Betrachtung zum Lehramtsstudium Lehramt bedeutet kein Studium zweiter Klasse

Bonn · Angehende Lehrer hätten es leichter als ihre Kommilitonen, heißt es. Stimmt nicht, meint unsere Autorin - auch wenn die Gerüchte sich hartnäckig halten.

 Alle in einer Vorlesung: Oft sitzen angehende Lehrer sowie Bachelor- und Masterstudenten ohne fachdidaktische Ausbildung in exakt den gleichen Veranstaltungen.

Alle in einer Vorlesung: Oft sitzen angehende Lehrer sowie Bachelor- und Masterstudenten ohne fachdidaktische Ausbildung in exakt den gleichen Veranstaltungen.

Foto: picture alliance / dpa

Was müssen sich Lehramtsstudenten nicht alles anhören – sie haben weniger Kurse, die Pädagogik-Anteile seien ein Witz und ihr Fachstudium auch nicht wirklich anzuerkennen. Spätestens seit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System hat sich aber auch für Lehramtsstudierende einiges verändert – zumindest in Nordrhein-Westfalen.

Bayern und Baden-Württemberg halten nach wie vor am alten System fest, ihre Absolventen beenden das Studium mit dem ersten Staatsexamen. Was bringt die Umstellung auf Bachelor und Master – wie sie auch an der Uni Bonn stattgefunden hat – nun im Einzelnen? Die traurige Bilanz: recht wenig. Den Bachelor-Abschluss erkennen viele Unis immerhin als gleichwertig mit einem „Fach“-Bachelor an, so dass man sich theoretisch auch mit einem Lehramts-Bachelor auf Jobsuche begeben oder einen Fach-Master anschließen kann.

Für alle anderen heißt es nur: Nach sechs Semestern Regelstudienzeit, also nach etwa drei Jahren, beginnt das Bewerbungsprozedere von vorne – in der Schule unterrichten darf nur, wer den Master abgeschlossen hat. Mit einem Bachelor kann man bestenfalls in einem Nachhilfeinstitut arbeiten.

Mittlerweile gibt es an der Universität Bonn die Regelung, dass jeder Bachelor-Absolvent mit einem Abschluss von mindestens 3,0 seinen Masterplatz in Bonn sicher hat. Die ursprüngliche Idee, dass man schon mit einem Bachelor arbeiten kann und es nicht für jeden einen Masterplatz gibt, ist für das Lehramtsstudium hinfällig. Auch inhaltlich haben es die Studierenden nicht unbedingt besser: Vor allem unter den Geisteswissenschaftlern war es üblich, Seminare aller erdenklichen Fachrichtungen zu belegen, anstatt stumpf den Studienverlaufsplan abzuarbeiten.

Wer sich für Veranstaltungen anderer Fächer interessiert oder darin gar Prüfungen ablegen möchte, hat es nicht leicht. Dabei sind auch die Wahlmöglichkeiten oft sehr beschränkt: Viele Module müssen in einer bestimmten Reihenfolge absolviert werden, werden nur in einem bestimmten Turnus angeboten oder überschneiden sich mit anderen Veranstaltungen – Probleme, die seit der Bologna-Reform aber Studierende aller Fächer betreffen.

Gleiche Prüfungsleistungen

Von ihren Kommilitonen werden Lehramtsstudenten oft belächelt, schließlich haben sie es ja – vermeintlich – leichter. Erste Zweifel entstehen schon, wenn man berücksichtigt, dass oft Vertreter beider Studienrichtungen – Lehramt und Nicht-Lehramt – in exakt den gleichen Veranstaltungen sitzen und nicht selten auch die gleichen Prüfungsleistungen erbringen müssen. Vor allem in den naturwissenschaftlichen Fächern gibt es daher inzwischen Ausnahmeregelungen und auch andere Anforderungen für angehende Lehrer. Ähnlich bei den Geisteswissenschaften: In Geschichte beispielsweise müssen sie keinen Kurs zur Quellenübersetzung belegen.

Deshalb haben Lehramtsstudenten aber keineswegs mehr Freizeit und ein angenehmeres Leben als ihre Kommilitonen. Neben den fachlichen Veranstaltungen studieren sie Bildungswissenschaften und absolvieren Fachdidaktik-Kurse in beiden Fächern. Wie praxisnah diese sind, und inwieweit jeweils ein einsemestriges Seminar zur Fachdidaktik in drei Jahren Studium eine Basis für den späteren Berufsalltag legen kann, sei mal dahingestellt.

Während der Semesterferien stehen im Zuge der Praxisorientierung aber noch drei Praktika im Studienverlaufsplan, mindestens zwei davon in der Schule, natürlich allesamt unbezahlt. Ähnlich geht es im Master weiter: Hier macht zwar die Fachdidaktik einen erheblich höheren Anteil des Studiums aus, aber das Praxissemester, mit dem sich NRW so rühmt, ist streng genommen eine Mogelpackung.

Bezahlung erst im Referendariat

Der Traum vieler Lehramtsstudenten, die es bis zum dritten Mastersemester geschafft haben, zerplatzt. So sollen sie Unterricht und Schule wissenschaftlich beobachten – vom praktischen Umgang mit Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeiten, Hochbegabung und anderen Phänomenen bleiben sie verschont. Unterrichten sollen die Studierenden zwar, aber Referendare sind sie erst nach ihrem Masterabschluss – und auch dann erst werden sie überhaupt bezahlt.

Auf diese Weise spart das Land NRW ein halbes Jahr das Gehalt junger Lehramtsanwärter ein. Dank des Praxissemesters dauert das Referendariat hierzulande nur noch anderthalb Jahre. Allerdings wird der Praxisschock dann nicht ganz so groß sein – ein Semester fast täglich in der Schule schadet angehenden Lehrern in jedem Fall wohl kaum.

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