Premiere im Jungen Theater Bonn Frech und furchtlos

Bonn · Sie macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt: Andreas Lachnit inszeniert „Pippi Langstrumpf“ im Jungen Theater Bonn. Das gefällt dem Publikum.

 Jeder verrückte Einfall, jedes Duell wird ins rechte Licht gesetzt.

Jeder verrückte Einfall, jedes Duell wird ins rechte Licht gesetzt.

Foto: Junges Theater

Zwei mal drei macht vier, widdewiddewitt und drei macht neune, ich mach' mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.“ Bei Pippi Langstrumpf geht jede Rechnung auf. Seit mehr als siebzig Jahren behauptet sich Astrid Lindgrens erste Heldin in einer Kinderbuchwelt voller Prinzessinnen, Elfen und Einhörner und nimmt auch keinen Schaden, wenn erwachsene Fans aus der Autonomen- oder Punkszene sie vor ihren Karren spannen wollen.

Im Jungen Theater Bonn (JTB) ist Pippi einfach nur Pippi. Andreas Lachnit hat die von Moritz Seibert überarbeitete Bühnenfassung als kindgerechtes, villakunterbuntes Spektakel mit viel Bewegung und Situationskomik in Szene gesetzt. Dazu gehört eine Hauptdarstellerin wie aus dem Bilderbuch: Andrea Brunetti ist Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf, eine, die in der Schule über Tisch und Bänke geht und damit die altjüngferliche Schreckschraube Frau Prysselius (fabelhaft: Giselheid Hoensch) zur Verzweiflung treibt.

Eine, die mit den Füßen auf dem Kopfkissen schläft, auf Autoritäten pfeift und die Staatsmacht in Gestalt zweier trotteliger Dorfpolizisten mit einer Leichtigkeit vorführt, die sogar Thomas und Annika ihre gute Kinderstube vorübergehend vergessen lässt. Auf dem Jahrmarkt stemmt das stärkste Mädchen der Welt den Preisboxer in die Luft, und auch daheim wird sie mühelos mit ihm fertig, als er mit seinem Kumpan in die Villa Kunterbunt einbricht, um den Koffer voller Goldstücke zu klauen. Klar, dass sie die beiden Gauner nicht mit leeren Händen ziehen lässt. Denn Pippi ist nicht nur frech und furchtlos, sondern auch großzügig und großherzig. Und so quirlig und körperbetont Brunetti ihre Rolle ausfüllt – sie überzeugt auch in den leisen Momenten, die dem schnellen Stück die nötigen Atempausen geben: wenn sie ihren verschollenen Piratenvater herbeisehnt, wenn sie aus der Schule geworfen wird, als sie am Ende eine schwere Entscheidung treffen muss. Das Leben ist auch in Pippis Welt nicht immer eine Sahnetortenschlacht.

Aber mit Tommy (Bernard Niemeyer) und Annika (Katharina Felschen) hat sie zwei treue Freunde, die nach zaghaftem Beginn immer mehr ihr eigenes Profil entdecken – ganz zu schweigen von Herrn Nilsson und Kleiner Onkel, die auch tüchtig mitmischen. Variabel, bunt und ein bisschen schräg, so kommen Bühne, Kostüme und Ausstattung in gewohnter JTB-Qualität daher.

Jeder verrückte Einfall, jedes Duell wird ins rechte Licht gesetzt, ohne die Fantasie der Zuschauer zu unterfordern. Und als würden Fenster, Leitern und Drahtseile das Ensemble nicht schon genug auf Trab halten, müssen die Spieler auch noch singen und tanzen.

Moritz Seibert, Uwe Vogel und Stephan Witt haben dem Originalsong neue Lieder an die Seite gestellt, die das langstrumpfige Lebensgefühl ebenso gut einfangen wie die spritzige Choreografie von Bernard Niemeyer. „Jeder Mensch ist anders, das ist ganz normal, davon stürzt die Welt nicht ein“, singen Pippi und Co., und alle stimmen zu. Dennoch wünschen sich vielleicht ein paar Eltern im begeistert applaudierenden Publikum, sie hätten beizeiten eine Krummelus eingeworfen und sich damit das Anderssein durch Erwachsenwerden erspart.

Die nächsten Vorstellungen: 6., 12., 13., 20. und 21. November. Karten gibt es in den Bonnticket-Shops der GA-Zweigstellen.

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