Es riecht nach Ordnung und Schweinefleisch

Lore Stefanek inszeniert Martin Sperrs bissiges Volksstück "Jagdszenen aus Niederbayern" - Es sind wirklich keine netten Leute, die sich auf Martin Kukulies' Bühne in der Halle Beuel versammeln

Beuel. Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch. Also sprach und warnte Bert Brecht am Schluss seines "Arturo Ui". Der Dramatiker Martin Sperr hat Brechts Worte ernst genommen. In seinem Stück "Jagdszenen aus Niederbayern" - erstmals aufgeführt 1966 in Bremen, 1968 verfilmt von Peter Fleischmann - führt er vor, dass sich die Zeiten ändern, aber die Menschen häufig dieselben bleiben.

Vor allem in dem Dorf Reinöd im Niederbayerischen, in dem Sperr seine Geschichte kurz nach der Währungsreform spielen lässt. In diesem niederbayerischen Mikrokosmos, in dem es wieder nach Ordnung und Schweinefleisch riecht, hat ein Schwuler wie Abram keine Zukunft. Für solche Leute, heißt es, "gehört der Hitler wieder her".

Es sind keine netten Leute, die sich auf Martin Kukulies'' Bühne in der Halle Beuel versammeln, weder der bestechliche Pfarrer (Stefan Preiss) noch der aasige Bürgermeister (Wolfgang Rüter) und seine pusselige Frau (Ulrike Schloemer). Auch so einem wie dem obszönen Knecht Georg (Günter Alt) möchte man nicht im realen Leben begegnen.

Dem dauerquasselnden Totengräber (Rolf Mautz) ebensowenig wie der fiesen Metzgerin (Anke Zillich) und der opportunistischen Lehrerin (Tatjana Pasztor). Kukulies hat den Raum zum einen in eine Nachkriegs-Trümmerlandschaft verwandelt, in der aber auch Zeichen des Fortschritts zu entdecken sind, zum Beispiel eine Werkbank. Zum anderen hat er sozusagen die Brecht-Gardine aufgehängt.

Den Zuschauerblöcken gegenüber steht eine Tribüne, auf der die Figuren sitzen wie Spieler und Publikum in einem. Das Theater lässt sich in die Karten gucken, die Zuschauer sollen merken, dass ihnen hier ein mitunter sprödes Stück Aufklärung vermittelt wird. Mitdenken ist angesagt, aber auch Miterleben und Mitleiden.

Lore Stefanek kannte den vor zwei Jahren gestorbenen Autor Sperr, sie hat seinem Werk keine Gewalt angetan, ganz im Gegenteil. Im Geiste des Autors blickt sie unbarmherzig und genau auf eine Gesellschaft, die Außenseiter verfolgt und ausstößt, in der das Materielle über die Mitmenschlichkeit triumphiert, in der dumpfe Affekte und schlummernde Aggressionen ein Ventil suchen.

Melvyn Poores Tuba liefert den musikalischen Kommentar zum Stück: Sie bläst Trübsal und produziert halb archaische, halb tierische Grusel-Laute. Stefanek nutzt die Breite und Tiefe des Raumes, arrangiert Gruppenbilder, konzentriert sich aber auch aufs intime Detail.

In einer der stärksten Szenen des Abends kollidiert die besitzergreifende, verzweifelte Liebe der Tonka (Nicole Kersten) mit den Fluchtreflexen des schwulen Abram (Raphael Rubino), von dem sie - Ironie der Geschichte - schwanger ist. Hier steigern sich unvereinbare Bedürfnisse zur Raserei, am Ende bringt ein Messer die gewaltsame Lösung.

Welche sexuellen Stimuli die kollektive Hatz auf den Außenseiter auszulösen vermag, zeigt Stefanek in einem Bild von großer Ausdruckskraft: Als Abram wie ein Tier gejagt wird, stoßen die Frauen hysterische Lustschreie aus. Am Ende sieht man das Opfer inmitten seiner feist-selbstzufriedenen Verfolger.

Das Gruppenbild hat die subversive Kraft einer bösen Karikatur. In diesen Augenblicken belegt das Stück seine Gültigkeit. Der Schoß ist fruchtbar, aus dem der Affekt gegen Außenseiter und Fremde auch heute noch kriecht.

Das große Ensemble ist den Anforderungen und Zumutungen des Stückes gewachsen. Martina Krauel (Abrams Mutter), Raphael Rubino und Nicole Kersten transportieren die größten emotionalen Lasten. Nito Torres Y Soria (Volker) ist der explosive Liebhaber der Ich-nehme-mir-was-ich-will-Bäuerin (Manuela Alphons). Oleg Zhukov gibt den jenseitig geschminkten, sprachbehinderten Rovo, der ausgerechnet bei Abram emotionale Nähe sucht und findet. Natürlich nicht lang.

Verena Bukal als reizend selbstumspannte GI-Freundin bringt einen Lichtstrahl ins dunkle niederbayerische Universum. Und Jeremy Mockridge und Yorck Dippe demonstrieren, dass dem Bonner Theater-Ensemble prima Fußballer angehören: Das Wunder von Beuel.

Die nächsten Aufführungen: 6., 9., 16., 24., 28. und 30. März; Karten unter anderem in den Geschäftsstellen des General-Anzeigers.

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