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Sabriye Tenberken zu Gast in Bonn: Von der Waldorfschule aus nach Tibet und Indien

Sabriye Tenberken zu Gast in Bonn : Von der Waldorfschule aus nach Tibet und Indien

Sabriye Tenberken ist eine Botschafterin des Mutes und der Willenskraft: Als Kind erblindet, reiste sie als Erwachsene in der Welt und lehrte später in einem viel beachteten Projekt in Tibet blinde Kinder das Lesen. Ihre frühere Schule, die Waldorfschule in Tannenbusch, besuchte sie nun zum 50-jährigen Bestehen.

Sabriye Tenberken (51) ist seit ihrem zwölften Lebensjahr blind. Aufgrund einer Netzhauterkrankung im Kindesalter verlor sie ihr Augenlicht vollständig. Das hat die frühere Schülerin der Freien Waldorfschule Bonn in Tannenbusch nicht daran gehindert, die Welt zu bereisen und ihr privates Glück zu finden. Zahlreiche Preise hat sie bereits für ihr soziales Engagement erhalten und war in dem Projekt „1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005“ mitnominiert.

Tenberkens Liste der Errungenschaften und persönlichen Auszeichnungen ist lang. Ihr jahrelanger sozialer Einsatz in verschiedenen Teilen der Welt haben ihr Ehrungen wie das Bundesverdienstkreuz oder den Albert-Schweitzer-Preis eingebracht.

Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr besuchte Tenberken die Waldorfschule. Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Schule war sie wieder dort und hielt am vergangenen Freitag einen Vortrag mit dem Titel „An Widerständen wachsen“. Die per Livestream übertragene Veranstaltung war Teil der Jubiläumsfeier. „Wir danken Frau Tenberken, dass sie uns an ihrer bewegenden Lebensgeschichte teilhaben lässt“, sagte Christopher Braun, Sprecher der Schule.

Der Verlust ihrer Sehkraft hielt die Bonnerin nie davon ab, ein ereignisreiches Leben zu führen. „Ich wollte schon immer Abenteuer erleben, alleine die Welt bereisen und schreiben“, erzählt Tenberken. Bereits als Schülerin habe sie es für einen Auslandsaufenthalt nach Amerika gezogen. „Nach der Schule habe ich mich gefragt, gibt es ein Leben nach dem Abitur? Für mich war es klar, dass ich etwas Sinnvolles mit meinem Leben anfangen wollte.“

Mit 27 Jahren alleine nach Tibet

Die in Köln geborene aber in Bonn aufgewachsene Tenberken entschloss sich, nach ihrem Abitur an einer Blindenschule anschließend die Fächer Tibetologie, Soziologie und Philosophie an der Universität Bonn zu studieren. Als erste Blinde in Deutschland wagte sie sich an ein Studium der Zentral-Asienwissenschaften. Kurz vor ihrem Abschluss übermannte sie jedoch das ihr zeitlebens innewohnende Fernweh, und sie reiste alleine im Alter von 27 Jahren nach Tibet. Dort lernte sie ihren Lebenspartner Paul Kronenberg kennen, mit dem sie die Organisation „Braille ohne Grenzen“ gründete. Beide leben heute gemeinsam im südindischen Trivandrum. Die bereits während ihres Studiums von Tenberken entwickelte Brailleschrift für die tibetische Sprache gilt bis heute als offizielle Blindenschrift des Landes. Daneben ermöglichte die von ihr und Kronenberg gegründete Blindenschule in der Hauptstadt Lhasa bis zu ihrer Schließung vielen Blinden ein selbstbestimmtes Leben. „Leider ist die Schule nach über 19 Jahren geschlossen worden, und unser Visum wurde nicht verlängert. Die chinesischen Behörden vor Ort wollten keine ausländischen NGO’s im Land haben. In ganz China fragt man sich, warum“, sagte Tenberken.

Neuer Wirkungskreis in Südindien

Besser ergeht es dem von Tenberken und Kronenberg gegründeten „Kanthari-Zentrum“ im südindischen Kerala. „Dort werden Menschen aus 50 Ländern ausgebildet, die den Traum haben, die Welt zu verändern“, so Tenberken. So nutze man einen zwölfmonatigen Lehrgang, um „in von internationalen Experten geführten Workshops Social Leaders auszubilden“. Dadurch seien in den vergangenen Jahren mehr als 130 Projekte entstanden, die mehr als 50.000 hilfsbedürftigen Menschen zugutekommen.

Die Kosten würden dabei weitgehend durch Spenden finanziert, welche durch den Förderkreis „Braille ohne Grenzen Kanthari e.V.“ gesammelt werden. „Wir freuen uns immer sehr über Spenden. Denn trotz aller Erfolge gibt es noch sehr viel zu tun“, so Tenberken. Erfolgreiche, durch das Zentrum initiierte Projekte seien beispielsweise eine Tanzschule für Blinde in Nepal, Frauenrechtsbewegungen in Kenia, Klimaschutzprojekte in Nigeria, sowie Behindertenprojekte in Indien oder Unterstützung für Waisenkinder in Kamerun. „Es geht mir nicht darum, durch meine Tätigkeit Auszeichnungen zu erhalten. Wobei die natürlich gut sind, um auf der großen Bühne ernst genommen zu werden“, erklärt Tenberken.

Weitere Informationen zum Projekt von Tenberken und Kronenberg in Südindien gibt es auf der Internetseite www.Kanthari.de.