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Gier regiert die Welt: Bundeskunsthalle zeigt Ausstellung über Kapitalismus

Gier regiert die Welt : Bundeskunsthalle zeigt Ausstellung über Kapitalismus

Wirr, aber kurzweilig: Bonner Bundeskunsthalle zeigt die faszinierende Ausstellung „Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo“. 250 Exponate kreisen das komplexe Thema ein.

Die dem linken SPD-Flügel zugehörige Andrea Nahles, ehemalige Parteichefin, wurde 2007 im Interview gefragt: „Ist ‚Kapitalist’ für Sie ein Schimpfwort?“ Sie antwortete: „Ja klar. Kapitalist, das ist ein negativer Begriff. Ein Kapitalist ist jemand, der die gesellschaftlichen Interessen hinter seine eigenen Profitinteressen stellt.“ In der Bonner Bundeskunsthalle ist man einen Schritt weiter: Da heißt die aktuelle Ausstellung „Wir Kapitalisten. Von Anfang bis Turbo“. Wir alle sind also Kapitalisten, bedienen das Klischee des Egoisten und Verschwenders, das der Gier und der Ellenbogenmentalität. Die DNA des Kapitalismus sei zu unserer geworden, erklärt die Schau ganz zu Beginn, Kapitalismus, das sei mehr als nur eine Wirtschaftsordnung, es sei ein Gesellschaftssystem, das uns seit Generationen geprägt habe.

Wobei die Kuratoren der Ausstellung, Wolfger Stumpfe und Henriette Pleiger, sich nicht auf die heiße Phase ab dem 18. Jahrhundert beschränken, sondern bis zurück in die Renaissance gehen. Und dabei mit 250 Exponaten die Bausteine des Kapitalismus, den Rationalismus und die Effizienz, den Individualismus, die Akkumulation und  Geldwirtschaft, die Verquickung von Wirtschaft und Religion, den Luxus, die Beschleunigung, den Faktor Mensch und den Charme von Krisen nach und nach abarbeiten. Ganz am Ende sind – arg knapp – auch die Auswüchse und Verwerfungen des Kapitalismus ein Thema.

Das klingt alles recht verkopft und passt eher zu dem Buch, das die Bundeszentrale für politische Bildung zur Schau herausgebracht hat und das sehr klug, relativ ideologiefrei und mit einem Hauch von Ironie das Thema „Wir Kapitalisten“ einkreist. Da hat es die Ausstellung schwerer, die streckenweise Mühe hat, die Thesen an der Wand passend und mehr oder weniger sinnfällig zu illustrieren. Die Schau wird Opfer des Diktats der absoluten Verknappung. Manches gerät dabei unfreiwillig komisch, etwa die Denkbrücke vom Heiligenschein des Johannes des Täufers zur Münze und zum kreisrunden Zugang zur First National Bank, wie Margaret Bourke-White ihn 1929 fotografierte – das Ganze, um die Korrelation von Kapital und Kirche zu illustrieren.

Wie ein Warenlager von Amazon

Es gibt aber auch hochinteressante und hochkarätige Exponate in diesem extrem kargen und funktionalen Ausstellungsdisplay, das mit seinen orangen Metallregalen wie ein Warenlanger von Amazon anmutet. Was ja auch eine Aussage ist: Im Kapitalismus wird alles zur Ware, ist alles verfügbar, soweit die Kasse stimmt. Die Regaloptik hebt alle Hierarchien auf: Man findet dort eine kunstvolle Federzuguhr aus dem frühen 16. Jahrhundert und einen Achtfachen Escudo von Philipp V., der im 18 Jahrhundert Zahlungsmittel in Peru war, Angela Merkels Siemens-Handy aus dem Bonner Haus der Geschichte und eine Kreuzabnahme Christi (um 1540) aus dem Victoria & Albert Museum. Jedes Exponat ist mehr oder weniger zwingend mit dem Thema Kapitalismus verwoben.

Beispiel Merkels Mobiltelefon: Es steht gleichermaßen für den Einzug modernster Technologien in den Bundestag wie für deren Entzauberung. Bereits nach kurzer Zeit mutet das einst moderne Handy wie ein archaisches Fossil an. Objekte wie dieses werden nur selten unbrauchbar, „weil ihre stoffliche Substanz irreparabel ist, sondern weil Technologie oder Mode sie überholen – und manchmal auch, weil Hersteller bei der Fertigung einen baldigen Neukauf einkalkulieren, zum Beispiel durch eine Akkubatterie, die nicht separat austauschbar ist“, liest man im schlauen Begleitbuch. Dieses Exponat vereinigt also alle Ingredienzien, die zu einem kapitalistischen Prozess gehören. Es gibt viele weitere solcher Objekte, außerdem Kunstwerke von Andreas Gursky, Martin Parr, Olaf Nicolai, Klaus Staeck, Duane Hanson und anderen, die einzelne Themenfelder vertiefen.

Anfang des Kunstmarktes

Wobei wir beim Kunstmarkt wären, dem ein leider ultra knapp geratenes Kapitel gewidmet ist. Der Kunstmarkt ist, so erfahren wir, ein Kind des Frühkapitalismus mit enger Verbindung zur Kirche: Kanoniker der Liebfrauenkirche in Antwerpen sahen 1460 eine Einnahmequelle durch den Verkauf von Kunstwerken. In den folgenden Jahrhunderten, insbesondere dank der Prosperität der Bürger, wurde der Kunsthandel zum lukrativen Geschäft. Auch für Künstler. Rosa Bonheur etwa, eine heute nahezu unbekannte Künstlerin, verkaufte 1855 mit 33 Jahren ein fünf Meter breites Bild des Pariser Pferdemarktes für 40 000 Francs, konnte sich dafür ein kleines Schloss in Fontainebleu kaufen. In der Bundeskunsthalle hängt von ihr „Weidewechsel“, eine romantische Idylle mit Schafen. Ein Bild von einem Schafskopf erwarben hingegen Christa Sommerer und Laurent Mignonneau bei einer Auktion. Um den aktuellen Wert des Gemäldes zu beziffern, brachten sie einen Sensor und eine Kassenrolle an: Die Zeit des Betrachtens wird gemessen, ein gewisser Geldbetrag addiert. So wird das Bild immer teurer. Wie schön, wenn die Mechanismen des Kunstmarkts so simpel wären.

Kapitalismus als Spiel

Der Kapitalismus funktioniert perfider, wie das „Kapitalismus-Game“ von Gamelab (Humboldt-Universität, Berlin) im Rahmen der Schau zeigt. Zuerst verkauft man an einem Kassenautomaten seine Emotionen, bekommt dafür Egopunkte und kann sich mit denen via Smartphone Exponate der Schau virtuell kaufen. Nicht, um sie zu besitzen, sondern, um einen Chat mit ihnen zu halten. Ich debattierte mit Karl Marx, sehr interessant und kurzweilig.

Irgendwann sind die Ego-Dollars aus und die so wirre, wuselige wie kurzweilige Ausstellung vorbei. Dann gibt das „Kapitalismus-Game“ seine Bewertung preis. Am Ende winkt ein Gewinn – ein auf das persönliche Konsumverhalten zugeschnittenes Virtual Reality-Erlebnis.