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Dennis Lehane: "Am Ende einer Welt": Im Geisterzug der Ermordeten

Dennis Lehane: "Am Ende einer Welt" : Im Geisterzug der Ermordeten

Joe Coughlins blutige Vergangenheit ist nur noch ein Raunen in der Öffentlichkeit. Ende 1942, ein Jahr nach Pearl Harbor, organisiert er als honoriger Unternehmer rauschende Benefiz-Feste in Tampa und lässt mehr als ein paar Dollar auf Krankenhäuser, Bibliotheken und Suppenküchen herunterregnen.

Mit dem grimmigen Meisterwerk "In der Nacht" hatte Dennis Lehane seinen zwielichtigen Helden ins vermeintlich letzte Feuergefecht geführt, das auch seine Frau Graciela das Leben kostete.

Zehn Jahre später will Joe nur noch eine friedliche Jugend für seinen Sohn Tomas. Doch so bereitwillig er die Mafia-Macht Don Bartolo und Rico DiGiacomo überlässt und dem Syndikat nur noch als Consigliere dient - Gangster gehen eben nicht einfach friedlich in Rente.

Ein Killer, so heißt es, wird das Finanzgenie des Kartells an Aschermittwoch ermorden. Doch wer sollte die goldene Gans schlachten wollen?

Florida ist hier kein "Sunshine State"

"Am Ende einer Welt" nennt Lehane nicht sonderlich hoffnungsvoll sein jüngstes Werk. Und wieder bringt er das Kunststück fertig, dass man Joe Coughlin zwar prinzipiell verabscheuen mag, aber gleichwohl um ihn bangt, seine zunehmend panischen Puls fühlt und aus seinen Albträumen aufschreckt.

Für den 50-jährigen Autor ("Mystic River", "Shutter Island") ist der Schauplatz Florida kein "Sunshine State". Nein, hier fällt "öliger Regen, als ob die Götter schwitzten". Es werden traurig-schaurige Lieder gesungen, wie das von der "schwarzen Maid", die fern von daheim schläft: "in den Föhren, in den Föhren, wo die Sonne niemals scheint". Mit der Romantik von Ganovenehre und ungeschriebenem Kodex ist es in diesem Dschungel nicht weit her.

Es gilt eine einzige Regel: "Jeder kann getötet werden. Jederzeit. Aus jedem beliebigen Grund." Das muss Moontoth Dix als geachteter Pate des Farbigenviertels ebenso erfahren wie all jene, die dem sadistischen "King Lucius" in die Quere kommen.

Der Autor aus Massachusetts weiß, wie man Gewalt inszeniert: ansatzlos, knallhart, schockierend. Aber er beweist auch dabei sein untrügliches Gespür für erzählerische Ökonomie. Hier herrscht immer gerade so viel Grauen, dass es auch dann den Hintergrund verdunkelt, wenn sich Joe gerade mit der scheinbar spröden Gattin des Bürgermeisters von Ybor City vergnügt.

Nebenbei wirkt auch Lehanes sinnliches Bild vom Verbrechen vor Kriegskulissen stimmiger als James Ellroys Kolossalgemälde in "Perfidia", das die gleiche Zeit beschwört. Doch letztlich geht es hier nicht um Fedoras und Straßenkreuzer, sondern um einen Thriller, der zum Requiem wird. Ausgerechnet Lucius macht Joe die Spielregeln klar: "Vielleicht opfern Männer wie wir für alle Zeit unseren Seelenfrieden, um Männer wie wir zu sein."

Warum sieht er diesen seltsamen kleinen Jungen?

Coughlin jedenfalls fragt sich, warum nur er immer wieder diesen seltsamen kleinen Jungen sieht, der ihm wie ein Bruder ähnelt. "Überlastung", meint der Arzt, doch seine Tabletten helfen nicht. Dieses Gespenst wird Gesellschaft bekommen, einen ganzen Geisterzug von Ermordeten, in den sich auch ein Mörder mischt.

Wenn der Autor Dennis Lehane nicht längst seine einsame Klasse gezeigt hätte - spätestens in diesem irrlichternden Totentanz-Finale wüsste man, dass er den Krimi zur ganz großen Bühne für Schuld und Sühne, Gier und Untergang macht.

Dennis Lehane: Am Ende einer Welt. Roman, aus dem Amerikanischen von Steffen Jacobs. Diogenes, 394 S., 24 Euro.