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Premiere im Haus der Bildung: Die Kampflinie ist überall

Premiere im Haus der Bildung : Die Kampflinie ist überall

Premiere: Literaturhaus Bonn startet am Donnerstag im Haus der Bildung mit Ralf Rothmann.

"Ich komme wegen einem Kameraden. Er sitzt im Rübenkeller", sagt der 17-jährige Walter, der all seinen Mut zusammengenommen genommen hat, zu Sturmbannführer Domberg. Der wütet darauf: "Wie können Sie in meiner Kompanie sein, wenn Sie Schwierigkeiten mit der elementaren Grammatik haben?" Und später: "Er macht etwas mit uns, dieser Genitiv. Er verändert die Haltung. Die Prismen der Geschichte, des Tages letzter Schein (...). Der verfeinert unsere Seelen, junger Mann, und lehrt uns, was geistiger Adel bedeutet. Der Vorsatz, nichts schleifen zu lassen und nicht nur den leichtesten Weg zu gehen, das ist der Genitiv! Kapiert?"

Wir befinden uns hier nicht in einem germanistischen Seminar, sondern wenige Wochen vor dem Zusammenbruch Nazi-Deutschlands hinter den Kampflinien in Ungarn, unweit von Györ. Das Land liegt in Trümmern. Wir befinden uns mitten in Ralf Rothmanns brillantem, erschütterndem Roman "Im Frühling sterben". Der bizarre grammatikalische Diskurs wird immerhin dazu führen, dass Walter seinen Fehler bemerkt und Domberg ein aufatmendes "Also bitte, noch ist Deutschland nicht verloren" entfährt - in der betreffenden politischen Situation nicht frei von unfreiwilliger Komik. Doch der Leser lacht nicht, denn Walters Freund, um den er sich bis zur Selbstaufgabe einsetzte, wird am Morgen darauf wegen Desertion erschossen.

Mit Rothmanns fesselndem Roman, mit einer Lesung des Autors, schlägt das Literaturhaus Bonn am Donnerstag ein neues Kapitel auf: Rothmann ist Gast der Premiere im Haus der Bildung, in dem das Literaturhaus ein Büro bezogen hat und im Saal Lesungen veranstalten kann. Rothmann ist überhaupt im diesjährigen Programm ein Höhepunkt. Sein Buch ist breit gelobt worden. Für manchen Kritiker war "es das Buch des Jahres".

Nun, es ist zumindest ein großartig geschriebenes, unglaublich spannendes Buch mit intensiven, brachialen Bildern, die nicht aus dem Kopf gehen wollen. Es gibt Passagen, die ganz stark an Francis Ford Coppolas Endzeit-Kinodrama "Apocalypse Now" erinnern, wobei Rothmann ohne Pathos und Heroisierung auskommt.

Er zeigt den Krieg als surreale Maschinerie ohne Sinn und ohne realistisches Ziel. Der Krieg als permanenter Seelenzustand, als unheimliche (durch Menschen entfachte) Naturgewalt, gegen die sich aufzulehnen, viele keine Kraft mehr haben. Das militärische System greift nicht mehr, Taktik und Strategie sind obsolet. Was noch mehr oder weniger existiert, ist der blinde Gehorsam. "Meine Ehre heißt Treue" steht auf den Koppelschlössern der SS-Soldaten, mit dieser Devise haben sie in den Tod zu gehen. Es gibt keine klar definierte Front mehr. Wohl eine Kampflinie, doch gekämpft wird überall. Rothmann beschreibt, wie diese Front sich vom Feind-Freund-Konflikt entfernt und sich nun quer durch die Gesellschaft zieht, in der - "Feind hört mit!" - keiner mehr den anderem traut.

"Im Frühling sterben" erzählt mit deutlicher, unverschnörkelter Sprache von Marodeuren hinter den Linien, von Scharfmachern, die in den letzten Kriegswochen noch vermeintliche Verräter oder Deserteure aufhängen oder erschießen lassen, von Offizieren, die ihren kampfmüden Truppen Handgranaten in die Hacken werfen, um sie an die Front zu treiben, von verrohten, enthemmten deutschen Soldaten, die Landbewohner zu Partisanen erklären und aufs brutalste massakrieren. Rothmann schildert eine Gesellschaft in moralischer Auflösung. Er erzählt von Soldaten, die im Suff ihr Heil suchen, im Kreislauf von Pervitin (die "Wunderpille", die tagelang wachhält und heute als Chrystal Meth verkauft wird) und Valoron zu überleben versuchen.

Der Roman beginnt mit einer Bestandsaufnahme der kleinen und nicht mehr so beschaulichen Welt der jugendlichen Melker Walter Urban und Friedrich "Fiete" Caroli in Norddeutschland. Er schildert diese brüchige Idylle aus der Perspektive der 17-Jährigen, die fasziniert sind von Rang- und Parteiabzeichen, Uniformdetails und Waffen, Insignien der Männerwelt - gleichwohl sind sie genervt vom schnarrenden, autoritären Befehlston der Alten. Dass der Iwan im Osten, der Tommy im Westen und der Ami im Süden unaufhaltsam vorrücken, das wissen auch sie. Sie haben von Toten gehört, sehen auch die Kriegsversehrten, die Witwen. Der "Endsieg" ist nur noch eine Floskel. Doch der Zweifel daran kann tödlich sein. Rothmann begleitet die beiden zu einer SS-Werbeshow, die in einer Mischung aus Reality-Berichten und Propaganda das Auditorium fesselt, einen unmenschlichen Druck aufbaut, den sich Walter und Fiete nicht entziehen können. Sie melden sich in den letzten Kriegswochen freiwillig zur SS.

Ralf Rothmann: Im Frühling sterben. Suhrkamp, 233 S., 19.95 Euro. Rothmann liest am Donnerstag, 22. Oktober, 19.30 Uhr im Saal im Haus der Bildung, Mülheimer Platz 1