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Interview mit Astronautin Insa Thiele-Eich: „Manche Frauen gehen auf dem Zahnfleisch“

Interview mit Astronautin Insa Thiele-Eich : „Manche Frauen gehen auf dem Zahnfleisch“

Die Bonner Meteorologin Insa Thiele-Eich könnte 2020 als erste deutsche Astronautin zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Die 33-Jährige wagt sich aber auch auf Slammer-Bühnen: 2015 gewann sie den Science Slam der Bonner Frauenserviceclubs. Mit Insa Thiele-Eich sprach Ebba Hagenberg-Miliu.

Sie sind Naturwissenschaftlerin und tüfteln im Labor. Aber Sie sind in Bonn auch schon als Slammerin aufgetreten ...

Insa Thiele-Eich: Ja, zum Beispiel beim Science Slam der Frauen-Förderclubs 2015 im LVR-Museum. Da war ich zuerst schon aufgeregt, aber das legte sich dann. Man muss halt spontan reagieren und mit dem Publikum interagieren. Ein schönes Event. Zum Schluss haben wir Teilnehmerinnen sogar noch beschlossen: Wir teilen den Preis unter allen.

Wie haben Sie überhaupt Ihr Slam-Talent entdeckt?

Thiele-Eich: Ich finde es wichtig, die eigenen Ergebnisse auch mit der Öffentlichkeit zu teilen. Dafür finde ich das Format Science Slam sehr geeignet. Ob ich eine talentierte Slammerin bin, müssen allerdings die Zuschauer beurteilen.

Kommen wir zu Ihrer großen Leidenschaft fürs Weltall. Sie könnten die erste deutsche Astronautin werden. Wann geht die Ausbildung los?

Thiele-Eich: Sie beginnt voraussichtlich im Sommer. Zunächst geht es im August nach Russland für Parabelflüge, dann folgen Tauchschein und Flugschein.

Wenn die dafür nötigen Gelder zusammenkommen und Sie auch noch die letzte Hürde schaffen: Wann würde der Flug stattfinden?

Thiele-Eich: 2020, und wir werden zehn bis 14 Tage im Shuttle unterwegs sein. Und auch eine solche Kurzzeitmission bringt wissenschaftliche Projekte voran. Mit wem wir dann fliegen, ist allerdings noch nicht klar, vermutlich mit den Russen. Deshalb braucht man dann auch einige russische Sprachkenntnisse.

Sie wären als Meteorologin an Bord. Was wären Ihre Aufgaben?

Thiele-Eich: Die Astronautin wird als Wissenschaftsastronautin auf der ISS eingesetzt. Erste Projekte zur Raumfahrtmedizin sind bereits bei der Charité in Planung. Sicherlich werden auch viele Experimente gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern konzipiert und durchgeführt, denn es geht bei dieser Kampagne ja auch darum, Kinder für die Naturwissenschaften zu begeistern.

Und an was arbeiten Sie derzeit im Meteorologischen Institut der Uni Bonn?

Thiele-Eich: Ich bin wissenschaftliche Koordinatorin bei einem Sonderforschungsbereich der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG, der sich mit Grundlagenforschung zur Interaktion zwischen Boden, Vegetation und Atmosphäre befasst. Es geht um Forschung für eine verbesserte Wetter- und Klimavorhersage.

Und gleichzeitig schreiben Sie noch an Ihrer Doktorarbeit?

Thiele-Eich: Ja, ich untersuche die Auswirkungen des Klimawandels auf Überschwemmungen in Bangladesch. Die Basisversion ist schon abgesegnet. Ich stecke also in der allerletzten Phase der Arbeit und muss sie zum Schluss noch verteidigen.

Sie sind die Tochter des ESA-Astronauten Gerhard Thiele und arbeiten auch mit Daten, die er im Jahr 2000 von der „Shuttle Radar Topography Mission“ mitbrachte ...

Thiele-Eich: Stimmt. Das ist natürlich schön, dass ich heute auch die kartographischen Daten meines Vaters nutzen kann. Ich erinnere mich noch, wie ich als Jugendliche stolz war, dass er, nachdem er bei der D2-Mission schon „Back up“, also Ersatzmann, gewesen war, nach jahrelangem Training die Chance bekam, mitzufliegen. Das war für mich ein eindrückliches Erlebnis, das hat mich emotional sehr bewegt.

Wie bei Ihrem Astronautinnen-Projekt geht es auch beim kommenden Bonner ScienceSlam um die Förderung von Frauen. Warum sind Vorbilder so wichtig?

Thiele-Eich: Das merkt man besonders da, wo Vorbilder fehlen – es gibt zum Beispiel kaum Professorinnen mit Kindern. Da frage ich mich als junge Wissenschaftlerin natürlich, ob sich so ein Beruf überhaupt mit Familie verbinden lässt.

Was müsste sich also ändern? Sie selbst haben zwei kleine Töchter.

Thiele-Eich: Ich selbst habe Glück. Mein Chef und mein Umfeld sind sehr familienfreundlich. Aber ich kenne Frauen, die gehen auf dem Zahnfleisch, um Beruf und Familie miteinander verbinden zu können. Ich fände es schön, wenn es möglich wäre, dass mehr Frauen und Männer Teilzeit arbeiten könnten. Das müssen sie natürlich auch äußern. Und wenn mehr Arbeitgeber offen dafür wären, flexible Modelle auszuprobieren.

Homepage von Insa Thiele-Eich: www.dieastronautin.de