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Bahnstrecke der S 23: Mängel: Bahn selbst "schockiert"

Bahnstrecke der S 23 : Mängel: Bahn selbst "schockiert"

Die Kritik an den Zuständen auf der Bahnstrecke Bonn-Euskirchen (S 23) reißt nicht ab. Das bekamen Vertreter der Bahn-Tochter DB Regio und des Zweckverbands Nahverkehr Rheinland (NVR) am Dienstag im Planungs- und Verkehrsausschuss des Rhein-Sieg-Kreises zu spüren.

Alle Fraktionen monierten die Qualität der neuen Züge, die Verspätungen und Zugausfälle, übten aber auch an der Konstruktion des Fahrplans Kritik. Teilweise wurden auch die Ausschreibungsmodalitäten für Bahnstrecken in Frage gestellt - zumal es nicht das erste Mal ist, dass Bahn und NVR im laufenden Betrieb Mängel ausbügeln müssen. Das ist seit 2012 auch auf der Siegstrecke der Fall, wo ursprünglich zu kleine Züge bestellt wurden.

Seit dem Fahrplanwechsel Mitte Dezember sind auf der Voreifelstrecke alle vier neuen Haltepunkte (Auf dem Hügel, Helmholtzstraße, Impekoven, Rheinbach-Römerkanal) in Betrieb. Die neuen Züge vom Typ Coradia Lint fielen bislang durch technische Probleme auf, etwa in Form von losen Heizschläuchen, defekte Getriebe oder durch nur sehr langsam öffnende Türen. Folge: verlängerte Fahrzeiten, Verspätungen, Ausfälle, verpasste Anschlüsse.

Die Pendler sind stinksauer - zurecht, wie Vertreter der Kreistagsfraktionen betonten. "Wir müssen aufpassen, dass uns die Fahrgäste nicht flöten gehen", warnte Oliver Krauß (CDU). "Es ist unglaublich, dass nicht ausreichend getestete neue Züge auf die Schiene geschickt werden", protestierte Dietmar Tendler (SPD). "Der neue Zug ist nicht schnell genug, er kann den in der Ausschreibung geforderten Fahrplan nicht einhalten", erklärte Michael Schroerlücke (Grüne). Und Friedrich-Wilhelm Kuhlmann (FDP) verwies auf große Abstände zwischen dem neuen Bahnsteig und dem neuen Zug in Impekoven: "Für Menschen mit Handicap ist das ein Problem."

Dirk Helfert, Leiter der Abteilung Verkehrsbetrieb Rheinland bei der DB Regio, zeigte sich selbst "komplett schockiert" über die technischen Mängel am Coradia Lint. "Wir sind mit dem Hersteller Alstom intensiv im Gespräch", sagte er. Bislang seien der Firma 455 Anträge aufgrund von Gewährleistungsmängeln vorgelegt worden, so Helfert weiter. Etwa bei der Hälfte der Fahrzeuge sei bislang nach Rückrufaktionen das jeweilige Problem überarbeitet worden, der Rest folgt noch.

Die Bahn kann den Hersteller für die Pannen und Ausfälle in Regress nehmen, muss ihrerseits aber auch Vertragsstrafen an den NVR entrichten - sogenannte Pönale. Der NVR hat laut Geschäftsführer Norbert Reinkober auf diese Weise im vergangenen Jahr "einen fast zweistelligen Millionenbetrag" eingenommen. Das Geld soll den Fahrgästen im gesamten Verbundgebiet zugute kommen, etwa in Form von Zusatzangeboten.

"Unterm Strich zahlen wir bei diesem Geschäft drauf", sagte Helfert. Er verwies darauf, dass auch die Bahn nachgebessert habe: etwa bei der Fahrgastinformation oder durch zusätzliches Personal beim morgendlichen Betriebsbeginn. Denn die technischen Probleme machen sich vor allem beim Start der Fahrzeuge bemerkbar.

Der Forderung von Oliver Krauß, das schnellere - seit 1998 eingesetzte - Zugmodell "Talent" auf der Strecke einzusetzen, erteilte Helfert eine Absage: "Das wäre keine Dauerlösung, weil die entsprechenden Motoren in Zukunft nicht mehr gebaut werden."

Unwahrscheinlich ist auch der Einsatz eines Sprinterzugs zwischen Bonn und Euskirchen, der bestimmte Haltepunkte auslässt: Das wäre gerade nach dem Bau der neuen Bahnhöfe ein falsches Signal, warnte Reinkober. Außerdem würde solch ein Zug unterm Strich keine Fahrzeit gewinnen, weil das die teilweise noch eingleisige Strecke nicht hergibt.

So bestand denn auch Einigkeit zwischen Ausschuss, NVR und DB Regio darüber, dass nur der durchgehende zweigleisige Ausbau und die Elektrifizierung der Strecke Abhilfe schaffen können. Beides ist jedoch noch lange nicht in Sicht.

Ähnliche Probleme auf der Siegstrecke

Kapazitätsprobleme und technische Mängel an neuen Zügen - damit ärgern sich nicht nur die Fahrgäste der Voreifelstrecke herum. Auch die Pendler der Siegstrecke (Regionalexpress 9, Siegen-Aachen) können ein Lied davon singen. Dort setzt die DB Regio seit 2012 den Talent 2 ein, der fast zwei Jahre später als geplant ausgeliefert wurde.

Es zeigte sich schnell, dass die neuen Züge das Fahrgastaufkommen nicht bewältigen können: Der NVR hatte bei der Ausschreibung den Bedarf unterschätzt. Als der Talent 2 wegen Mängeln immer wieder in die Werkstatt musste, verschärfte sich die Situation auf der Strecke.

NVR und DB Regio besserten beim Platzangebot wiederholt nach, zuletzt beim Fahrplanwechsel im Dezember. Inzwischen fahren zwei zusätzliche Doppelstockzüge. Außerdem wurde die S 13 (neuer Name: S 19) in Spitzenzeiten von Troisdorf nach Hennef verlängert, so dass das S-Bahn-Angebot verdichtet wurde.

Fahrgastverband fordert Entschädigung

Geht es nach dem Fahrgastverband Pro Bahn sollte die Deutsche Bahn (DB) Regio NRW die von Ausfällen und Verspätungen betroffenen Reisenden schleunigst entschädigen.

"Der zwischenzeitlich entstandene Schaden für die Betroffenen ist immens: viele Stunden Zeitverlust, geplatzte Termine, volle Züge, in die niemand mehr hineinpasst, und oft langes Warten an zugigen Bahnsteigen ohne die notwendigen Informationen", sagt Klaus Groß, Vorsitzender von Pro Bahn Rhein-Sieg. Viele Pendler benutzten zurzeit lieber ihre Pkw, obwohl sie teure Job-Tickets oder Monatstickets im Abo besäßen.

Daher fordere Pro Bahn von der DB Regio NRW eine Entschädigung in Form einer Treueprämie, die bei Abo-Kunden 100 Euro nicht unterschreiten sollte, so Groß, und weiter: "Zudem muss die DB unverzüglich bis zu einer anderen Lösung ersatzweise Altfahrzeuge einsetzen."