menschen in die City zu holen. Das Verbot der Klangwelle war ein Schritt in die falsche Richtung. Beispiele wie der Weihnachtsmarkt zeigen, wie attraktive Angebote auch kaufkräftige Touristen in die Stadt locken können.

Hier sind die Potenziale noch längst nicht ausgeschöpft, und die Konkurrenz im Umland schläft nicht. Projekte wie die Factory Outlet Center in Bad Münstereifel und Montabaur genauso wie die Neugestaltung des Einkaufszentrums Huma in Sankt Augustin wollen Kaufkraft aus Bonn abziehen.

Staus und knapper Parkraum schrecken vom Besuch der Innenstadt ab

Bonn muss es den Kunden einfacher machen, die Innenstadt zu erreichen. Behinderungen durch Dauerbaustellen und knappe Tiefgaragenplätze wegen Renovierungen schaden dem Einzelhandel. Notwendige Bauvorhaben sollten so koordiniert werden, dass Kunden die City trotzdem stressfrei erreichen können.

Es bringt nichts, Traditionsgeschäften wie Bouvier und Carthaus nachzutrauern und Filialketten zu verteufeln

Die Verdrängung von inhabergeführten Geschäften durch Ketten wird in Bonn überbewertet. Die Mischung aus alteingesessenen Fachgeschäften, inhabergeführten Neueröffnungen und Filialen großer Ketten sieht auch ohne die unter öffentlichem Aufschrei geschlossenen Fachgeschäfte Bouvier und Carthaus in Bonn deutlich besser aus als in vielen vergleichbaren Städten: Es sind internationale Ketten wie Zara, H&M oder TK Maxx vertreten.

Gleichzeitig bestehen in bester Innenstadtlage aber auch traditionelle inhabergeführte Einzelhändler: Es gibt weiterhin Tulpenzwiebeln bei Samen Schmitz am Remigiusplatz, den klassischen Stetson bei Hut-Weber am Markt und Haushaltswaren bei van Dorp am Münsterplatz.

Wenn kleine Läden aufgeben müssen, liegt das oft nicht am Standort Bonn, sondern an Nachfolgeproblemen oder schlicht einem Sortiment, das für die Kunden nicht mehr attraktiv ist. Die Größe der Trauergemeinde um Bonner Traditionsgeschäfte wie Bouvier oder Carthaus übertrifft offensichtlich die Zahl derjenigen, die in diesen Häusern eingekauft haben.

Einzelhandelsketten dagegen gefallen nicht jedem, ihre Anziehungskraft auf Verbraucher ist jedoch unter Experten unbestritten. Auch in der Gastronomie gilt: Am Ende entscheiden die Ausgaben der Kunden über das Angebot.

Leerstände und Wechsel in Ladenlokalen sind kein Zeichen dafür, dass die Innenstadt an Attraktivität verliert

Viele Einzelhändler suchen händeringend Flächen in Bonn. Vor allem größere Läden sind gefragt. Hinter den verhängten Schaufenstern werden in der Regel Flächen für eine neue Nutzung umgebaut.

Beispiel Bouvier: Die Restaurantkette Sausalitos hätte in der ehemaligen Buchhandlung gegenüber der Uni gerne längst ihre angemietete Filiale eröffnet. Seit zwei Jahren steht die Fläche leer. Bonn sei ein besonders attraktiver Standort, heißt es aus der Münchner Sausalitos-Zentrale. Über die Gründe für die Verzögerung hält man sich dort bedeckt.

In Bonner Händlerkreisen heißt es dagegen, ständig neue bürokratische Anforderungen und Stillstand in der Stadtverwaltung hätten für den langen Leerstand gesorgt. Die Stadt räumt auf Nachfrage "Verzögerungen" ein und verweist auf die zahlreichen Vorschriften bei der Umwandlung der Nutzung von Handel zu Gastronomie.

Konkurrenz aus dem Rhein-Sieg-Kreis

Zahlen und Fakten zum Einzelhandelsstandort Bonn

Was macht den Bonner Einzelhandel aus? Zahlen und Fakten auf einen Blick:

Kaufkraft: Die Bonner haben überdurchschnittlich viel Geld. Die statistische Kaufkraft lag im vergangenen Jahr bei 23.825 Euro pro Person und damit deutlich über dem deutschen Durchschnitt (21.179 Euro) und auch über der Kaufkraft des Rhein-Sieg-Kreises mit 22.683 Euro pro Kopf. Als Kaufkraft wird die Summe der Nettoeinkünfte an einem Ort geteilt durch die Zahl der Einwohner bezeichnet. Sie sagt nichts über die Verteilung aus.

Rhein-Sieg-Kreis: Viele Gemeinden um Bonn herum sind gut ausgestattet mit Verkaufsflächen und werden daher als Konkurrenz zur Bonner Innenstadt gesehen. Lag die Verkaufsfläche in Bonn nach neuen Zahlen der Industrie- und Handelskammer Bonn/Rhein-Sieg im Herbst 2013 bei 1,42 Quadratmeter pro Kopf, waren es in Siegburg 2,3 Quadratmeter und in Bornheim 2,72 Quadratemeter.

Das sagen die Besucher: Bei einer Befragung des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH) aus dem Jahr 2014 bewerteten die Menschen die Bonner Innenstadt mit der durchschnittlichen Schulnote 2,5 vergleichsweise positiv. Etwa ein Drittel gab an, von außerhalb der Stadt Bonn in die City gekommen zu sein, die meisten mit Bus und Bahn. 53 Prozent der Innenstadtbesucher kamen zum Einkauf in die Stadt, 30 Prozent zu anderen Freizeitaktivitäten, so das Ergebnis der Befragung.

Mieten: Ein Ladenlokal in Top-Lage wie der Remigiusstraße kostet laut Fachleuten bis zu 130 Euro pro Quadratmeter.

GA-Serie

Die Redaktion des General-Anzeigers greift bis kurz vor der Wahl des Bonner Oberbürgermeisters unter dem Serientitel Bonner Perspektiven Knackpunkte städtischen Lebens auf. In zugespitzten und pointierten Analysen suchen Autoren zusammen mit Experten nach Lösungen für schwierige gesellschaftspolitische Fragen. Die OB-Kandidaten von CDU, SPD und Grünen kommentieren regelmäßig unsere Berichterstattung.

17. August: Erinnerungskultur

19. August: Wohnen in Bonn

21. August: Die Marke Bonn

24. August: Bonn und Berlin

26. August: Beethoven in Bonn

28. August: Sport in Breite und Spitze

31. August: Teure Verwaltung

Heute: Die Innenstadt

4. September: Schwieriger ÖPNV

7. September: Teure Sportstätten