1. Bonn

So gesehen: Der Zauber kommt wieder

So gesehen : Der Zauber kommt wieder

Am Samstag füllt sich die Innenstadt mit Kunden und Besuchern, die sich an der weihnachtlichen Dekoration erfreuen möchten.

Es ist so etwas wie ein Abschied auf Zeit. Am Samstag, dem wahrscheinlich letzten großen Trubeltag in der Bonner Innenstadt vor dem verschärften Lockdown, nieselt es abends aus dem wolkenverhangenen Dezemberhimmel. Ziemlich frisch ist es auch. Und trotzdem schön.

Auf der Sternstraße singt ein schwarzhaariger Junge mit Akustikgitarre so herzergreifend, dass man fast vergisst, wie unpassend das aerosoltechnisch an einem Ort ist, an dem die Maskenpflicht gilt. Am Münster funkeln große Sterne in den Fenstern des Sinn-Kaufhauses. Ein Vater filmt mit dem Handy, wie sich sein Zweijähriger am Kaufhof-Schaufenster mit den beweglichen Steiff-Plüschtieren die Nase platt drückt. Der einzelne Kaffee-Gast am Bestelltresen im hell erleuchteten Starbucks wirkt so verloren wie die nächtlichen Barbesucher bei Edward Hopper.

Es ist voll in der Innenstadt, aber nicht zu voll. Warteschlangen bilden sich vor allem vor dem Media-Markt und klassischen Geschenkartikel-Läden wie Parfümerien und Süßwarengeschäften. Und vor Zara, wo üppige Schnäppchen locken. Bekanntlich verlässt die Modekette das Haus am Markt zum Jahresende. Dafür kommt Appelrath Cüpper – es wird nicht der einzige Umzug eines großen Modehändlers innerhalb der City bleiben, wie man so hört.

Eine Marktschreierin preist kurz vor 18 Uhr lautstark eine unanständig große Menge Weintrauben für einen schlappen Euro an, und man fragt sich, warum ihre Mund-Nase-Maske diese Stimme eigentlich überhaupt nicht zu dämpfen vermag. Wahnsinnsorgan. „Ich bin verliebt in diese Stadt“, sagt eine attraktive Mittvierzigerin, die am Arm eines Begleiters unterm Regenschirm über den Platz schlendert.

Ab Mittwoch legt sich zum zweiten Mal seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ungewohnte Stille über die Innenstadt. Weil es jetzt darum geht, diejenigen wirkungsvoller als bisher zu schützen, für die das Virus eine tödliche Gefahr darstellt. Das härteste Weihnachtsfest seit Kriegsende, wie es ein gewisser Ministerpräsident etwas tolpatschig formuliert hat, wird es trotzdem nicht. All die Dinge, die den Alltag schöner machen, sie werden wiederkommen. Das weiß auch jene Dame, sicher an die 80 Jahre alt, die am vorigen Freitag in einem Bonner Supermarkt mit einem Verkäufer spricht, den sie kennt: „Ich sach’ mal, mir geht es gut“, sagt sie. Lacht und fügt hinzu: „Das ist die beste Medizin.“