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GA-Serie "Rheinland für Entdecker": Die Geschichte des Koblenzer Festungssystems

GA-Serie "Rheinland für Entdecker" : Die Geschichte des Koblenzer Festungssystems

Vor rund 200 Jahren gehörte das Koblenzer Festungssystem zu den bedeutendsten Befestigungsanlagen Europas. Heute will die Stadt die Überreste für die Öffentlichkeit erlebbar machen. Dafür gibt es Geld vom Bund.

Vom rechten Rheinufer geht es steil bergauf. Mit dem Auto sind die Serpentinen in wenigen Minuten abgefahren, als Fußgänger kann man hingegen ganz schön ins Schwitzen kommen. Und gäbe es nicht ein braun-weißes Hinweisschild, könnte man das Ziel des Aufstiegs glatt verfehlen. Von der Hauptverkehrsstraße führt nur ein unbefestigter, nach Regenfällen ziemlich matschiger Feldweg zu den Resten eines Bauwerks, das für die Stadt Koblenz einst eine große Bedeutung hatte.

Nach wenigen Metern steht der Fußgänger vor der Ruine von Fort Asterstein. Von der preußischen Festung ist nur wenig übriggeblieben. Das gesamte Gelände ist verwildert. Einen Grund, sich hier länger aufzuhalten, gibt es nicht. Das war in der Vergangenheit indes anders - und könnte auch in Zukunft wieder der Fall sein.

Fort Asterstein gehörte einst zum Koblenzer Festungssystem. Zwischen 1815 und 1834 erbaut, waren die Festen, Fleschen, Schanzen, Wälle und Forts eine der bedeutendsten Befestigungsanlagen Europas - mit der Festung Ehrenbreitstein als dem heute bekanntesten Bestandteil. Nach dem Ende der französischen Besetzung und als Ergebnis des Wiener Kongresses 1814/15 wurde Koblenz preußisch - zunächst als Hauptstadt der Provinz Großherzogtum Niederrhein und ab 1822 der preußischen Rheinprovinz, die bis 1947 bestand.

Vor 200 Jahren war Koblenz allerdings "ein Kaff", wie Kunsthistoriker Klaus T. Weber von der Universität Mainz etwas salopp sagt. Weber ist Experte für die Koblenzer Festungsanlagen. Unter anderem hat er darüber promoviert, ganz frisch ist ein Band über Festungen in Rheinland-Pfalz und dem Saarland, den er zusammen mit zwei Autorinnen herausgegeben hat (Verlag Schnell und Steiner).

Laut Weber hatte Koblenz im Jahr 1815 rund 10.000 Einwohner. Dazu kamen bald rund 6000 Soldaten. Koblenz war Weber zufolge ein strategischer Punkt Preußens, der im Kriegsfall lange gehalten werden musste. Daher hätten sich die Preußen in Koblenz "installiert", wie er sagt - sehr zum Unmut der örtlichen Bevölkerung. Protestnoten des Bürgermeisters seien abgebügelt worden. Zugleich war die Anlage innovativ.

Damals moderne Festungstheorien wurden angewandt, mit dem Material experimentiert. Laut Weber wurde etwa das Steinmaterial gezielt beschossen, um die Auswirkungen zu studieren. Auch hätten die Preußen statt auf Sandstein zunehmend auf Ziegel gesetzt. Dafür wurden Fachkräfte aus dem Ausland angeworben, was in diesem Fall aber nur wenige Kilometer entfernte Fürst᠆entümer meinte. Dennoch habe der Zuzug dieser "Ausländer" zu Protesten bei der einheimischen Bevölkerung geführt, erläutert Weber. Warum sollte es auch damals anders als heute gewesen sein?

Mehr zu den Festungen

Die Festungsanlagen wurden indes nie benötigt. Vielmehr verschob sich die deutsche Westgrenze nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 nach Westen: Metz und Straßenburg wurden die vordersten deutschen Festungen. In Koblenz wurden daher ab den 1880/90er Jahren die ersten Fest᠆ungsteile geschliffen. Erst danach konnte sich Koblenz weiter entwickeln. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wurden mehr und mehr Abschnitte der Festungsanlagen abgebrochen. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten einzelne Teile bis in die 1960er Jahre als Notunterkünfte. Heute werden die Reste der Festungen von Fördervereinen betreut. Teils sind sie in einem recht guten Zustand (Fort Großfürst Konstantin, unmittelbar neben dem Hauptbahnhof), teils ziemlich verfallen (Fort Asterstein im gleichnamigen Stadtteil und Feste Kaiser Franz in Lützel).

Da verwundert es nicht, dass Touristen kaum den Weg zu den historischen Bauten finden. "Auch viele Koblenzer kennen sie nicht", sagt Jan Hofmann vom Grünflächen- und Bestattungswesen der Stadt Koblenz. Hofmann ist allerdings auch dafür zuständig, dass sich das einmal ändert. Er ist Leiter des Projekts "Großfestung Koblenz", das zum Ziel hat, den kulturellen, historischen und touristischen Schatz, den die Festungen darstellen, zu heben. Dafür hat die Stadt Koblenz Geld aus dem Bundesprogramm "Nationale Projekte des Städtebaus" erhalten.

"Die Projekte stehen stellvertretend für die Herausforderungen der Stadtentwicklung in Deutschland insgesamt und besitzen eine Ausstrahlung weit über die Region hinaus", sagt Christian Schlag, Referent beim Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung. Nach Schlags Angaben sind für das Koblenzer Projekt fast 2,7 Millionen Euro eingeplant, davon muss die Stadt zehn Prozent selbst aufbringen.

Noch mehr Tipps

Laut Hofmann befasst man sich zunächst mit den Grünanlagen - vornehmlich bei Fort Asterstein und der Feste Kaiser Franz. Es sollen Sichtachsen zwischen den Festungsteilen hergestellt, ein Wegeleitsystem entwickelt und die Anlagen an die touristischen Höhepunkte von Koblenz angebunden werden. Aus den verwilderten Grünanlagen sollen "Parks mit Aufenthaltsqualität" werden, Geschichtsparks, erläutert Andreas Drechsler, Leiter des Grünflächen- und Bestattungswesens.

"Wohnquartiere brauchen Freiräume", ergänzt er. Die Pläne für die Neugestaltung der Flächen stammen vom Büro Franz Reschke Landschaftsarchitektur aus Berlin, das sich in einem Wettbewerb durchgesetzt hatte. Ab Herbst 2018 soll gebaut werden. "Wir müssen 2019 fertig sein", sagt Drechsler mit Blick auf die Fristen des Förderprogramms. Später - wohl erst viel später - sollen auch die Gebäude umfassend hergerichtet werden, wofür die Stadt laut Hofmann aber viel mehr als 2,7 Millionen Euro benötigen würde. Laut Drechsler zeigt aber das Beispiel der Festung Ehrenbreitstein, die sich im Landesbesitz befindet, welchen Erfolg eine sanierte Festung haben kann. Man dürfe daher nicht die Frage stellen, wann sich solche Investitionen amortisieren. "Es handelt sich um Kulturgüter für die Allgemeinheit", betont er. Die Festungsteile seien für Koblenz identitätsstiftend.

Nach Ansicht von Kunsthistoriker Klaus T. Weber ist die Festungsanlage zwar eine "reine Funktionsarchitektur", allerdings mit einer besonderen Ästhetik. Sie sei "Zeugnis einer überholten Geschichte" und wie ein Mahnmal an eine militaristische Zeit, die man in Deutschland nicht mehr haben wolle.