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Ein Tag in der Bonner Altstadt: Traditionshandwerk trifft Multikulti

Ein Tag in der Bonner Altstadt : Traditionshandwerk trifft Multikulti

Punkt 7.30 Uhr öffnet Heinz Fuhs das große Tor zum Hinterhof der Hausnummer 90 in der Heerstraße. Er ist einer der ersten, der am Morgen in der Bonner Altstadt sein Geschäft öffnet. Noch scheint das Viertel im Schatten des Stadthauses tief zu schlummern.

Vereinzelt hasten Passanten in Richtung Innenstadt. Einige Lieferwagen quälen sich durch die engen Straßen. Noch hat kein Gemüsehändler seine Obst- und Gemüsekörbe auf den Bürgersteig gestellt. Die Kunden einiger Boutiquen müssen sich gar bis zwölf Uhr gedulden. Erst dann werden sich die Ladentüren öffnen. Erst ab zehn Uhr wird Frühstück in einem der zahlreichen Cafés angeboten. Der Duft frischer Brötchen und frischen Kaffees verrät, dass aber bereits die Bäckereien aufhaben.

Wie etwa in der Straße, wo auch Fuhs' Betrieb ist. Seit 25 Jahren betreibt er in der Heerstraße eine Polsterei. Zur Straßenseite hin verweist nur ein unauffälliges Schaufenster auf den Handwerksbetrieb. In der Werkstatt im Innenhof tauscht Fuhs ein durchgesessenes Polster gegen ein neues aus und bezieht es mit edlen Stoffen. "Och, das ist doch normal um diese Uhrzeit", winkt Fuhs ab, wenn er auf seinen frühen Arbeitsbeginn angesprochen wird. Jeder Handwerker würde doch so früh anfangen. Aus dem Stegreif nennt der 56-Jährige gleich drei weitere Betriebe, die ebenfalls früh loslegen. Darunter sind Maler und Schreiner.

Was viele Zugezogene nicht wissen: Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert florierte in der Altstadt das Handwerk. Im Erdgeschoss der Gebäude waren Geschäfte und Werkstätten, in den Geschossen darüber wohnten die Inhaber. Bis heute ist die gemischte Struktur aus Gewerbe und Wohnraum in vielen Häusern erhalten geblieben. Nun bezeugen jedoch weniger Schaufenster und offene Hinterhoftüren die Betriebe, sondern vermehrt der Geruch von Farbe und frisch geschnittenem Holz, wo die Handwerker arbeiten.

[kein Linktext vorhanden] Das lebendige Viertel zieht auch Menschen aus den umliegenden Stadtteilen an. Am Vormittag etwa entpuppt sich die eigentlich triste Betonwüste rund um das Frankenbad als wahrer Familienmagnet. Mütter und Väter klönen in Grüppchen auf den Parkbänken, während die Kleinen den spartanischen Spielplatz in Beschlag nehmen. Von Hochglanzidylle ist hier nichts zu sehen, und dennoch ist die Atmosphäre herrlich entspannt. Der stadtbekannte Caféroller tut sein übriges dazu. Denn die Männer und Frauen, die hier verweilen, sind sich einig: Erst mit der Kaffeetasse in der Hand wird aus dem grauen Platz ein Naherholungsgebiet. Dazu im Frühjahr der bezaubernde Anblick blühender Kirschbäume in den Straßen.

Vereinzelt verirren sich Obdachlose auf den Platz vor dem Schwimmbad. Doch die Sesshaften stören sich nicht an dem Bild der Wohnungslosen. Auch für die werdende Mutter Nino Leko gehören sie dazu. "So etwas gibt es in jeder Stadt", merkt sie zu dem Thema fast gelangweilt an. Irgendwohin müssten diese Menschen ja nun auch. Für schön befindet sie den Platz an der Ecke Adolfstraße/Vorgebirgsstraße nicht. Aber er sei belebt. Das schätzt die 32-Jährige.

Gerade jetzt, wenn der Sommer in den Startlöchern steht, ruhe sie sich gerne auf den Bänken aus und genieße die Sonnenstrahlen. Eben jene Sitzgelegenheiten dienen am Abend Jugendlichen und jungen Erwachsenen als Treffpunkt. Was vielen Anwohnern zu laut ist. Auch Fuhs möchte nicht in der Altstadt leben. "Zu laut", erklärt er ebenfalls knapp.

Für Leko kein Problem. Wer in die Altstadt zieht, wisse, dass dort auch nachts viel los sei. Das sei eben der Preis für das zentrale Wohnen. Seit sieben Jahren wohnt sie in der Nähe des Hallenbads. Seitdem habe sich viel getan. Ganze Häuserreihen sind aufwendig renoviert und saniert worden. Im Zuge dessen schossen die Mietpreise ordentlich in die Höhe. "Deswegen mussten viele Einwanderer von hier wegziehen", beschreibt Leko ein Symptom der renovierten Altstadt.

Sogenannte Hipster hätten nun die Straßen zwischen Hochstaden-Ring und Berliner Platz zum Laufsteg mit ihren Jutetaschen und übergroßen Hornbrillen erklärt. Zwar befürchtet Leko, dass mit den Hipstern vermehrt der Charme des Viertels verloren geht, aber wegziehen kommt nicht in Frage. "Das ist doch super hier für Kinder und Jugendliche", ist sie sich sicher. Nicht nur, dass eben Fläche zum Spielen da sei, sondern auch die Nachbarschaft sei sehr nett. Man kenne sich und helfe sich.

Etwas, was auch Konditorei-Betreiber Tolga Sariergin bestätigt. Er betreibt sein Ladenlokal in der Maxstraße. "Die Altstadt ist gemütlich", lautet sein Urteil. Den ganzen Tag über würde er in seiner Konditorei Kunden der unterschiedlichsten Nationalitäten begrüßen. Seine Waren sind es, die vor seiner Ladentür die Häuserschlucht mit süßem Duft erfüllen. Er selbst ist vor zwölf Jahren aus der Türkei nach Deutschland gekommen.

Früher sei der Stadtteil von vielen gemieden worden. Er galt als gefährlich. Berichte über Drogendealer und Messerstechereien beleben regelmäßig den Ruf der gefährlichen Altstadt wieder. Für Sariergin ist das aber eine Frage der Berichterstattung. "Überall passieren Dinge", ist er sich sicher. "Aber wegen früher werden Vorfälle hier einfach anders bewertet."

Auch er habe in den vergangenen Jahren eine deutliche Veränderung in seinem Viertel festgestellt. Gerade die Maxstraße habe sich doch gemacht. Schließlich erinnere er sich noch gut an die vielen leerstehenden Ladenlokale. "Die ganzen Cafés und Boutiquen haben viel Publikumsverkehr in die Altstadt gelockt", sagt der 39-Jährige. Das einzige, was nun noch fehle, sei eine Fußgängerzone. Die Maxstraße sei dafür geradezu ideal. "Das wäre doch für die Anwohner und die Geschäftsleute gut", fasst er die Vorteile seines Vorschlags zusammen.

Erst gegen 22 Uhr wird der Familienvater das Licht in seinem Laden ausknipsen. Wenn dann die Tür klackend ins Schloss fällt, geht es in den benachbarten Kneipen erst richtig los. Bis am nächsten Morgen nur noch Bierflaschen, Zigarettenstummel und Fast-Food-Müll auf dem Gehweg an die Nachtschwärmer erinnern.