Die Reise ins Innere aller Verzweiflung

Das beeindruckende Bühnenstück "Meeresrand" wird in der Beueler Brotfabrik aufgeführt

Beuel. Einmal - das hat sie sich geschworen - sollen ihre beiden Söhne Kevin und Stan das Meer sehen. Und wenn es das Letzte ist, was die beiden in ihrem Leben tun. "Denn das Meer konnte keine Enttäuschung sein. Das gab es einfach nicht. Das Meer ist überall für alle gleich", heißt es im Debütroman der 1962 in Nizza geborenen französischen Schriftstellerin Véronique Olmi.

Unter dem Originaltitel "Meeresrand" hat die Schauspielerin und Autorin Gilla Cremer vom Theater Unikate den Roman zum Bühnenstück gemacht, das jetzt in der Beueler Brotfabrik zu sehen war.

Einfach, klar und manchmal schon fast gefühllos klingen die Sätze der Protagonistin ohne Namen, der Gilla Cremer ihre Stimme gibt, während der Cellist Patrick Cybinski den Monolog begleitet. Mit den beiden Jungs und zwei voll bepackten Sporttaschen ist sie eines Nachts in einen Bus gestiegen, der sie alle drei ans Meer bringen soll.

Doch selbst der Meeresrand hält nur noch Enttäuschungen bereit: Die See ist nicht blau und glitzernd, sondern grau und aufgewühlt. Für die Mutter von Kevin und Stan spielt auch das keine Rolle mehr - sie hat ihren Entschluss längst gefasst, weil es für ihre Kinder in dieser bedrohlichen und kalten Welt ohne Geld und dessen Schutz keine Zukunft mehr gibt.

Wie leicht wäre es an dieser Stelle, sich von diesem scheinbar so weit entfernten, trostlosen Schicksal der Frau zu distanzieren - wenn Olmis Roman und das schauspielerische Können von Gilla Cremer dies jetzt noch zuließen. Die Geschichte mag verstören oder ihre leise eindringliche Art auch einfach "nur" beeindrucken. Gleichgültigkeit hingegen ist ausgeschlossen.

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